17.10.2021

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07.10.00 Der "Tag der Deutschen" verlangt ein neues Datum

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Oktober 2000


Nachdenken:
Zurück zum 9. November?
Der "Tag der Deutschen" verlangt ein neues Datum
von VERA LENGSFELD

"In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nicht gesehen, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht." Robert Blum, der mit diesen Worten auch die weitgehende Gewaltlosigkeit der Revolution von 1848 pries, fand selbst ein gewaltsames Ende: Er wurde am 9. November 1848 hingerichtet.

Der düster-traurige Monat November scheint der Schicksalsmonat der Deutschen zu sein. Und von allen Novembertagen ist der 9. November der geschichtsträchtigste. Er trägt das Leitmotiv der Spaltung unserer Nation, aber auch des Willens zur Einheit unserer Nation. Er ist der Tag ihrer Größe wie ein Tag ihrer tiefsten Schande.

Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann vom Reichstag die bürgerliche Republik aus, während Karl Liebknecht vom Eosander-Portal des Stadtschlosses, das Honecker in das Staatsratsgebäude integrieren ließ, die sozialistische Republik verkündete und damit die Teilung Deutschlands vorwegnahm und den Bürgerkrieg anzettelte.

Der 9. November anderer Jahre steht für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Zwar scheiterte Hitlers Putsch am 9. November 1923 vor der Münchener Feldherrenhalle, aber genau zwei Jahre später wurde die SS gegründet. Die "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 war der terroristische Beginn eines Vernichtungsfeldzuges der Nationalsozialisten gegen die europäischen Juden.

Brachte nun ausgerechnet der 9. November eine Wende der schwierigen deutschen Geschichte hin zur Freiheit? Der Fall der Mauer 1989 war der Anfang vom Ende des kommunistischen Systems in Osteuropa und der Beginn einer neuen Zeit. Eines der blutigsten Gewaltsysteme der Geschichte fiel zusammen. Sein deutscher Satellitenstaat befreite sich. Und anders als Robert Blum blieben die Akteure dieser Emanzipation am Leben.

Ein Grund zur Freude, sollte man meinen. Ein hoffnungsvolles Zeichen kurz vor dem Beginn des neuen Jahrtausends, daß die Geschichte der Menschheit doch ein Weg zum Besseren sein könnte. Aber elf Jahre nach diesem Ereignis, vor dem alle sachlichen Beschreibungen versagen, sind die Gefühle der Deutschen gemischt. Die getragenen Gedenkreden von Staatsmännern, politischen Beamten und Historikern, die damals allesamt von den Ereignissen überrascht wurden, zeigen das anhaltende Unverständnis der politischen Klasse über das, was vor zehn Jahren eigentlich passiert ist. Denn der 9. November 1989 war nicht die Stunde der Politiker, sondern die Stunde des Volkes. Es war die Stunde der Menschen, die beschlossen, die ihnen zustehende Freiheit, Selbstbestimmung und Souveränität einzufordern: gegen das Machtmonopol der SED im Osten, gegen die satte Zögerlichkeit und das ideologische Unbehagen vieler Politiker im Westen. Das Vereinigungsgebot des Grundgesetzes wurde im Westen von viel zu vielen längst mißachtet oder nur noch rhetorisch bemüht.

Nach Meinung der SED-Politbürokraten hätten die Bürger der DDR nach der Verkündung Schabowskis, daß allen Bürgern ab sofort die Grenzübergangsstellen offen stünden und Reisedokumente ohne die bisher geltenden "besonderen Reisegründe" ausgehändigt würden, am nächsten Tag vor den Revieren der Polizei Schlange stehen sollen, um ihre Pässe zu erhalten. Statt dessen machten sie sich spontan und jubelnd auf in den Westen. Sie brachten die Mauer zum Einsturz. Ohne die Trümmer dieser unsäglichen Mauer hätte es keine Architekten der Einheit geben können. Aber es bedurfte sehr geschickter und engagierter Architekten, um diese Einheit zu vollenden.

Wie kein anderer Tag bietet sich der 9. November an als nationaler Feiertag der Deutschen. Der 3. Oktober erinnert bloß an einen Verwaltungsakt. Dieser Tag ist frei von historischer Zufälligkeit, von geschichtlicher Größe, und er ist bar jeder Emotion. Ein Nationalfeiertag aber soll Affekte hervorrufen: Gedenken, Besinnung, aber auch Stolz und wirkliche Freude. Er darf nicht aufgenötigt sein. Der 17. Juni war eigentlich eine Sache der Deutschen in der DDR. Und er trägt die Erinnerung an ein Scheitern. Seine Bedeutung ist historisch begrenzt. Der 9. November dagegen zeigt nicht nur die ganze Zwiespältigkeit der jüngeren Geschichte unserer Nation, er erinnert zuletzt an einen einzigartigen Sieg der Freiheit, an eine wahrhaft revolutionäre und siegreiche Erhebung gegen die Unfreiheit. Es ist der Tag der Einheit der Deutschen und des Endes von Jalta. Die Nachkriegsgeschichte ist zu Ende. Es ist ein Tag aller Deutschen, ein Tag ihrer Zusammengehörigkeit, ein Symbol ihres Willens, als ein freies Volk zu leben. Er steht der heutigen Generation emotional am nächsten. Er ist unsere wahrer nationaler Feiertag.