17.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
30.09.00 Bad Nenndorf wirbt mit Agnes Miegel

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. September 2000


Bad Nenndorf wirbt mit Agnes Miegel
"… nur wieder ein Rastplatz auf langer Wanderung"

Unsere immer sehr engagierte Leserin Uta von Delius sandte uns einen Artikel zu, der im "Westfalen-Blatt" erschienen ist. Und wir lasen erstaunt die Überschrift: "Die Spuren von Agnes Miegel – Bad Nenndorf bietet gesunde Ferien für Genießer". Nanu, hat sich Niedersachsen reumütig auf die große Dichterin besonnen, nachdem die Kulturministerin dieses Bundeslandes einmal so vehement gegen eine "Agnes-Miegel-Briefmarke" zu Felde gezogen war? Jedenfalls wirbt das Staatsbad mit ihr in Wort und Bild. Was wohl die Dichterin dazu gesagt hätte?

Nun, jedenfalls hätte sie wohl gelächelt oder vielleicht sogar gelacht, wenn sie die liebevollen Worte, die sie ihrer "Altersheimat" gewidmet hat, zusammen mit dem Pauschalangebot für eine Minikur "Entzücken für den Rücken" in dem Artikel entdeckt hätte. Auch wir wollen es tun, denn schließlich hat ihr Bad Nenndorf in ihrer schwersten Zeit Obdach für den Lebensabend gewährt, und "die Erinnerung an die bedeutende deutsche Dichterin wird hier liebevoll gepflegt", wie es in dem Artikel heißt. Und das können wir nur bestätigen.

Schon im Vorspann werden ihre Worte an die erste Begegnung mit Bad Nenndorf um die Jahrhundertwende zitiert: "Was ich sah, gefiel mir sofort, wenn ich auch erst viel später die stille Schönheit dieses Zusammenspiels von lieblicher Natur und edler Architektur verstand." In ihren Erinnerungen "Kleine Liebeserklärung an Bad Nenndorf", aus denen diese Zeilen entnommen sind, fügt sie jedoch hinzu: "… die aber schon damals, um die Jahrhundertwende, wie etwas Vergangenes wirkte."

Doch gerade diese Architektur ist es, durch die Bad Nenndorf noch heute besticht. Sie wurde nicht verfälscht wie in manchen alten deutschen Kurorten, man hat sie behutsam integriert in die Anlagen, die für einen modernen Kurbetrieb unerläßlich sind. Historische Bauten wie das Landgrafenhaus von 1791, das kurfürstliche Schlößchen von 1806 und vor allem der Brunnentempel von 1842 strahlen noch immer ihren Zauber aus. Über dieses Tempelchen schrieb Agnes Miegel nach einem späteren Besuch – nicht im Traume daran denkend, daß sie ihre späten Jahre einmal hier verleben würde: "Ich sah mehrere alte Damen an Stöcken und dachte, daß es ganz dienlich wäre, sich der Gunst der schwefelduftenden Quellnymphe zu versichern, und so stieg ich denn in der Rodenberger Allee aus, um nach altem Brauch meinen Obolus in das glasklare, stille Wasser des Brunnentempelchens zu werfen. Nymphen sind dankbar und sorgen für frohe Rückkehr, ob sie in der Fontana Trevi wohnen oder im Blautopf oder in einem verlassenen Heilbrunnen."

