17.10.2021

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07.10.00 Der Kreml hofiert Konkurrenzgründung zur russischen WJC-Gruppe

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Oktober 2000


Moskau:
Will Putin die Juden spalten?
Der Kreml hofiert Konkurrenzgründung zur russischen WJC-Gruppe
Von IVAN DENES

Im Juni dieses Jahres haben die russischen Behörden Wladimir Gussinskij verhaftet, den Inhaber des MOST-Konglomerats, zu dem auch MEDIA-MOST gehört, ein Unternehmen, zu dem wiederum die einzige unabhängige Fernsehkette Rußlands, NTW, neben dem Hörfunksender Echo Moskwj gehört. Gussinskij wurde beschuldigt, irgendwelche Gesetzesbestimmungen beim Erwerb einer unbedeutenden St. Petersburger Kabelgesellschaft mißachtet zu haben. Es folgte ein internationaler Aufschrei seltener Lautstärke, zumal Gussinskij gleichzeitig die Funktion des Vorsitzenden des Russischen Jüdischen Kongresses hält, der Teil des Jüdischen Weltkogresses ist. Nach nur vier Tagen wurde der Mann freigelassen, einige Wochen später durfte er ausreisen. Er flog nach Gibraltar, wo er eine Villa besitzt.

Nicht bekannt wurde zu jenem Zeitpunkt, daß er vor seiner Abreise, genau am 20. Juli, ein Protokoll unterschrieb, in dem er MEDIA-MOST an den Medienarm des größten russischen Konzerns, nämlich GASPROM, verkaufte. MOST hat von GASPROM wiederholt Kredite bekommen – insgesamt 473 Millionen Dollar. GASPROM hielt ursprünglich 30 Prozent der MEDIA-MOST-Aktien, zusätzliche 20 Prozent wurden als Sicherheit für die Kredite des Gaskonzerns hinterlegt. Neben der Schuldentilgung soll Gussinskij 300 Millionen Dollar von GASPROM ausbezahlt bekommen. Das Protokoll wurde vom Medienbeauftragten von GASPROM, Albert Kokh, unterschrieben – und vom russischen Informationsminister, der eigentlich überhaupt nichts bei dem Vertragsschluß zweier privater Unternehmen zu suchen hatte. (GASPROM ist allerdings zum großen Teil in staatlichem Besitz.) Die Moskauer Staatsanwaltschaft stellte formell, scheinbar unter dem Vorwand mangelnder Beweise, das Verfahren gegen Gussinskij am 27. Juli ein.

Gussinskij – so beteuert er jetzt – wurde mit Gefängnis bedroht, falls er nicht unterschriebe, daher betrachte er seine Unterschrift als mit Gewalt erzwungen und das Protokoll als null und nichtig. Daraufhin eröffnete jetzt die Moskauer Staatsanwaltschaft – auf Anzeige von GASPROM – ein neues Verfahren gegen ihn.

Gussinskij gehört ohne Zweifel zu den skrupellosen "Oligarchen", die Rußland nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes und unter der wohlwollend-schützenden Herrschaft Boris Jelzins selbstsüchtig ausgeplündert haben. In seiner Eigenschaft als Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses ist er im Oktober vergangenen Jahres zusammen mit dem Oberrabbiner Rußlands, Adolf Schajewitsch, auf einer öffentlichen Veranstaltung aufgetreten und hat die russische Regierung – damaliger Ministerpräsident: Wladimir Putin – des Völkermordes in Tschetschenien bezichtigt. Eben als leidgeprüfte Juden könnten sie nicht schweigen, erklärten sie. Und Gussinskijs Medien kritisierten seitdem unentwegt den Tschetschenien-Krieg – in offenem Gegensatz zu den meisten anderen, konform gehenden Medien. MEDIA-MOST blieb auf strammem Oppositionskurs, ungeachtet des Protokolls vom 20. Juli. Zuletzt sind Gussinkskijs Medien hart mit Präsident Putin ins Gericht gegangen wegen seiner Handhabe der Krise um das gesunkene U-Boot "Kursk".

