28.10.2021

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23.09.00 Wasser als Heilmittel

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. September 2000


Wasser als Heilmittel
Erinnerung an den "Wunderdoktor" Vinzenz Prießnitz aus Schlesien

Als ich den Nachlaß meiner alt gewordenen Mutter durchsah, fand ich in einer Schublade Leinen-stücke, einen langen Schal aus Schafwolle und ein weiches, braunes, wasserundurchlässiges Tuch, das Mutter "Guttapercha" nannte. Ich weiß nicht, woher diese Bezeichnung stammt. Aber Mutter benutzte sie oft, wenn sie von jenem dramatischen Geschehen erzählte, da ich, ein Kind noch und zusammen mit ihr aus dem zerbombten Hamburg in die Lüneburger Heide evakuiert, schwer an einer Lungenentzündung erkrankt war. Der Arzt kam aus dem Nachbarort, aber Medizin gab es nicht. Durch seine Vermittlung bekam meine Mutter von einem Pfleger im zum Lazarett umfunktionierten Schulhaus jenes Stück "Guttapercha".

Über die Verwendung der Tücher und die wundersame Heimkraft einer Schwitzkur hatte meine Mutter vermerkt: "Die Brust des Kranken mit einem in kaltes Wasser getauchten, ausgewrungenen Leinentuch glatt umwickeln, darüber Guttapercha geben und den wollenen Schal. Gut zugedeckt muß der Patient schwitzen. Den Umschlag alle zwei Stunden erneuern."

Ich habe selbst keine Erinnerung mehr an die Höllenqual der Schwitzkur, durch die ich gesundete. Meine Mutter hat wohl später mehr über diese Behandlungsmethode lesen können. Jedenfalls hat sie einige Zeitungsausschnitte, in denen nach 1950 über den "Wunderdoktor" Vinzenz Prießnitz berichtet wurde, aufbewahrt.

Mir ist bekannt, daß es heute wirksame Medikamente gegen eine noch immer gefährliche Lungenentzündung gibt. Ich meine, es lohnt dennoch ein Rückblick auf das Leben und Wirken des Wasserheilers, der nie die Medizin aus Lehrbüchern studierte, sondern seine Heilkunst allein seiner guten Beobachtungsgabe und seinem ausgezeichneten Gedächtnis verdankte.

Der am 4. Oktober 1799 zu Gräfenberg in Schlesien geborene Vinzenz Prießnitz starb daselbst am 28. November 1851. Er hinterließ eine feinsinnige Frau, einen Sohn und sechs Töchter, die er in seinem Testament mit den Anwendungsstätten (Badehäuser, Baracken, in denen die Patienten wohnten, und ein Kurheim) bedachte.

Alle Bediensteten, auch die, die in der Umgebung von Gräfenberg in ihren Häusern Badestuben eingerichtet hatten und dort Patienten betreuten, waren von ihm selbst gut ausgebildet worden. In diesem Testament ist auch Vinzenz Prießnitz’ Verordnung zu lesen, seine Leiche zu sezieren.

Damit wollte der viel gepriesene und oft geschmähte Mann, der sich 1829 wegen Kurpfuscherei zu verantworten hatte und vier Tage Arrest bekam, zu dem aber ab 1830 jährlich um die 2000 Patienten von weit her anreisten, um sich durch seine "Wasserkunst" kurieren zu lassen, sein Heilverfahren zum Wohle der Menschheit vor den Angreifern retten.

Mit der Aufgabe der Untersuchung seines Leichnams wurden ehrenwerte, kritische Ärzte beauftragt. Sie attestierten, daß Vinzenz Prießnitz an einer Entartung seiner Leber und Nieren verstorben war. Diese sei auf einen schweren Unfall zurückzuführen, den der Verstorbene in seinem achtzehnten Lebensjahr erlitten habe, als die Pferde scheuten und der beladene Wagen den Verunglückten quetschte. Der herbeigerufene Arzt stellte innere Verletzungen und Rippenbrüche fest. Er gab dem Verunglückten keine Überlebenschancen. Man transportierte den jungen Mann in sein Elternhaus und überließ ihn der Obhut seiner Mutter.

Der Frau fiel ein, daß ihr Junge sich Jahre zuvor beim Holzstapeln den Daumen arg geklemmt hatte. Der Jüngling hatte sich selbst kuriert mit Waschungen in kaltem Wasser. Oft lief er zum nahen Wasserfall im Wald und ließ den kalten Sprudel über seine Hand laufen. Daran erinnerte sich bald auch der Schwerverunglückte wieder, als die Umschläge seiner Mutter bereits die Schmerzen gelindert hatten. Die Behandlung wurde fortgesetzt, bis der Kranke wieder aufstehen und arbeiten konnte. Seitdem stand die Erkenntnis in dem jungen Bauernschädel fest: "Wasser heilt in manchen Fällen besser als Medizin!"

Schon als Neunzehnjähriger konnte Prießnitz einen erkrankten Nachbarn heilen. Bald sprachen sich seine Erfolge herum. Viele Patienten – auch prominente – kamen nach Gräfenberg, und das elterliche Anwesen konnte die Kranken selbst in den Scheunen nicht mehr unterbringen. Nachbarn stellten Quartiere zur Verfügung. Baracken wurden errichtet.

Ehe der kaiserliche Hof den Gepriesenen zur Behandlung des schwerkranken Erzherzogs Anton und sieben Jahre später der Kaiserin Mutter nach Wien kommen ließ, wurde eine Kommission unter Führung des kaiserlichen Hofrates Dr. med. Baron Türkheim nach Gräfenberg geschickt, um dort die Methoden des "Wunderdoktors" an Ort und Stelle zu begutachten. Im Jahre 1838 wurde Vinzenz Prießnitz endlich die behördliche Bewilligung zur Errichtung einer Bade- und Kuranstalt in Gräfenberg erteilt. Das große Kurhaus konnte gebaut werden. Dort soll noch im Kriege ein Wandspruch verkündet haben: "Wenn man krank wird, denkt man an sein Leben, wenn man wieder gesund wird, an sein Geld." Anne Bahrs