17.10.2021

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07.10.00 Ein Hohelied auf Ostpreußen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Oktober 2000


Ein Hohelied auf Ostpreußen
Großer Tag im Thomas-Mann-Haus – Ein Buch überwindet alle Grenzen

Nidden – Das hätte auch Thomas Mann gefallen – so die einhellige Meinung aller Gäste in seinem Haus in Nidden, wo sich Schriftsteller aus vier verschiedenen Ländern aus besonderem Anlaß trafen: Deutsche, Polen, Russen und Litauer priesen "ihr Ostpreußen" in vier Sprachen. Anlaß war die Präsentation der litauischen Ausgabe des Buches "Ostpreußen im Spiegel der Literatur".

Von einer kopernikanischen Wende, deren Chance es mit Hilfe der Literatur zu nutzen gilt, sprach gar der Initiator dieser aufsehenerregenden Anthologie und Herausgeber des deutschen Bandes ("Meiner Heimat Gesicht – Ostpreußen im Spiegel der Menschen und Landschaft", Bechtermünz), Winfried Lipscher. "Heute, nach Jahrhunderten, denken und schreiben junge Autoren wieder grenzüberschreitend, im europäischen Geist. Und so spannt sich der Bogen von den letzten Spuren der Prussen, dem Vaterunser, bis zur Gegenwart."

Rimantas Cerniauskas, Herausgeber des litauischen Bandes, stellte die Vertreter der vier Länder vor: Oleg Gluschkin (Herausgeber der russischen Version) und Sem Simkin für Rußland (Königsberger Gebiet), Mieczislaw Jackiewicz (Generalkonsul in Litauen) und Helmut Peitsch für Deutschland, der, wie Cerniauskas betonte, in Ostpreußen geboren wurde, dort aufgewachsen ist und in 15 Büchern auf vielfältige Weise seine Heimat gewürdigt hat, besonders auch durch aktuelle Beiträge über die Kurische Nehrung und Memel. Darum sein Debüt in der litauischen Ausgabe.

Es waren erhebende Momente, als die Autoren in vier Sprachen das Hohelied auf ihr Land sangen. So trug Sem Simkin, mehrfach preisgekrönter Dichter des Königsberger Gebiets und auch hierzulande gut bekannt, Agnes Miegels "Frauen von Nidden" auf russisch vor. Winfried Lipscher erzählte die bewegende Geschichte von seiner Freundschaft mit Kasimierz Brakoniecki; beide in der gleichen Stadt geboren und doch unter verschiedenen Namen und Völkern: aus Wartenburg/Ostpreußen wurde Barczewo/Polen. Sie überwanden alles Trennende und wurden zu gemeinsamen Herausgebern dieser bahnbrechenden Dokumentation in den vier Sprachen, die auf ostpreußischem Boden gesprochen werden und wurden.

Helmut Peitsch lockerte die Stimmung auf mit einer Lesung aus seinem Humorband "Zwischen Domnau und Schmoditten", aus dem ein längeres Kapitel in dem vorgestellten litauischen Band übernommen wurde. Der Bogen der in dem Vier-Sprachen-Werk berücksichtigten Autoren reicht von Nikolaus Kopernikus bis Arno Surminski, von Christian Donalitius bis Rimantas Cerniauskas, von Stanislaus Hosius bis Wojciech Marek Darski, von Juri Iwanow bis Rudolf Jacqemien.

Es ist natürlich, daß die deutsche Sprache bei der Literatur aus einem Land, das 700 Jahre deutsch war, vorherrschend war. So sind sie alle vertreten, die uns vertraut sind: Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Simon Dach, E. T. A. Hoffmann, Ernst Wiechert, Hermann Sudermann, Agnes Miegel, Arno Holz, Paul Fechter – bis hin zu Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz und Annemarie in der Au.

Aber auch die Sprachen der damaligen Minderheiten und heutigen Bewohner sind stark berücksichtigt worden, gar recht überproportional vertreten. Namen – bis auf wenige Ausnahmen – die kaum jemand kennt. Daß wir sie kennenlernen, ist nun gerade die Absicht dieser Herausgabe. "Ostpreußen war eigentlich schon in früheren Zeiten eine Euro-Kulturregion", meinte Winfried Lipscher. "Politiker schaffen Grenzen, die Kunst überwindet Hindernisse", sagte Helmut Peitsch. "Ich bin glücklich, daß wir so auf dem Wege zu einer gemeinsamen Heimat Ostpreußen finden."

Der Vertreter der Bosch-Stiftung, die dieses verbindende Werk ermöglichen half, Dr. Joachim Rogall, gedachte besonders der vertriebenen angestammten Bewohner, die so ein Stück Heimat wiederfänden. "Das Buchprojekt in vier Sprachen ist ein Kulturdenkmal für Ostpreußen."

Die Präsentation, die im Simon-Dach-Haus in Memel wiederholt wurde, fand auch in der litauischen Presse ein großes Echo. Der Literaturforscher Jurgis Malischauskas stellte in der Zeitung "Klaipeda" fest: "Die Schriftsteller sind die ersten, die eine Zusammenarbeit zur Erhaltung der alten ostpreußischen Kultur begonnen haben." OB