17.10.2021

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07.10.00 ZITATE

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Oktober 2000


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Nach Metternichs Sturz benutzte Rußland alle Einflußmöglichkeiten, um seinem bisherigen Allianzgenossen Österreich wieder rasch auf die reaktionären Beine zu helfen. In Berlin machte es gegen die Revolution scharf, und für die Habsburger Monarchie schlug es mit eigener Truppenmacht die aufständischen Ungarn nieder. So undankbar sich dann nachher auch Österreich gegen Rußland verhielt – Minister Schwarzenberg hatte vorhergesagt, daß sich Europa über das Maß der österreichischen Undankbarkeit wundern werde –, so dankbar erwies sich Preußen. Bismarck sah im Zarismus die wirksamste Rückversicherung der preußischen Machtstellung und der Hohenzollernmonarchie. Er wandte sich gegen die rebellierenden Polen und wollte den Draht nach Petersburg unter keinen Umständen abreißen lassen. Alle westlerisch gesinnten liberalen und demokratischen Kräfte in Deutschland erfaßten die stützende Rolle, die das zaristische Rußland für den Fortbestand des preußisch-deutschen Junkerstaates spielte; der anti-östliche Affekt nährte sich in diesen Kreisen aus jener Einsicht. Bekannt ist Bebels Vorsatz, selbst die Flinte auf die Schulter zu nehmen, wenn es gegen das zaristische Reich zu ziehen gelte. Noch die Haltung der deutschen Sozialdemokratie von 1914 war von Beweggründen solcher Art geleitet. Der Zarismus mußte aus dem Weg geräumt werden, wenn das preußische Junkertum fallen sollte.

Unter diesen Umständen war es allerdings merkwürdig genug, daß es zum Krieg zwischen Rußland und Deutschland hatte kommen können. Wie war das geschehen?

Es war das großbürgerlich-imperialistische Interesse, das Deutschland auf den Weg zum Nahen Orient getrieben hatte. In dem Augenblick, in dem Deutschland am Bosporus und in Vorderasien auftauchte, begegnete es sogleich russischem Mißtrauen. Das imperialistische Deutschland hatte bürgerlichen Geist in sich; wenn dieser Geist von nun an der deutschen Außenpolitik die Bahn wies, wenn die junkerliche Herrschaft nur noch eine Fassade war, mußte sich unvermeidlich das Band der russisch-deutschen Beziehungen lockern.

Vom Standort des Westens aus war freilich die Störung des deutsch-russischen Einverständnisses ein ungeheurer Erfolg. Die Reaktion, die dem Westen bisher in Mittel- und Osteuropa widerstrebt hatte, war zerspalten, mehr noch, sie rieb im Kampfe untereinander ihre Kräfte auf. Das reaktionäre Deutschland wurde, im Interesse des Westens, unter Beihilfe des reaktionären Rußland zermürbt und das reaktionäre Rußland durch das reaktionäre Deutschland ruiniert. Rußland und Deutschland standen in Hinsicht auf ihren existentiellen Verfassungszustand gegen den Zug der Dinge, und so schlug schlechthin alles, was sie unternahmen, zu ihrem Schaden aus.

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Man hat des öfteren bemerkt, daß es einen antirömischen Affekt gebe. Er ist eine Ausrucksform der Abneigung, mit der das Land auf die Stadt blickt; insbesondere noch verstärkt wird er durch den Besitz von Neid, den der gewalttätige Junker gegen den listenreichen wohlhabenden Bürger empfindet. Aber auch der europäische Bürger hat seinen schwarzen Mann, durch den er sogleich in Harnisch zu bringen ist: der Russe ist dieser schwarze Man. Ernst Niekisch

"Ost und West Unsystematische Betrachtungen" Holsten-Verlag, Hamburg