17.10.2021

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30.09.00 Ein Stolperstein auf dem Wege in die Europäische Union

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. September 2000


Tschechei:
Das Kernkraftwerk Temelin
Ein Stolperstein auf dem Wege in die Europäische Union

Seit zwei Wochen brodelt es an der Grenze zwischen der Tschechei und Österreich. Schuld daran ist nicht die Straßenprostitution, sondern es sind die Grenzblockaden der österreichischen Anti-Atom-Aktivisten. Zu der Mobilisierung der Atomkraftgegner führte die in Kürze bevorstehende Inbetriebnahme des tschechi-schen Atomkraftwerkes Temelin. Nicht nur die Landesregierung von Niederösterreich, sondern auch die Regierung in Wien unterstützt die Blockaden. So scheint sich das Atomkraftwerk (AKW) zu einem Hindernis auf dem Wege in die EU zu entwickeln, denn die österreichische Regierung will aus der Sicherheit des Atomkraftwerkes ein Thema bei den Beitrittsverhandlungen machen.

Das Atomkraftwerk Temelin hat bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Geplant wurde es Ende der 70er Jahre, also tief in der kommunistischen Zeit. 1980 wurde das südböhmische Dorf Temelin bei Budweis als Standort für das zweite tschechische Atomkraftwerk ausgewählt. 1981 wurden 35 Milliarden Kronen für den Bau bereitgestellt. Es sollte ein Kraftwerk des sowjetischen Typs VVER-1000 gebaut werden. Als Fertigstellungstermin war das Jahr 1992 geplant. Der Bau verlief bis zur Wende 1989/90 planmäßig. Die Schwierigkeiten tauchten während des Jahres 1990 auf, als das Projekt in Frage gestellt wurde. Es folgte ein Baustopp, der bis 1993 anhielt. Erst im März 1993 entschied die Regierung der neu gegründeten Tschechischen Republik über den Weiterbau des Kraftwerkes, allerdings ausgestattet mit westlicher Elektronik. Mit dem Auftrag wandte man sich an die Firma Westinghouse. Dies führte nicht nur zum enormen Anstieg der Kosten, sondern auch zu immer größeren Verspätungen beim Baufortschritt. Schließlich mußte man 1997 feststellen, daß ohne russische Experten die Westinghouse-Technologie an den VVER-Reaktor nicht angeschlossen werden kann. Bis Sommer 2000 überschritten die Baukosten 100 Milliarden Kronen (6 Milliarden Deutsche Mark).

Das Kraftwerk Temelin wäre nach dem Kraftwerk Dukovany das zweite Atomkraftwerk in der Tschechei. Die Entscheidung für den Bau ist aus mehreren Gründen gefallen. Vor allem sollten die veralteten Kohlekraftwerke in Nordwestböhmen entlastet werden. Die Tschechei verfügt über wenig Wasserkraft, so schien der Weg zur Atomenergie ideal. Mit Protesten der Atomkraftgegner rechnete das kommunistische Regime nicht, das Unglück von Tschernobyl kam erst nach dem Baubeginn. In der Nachwendezeit entstanden auch in der Tschechei Umweltschutzinitiativen. Diese wandten sich sofort gegen den AKW-Bau. Die tschechische Bewegung DUHA (Regenbogen) organisierte in Zusammenarbeit mit österrei-chischen und deutschen Aktivisten viele Protestaktionen. Die Reaktionen der tschechi-schen Regie-rung blieben ab-lehnend. Die Teilnahme ausländischer Atomkraftgegner führte zu dem Vorwurf, die ganze Kampagne werde aus dem Ausland gesteuert, weil das Ausland am Verkauf teueren Stroms interessiert sei und neue Kapazitäten auf dem Strommarkt verhindern wolle. Auf diesem Vorwurf beharrt in ihren schroffen Antworten auch die jetzige Regierung Zeman.

Die Inbetriebnahme des AKW Temelin hat sich in ein internationales Politikum verwandelt.

Für Österreich ist die Ablehnung von Temelin eine willkommene Gelegenheit, Prag die Unterstützung der EU-Sanktionen zu vergelten. Da es in Europa viele Atomkraftgegner gibt, ist dies ein Faktor, der in Prag nicht unterschätzt werden sollte. Sehr interessant wird die Haltung Berlins sein, denn dort regiert eine Anti-Atom-Koalition. Dort wird man, schon um der eigenen Glaubwürdigkeit willen, auf die Tschechen Druck ausüben. Vom Minister Trittin ist man scharfe Töne gewöhnt. Die Tschechei könnte allerdings versuchen, ihren Status als Siegerstaat ins Spiel zu bringen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob es in Mitteleuropa ein Atomkraftwerk mehr geben wird oder nicht. Jaroslav Opocoensky´