Eine frohe Rückkehr? Man könnte sagen: Agnes Miegel war froh, daß ihr in dem stillen Badeort eine bleibende Heimstatt geboten wurde – drei Jahre nach der Vertreibung aus der geliebten Heimat, nach geduldig ertragenem Flüchtlingsleben in dänischen Lagern und dem ersten Obdach auf deutschem Boden in dem ihr so vertrauten Wasserschloß Apelern derer von Münchhausen. "Nach Nenndorf kam ich wieder und diesmal mit einem Trecker von Apelern her, dessen alte Wasserburg mich und meine Gefährtin mit so viel andern Flüchtlingen schirmend aufgenommen hatte. Diesmal nicht jung und erlebnisfroh auf dem Bock eines ländlichen Einspänners, sondern, wie es grauhaarigem Alter zusteht, auf dem einem Trecker angehängten Gummiwagen in bequemem Sessel – dem Prunk- und Mittelstück unsres bescheidenen Flüchtlingshaushaltes. Der alte Quell lag noch da, aber diesmal stieg ich nicht ab, sicher, daß mein Obolus noch in dem klaren Wasser lag …"

Von dem Sessel, der dann in dem hellen Südzimmer des Hauses stand, das ihr endlich Geborgenheit gab, sah sie so gerne auf die stille Straße mit den dickschopfigen Ahornbäumen wie auf etwas Langstvertrautes, "… und wußte doch, es war nur wieder ein Rastplatz auf langer Wanderung. Aber etwas von dem Sommerfrieden jenes fernen Augusttages vor dem alten Kurhaus kam zurück in unverändertem Glanz und erfüllte mein Herz mit stiller Zuversicht, als sagte es zu mir mit der Stimme einer alten Liebe: Du bist angelangt. Aus dieser Straße wirst du noch einmal fortgehen – aber nicht mehr aus Nenndorf." So ist es dann auch geschehen.

Ich habe sie damals oft besucht – schon auf Apelern wo sie frierend in einem kalten Burgzimmer hoch über dem Wassergraben in dem erwähnten Sessel saß und sich über die Handvoll Veilchen freute, die eine wärmende Märzsonne mir an den Wegrand gezaubert hatte – für sie! Und dann in dem weißen Haus in Nenndorf, das so heimelig war, vor allem durch ihre Herzenswärme und den spürbaren Abendfrieden eines langen erfüllten Lebens. Wenn ich am seitlichen Eingang stand, blickte ich unwillkürlich zum Giebel hoch – so hatte sich doch ihr Wunsch erfüllt, den sie in einem frühen Gedicht aussprach: "Gib am Ende meiner Wanderschaften, wenn der Abend langsam niedersinkt, daß ein Schall von Feierabendglocken süß und tröstend mir zu Ohren dringt. Gib mir dann ein Haus mit hohem Giebel …"

Wie vieles aus ihren Gedichten findet man, wenn man durch diese Deisterlandschaft mit den Buchenwäldern geht, die sie so liebte: "Es war der schönste Wald, den ich gekannt mit einem fremden, reichen Märchenleben. Mohnblüten brannten rot an seinem Rand, und Rehe tranken abends aus den Gräben. Nur ein paar kurze Sommerstunden sah ich kinderglücklich jene alten Buchen – und doch, ich weiß es: ist mein Sterben nah, werd ich im Traum nach jenem Walde suchen." Die Buchenwälder stehen auch hügelnah über dem Friedhof, auf dem sie ihre letzte Heimstatt gefunden hat.

Daß sie Bad Nenndorf "die geliebte kleine Heimat meines Herzens nannte", wird ebenso in dem Artikel erwähnt, wie der Heinweis, daß im Agnes-Miegel-Haus die Erinnerung an die Dichterin lebendig gehalten wird. Auch die von Ernst Hackländer geschaffene Skulptur im Kurpark ist abgebildet, die "die junge Agnes" zeigt, wie sie wohl ausgesehen haben mag, als sie zum ersten Mal – vor rund 100 Jahren! – in dem stillen Kurbad weilte.

Sehen wir also über die "Gesunden Ferien für Genießer" und detaillierte Kurangebote hinweg, mit denen das Staatsbad wirbt. Das ist durchaus legitim. Freuen wir uns lieber darüber, daß geraten wird, auf den Spuren der großen deutschen Dichterin zu wandeln, und dies in so liebenswerter Weise. Spuren sind immer Zeugen von Leben. Ruth Geede