Im vergangenen Jahr – also in der Zeit der Ministerpräsidentschaft Putins – wurde in Rußland die "Föderation Jüdischer Gemeinden" als Dachorganisation eingerichtet – von der streng orthodoxen, chassidischen Chabad-Lubawitscher Bewegung. Ein Lubawitscher Rabbiner, Berl Lazar, wurde von der Föderation zum Oberrabbiner Rußlands proklamiert. Die Föderation trat von Anfang an als Konkurrent des Russischen Jüdischen Kongresses auf und Berl Lazar als Gegenspieler Adolf Schajewitschs. Vor einigen Wochen erregte in jüdischen Kreisen ein Bericht großes Aufsehen, demzufolge Schajewitsch von einem "hohen Beamten im Kreml" aufgefordert worden sei, sein Amt abzugeben. Zur Festlichkeit anläßlich der Amtseinweihung Putins als Präsident der Russischen Föderation wurde Berl Lazar eingeladen, nicht aber Schajewitsch.

Die Lubawitscher sind eine außerordentlich bewegliche und erfindungsreiche Organisation, der es nicht selten gelingt, auch die Unterstützung von nicht streng chassidischen Juden zu gewinnen. Dies war der Fall mit einem aus Taschkent stammenden Oligarchen, der in Israel lebt, namens Lev Levaev. Der Mann hat sein Vermögen in Südafrika, im Diamantenhandel gemacht, aber besitzt auch Spielkasinos, Hotels, erschließt Neuland, baut und treibt allerlei andere Geschäfte. Levaev wurde von den Lubawitschern gewonnen, den Bau eines siebenstöckigen jüdischen Zentrums auf dem Grundstück der Marina-Roscha-Synagoge zu finanzieren. Die Marina-Roscha-Synagoge wurde 1993 Opfer einer Brandstiftung, 1996 und 1998 von Bombenanschlägen.

Der Stahl- und Glasneubau wird neben dem Gebetshaus ein Ritualbad, eine Bibliothek, Studios, ein Theater, eine Sporthalle usw. umfassen. Kostenpunkt: zwischen zehn und zwölf Millionen Dollar.

Am Montag, dem 18. September, erschien zur Einweihungsfeier der russische Staatspräsident höchstpersönlich – eine wahre Sensation. Putin hielt sich anderthalb Stunden im Neubau auf und hielt eine kurze Ansprache. Völlig überraschend erschien bei der Feier auch der frühere Dissident und zuletzt israelische Innenminister Natan Schtscharanski und – vielsagend – der amerikanische Botschafter in Rußland, James Collins. Amerikanische Diplomaten in der russischen Hauptstadt kommentierten, der Besuch des russischen Präsidenten sei die bisher nachdrücklichste Stellungnahme Putins für eine pluralistische Religionsfreiheit in Rußland.

Hinter dieser Einschätzung steckt eine erhebliche Dosis Blauäugigkeit. Putin unterstrich nämlich in seiner Ansprache mit Nachdruck, die Föderation der Jüdischen Gemeinden "hat sich als eine konstruktive und einflußreiche Organisation" erwiesen. Das war – für Kenner der Szene – eine ausdrückliche Kampfansage an den Russischen Jüdischen Kongreß bzw. an den World Jewish Congress, dessen wichtiges Mitglied der Russische Kongreß ist – mit mehr als 600 000 Juden in Rußland und etwa drei Millionen in der ganzen ehemaligen Sowjetunion.

Pinchas Goldschmidt, der Oberrabbiner der Stadt Moskau, fand lobende Worte für die Lubawitscher und für die Verdienste, die sie sich mit dem Erbauen des Gemeindezentrums erworben hätten, womit sie zur Wiedergeburt der jüdischen Kultur in Rußland beitrügen. Aber, fügte er hinzu, er habe "große Vorbehalte, weil sie sich benutzen ließen von Kräften von außerhalb der Gemeinde gegen andere Teile der Gemeinde". Und dann fügte er tiefsinnig und warnend hinzu: "Die ganze Föderation ist eine Kreation von Kräften in oder neben dem Kreml. Es ist traurig, aber wahr."

Wer die "Kräfte in und neben dem Kreml" sind, ist unschwer zu erraten: der Geheimdienst, aus dessen Reihen ja der Präsident selbst kommt.

Warum die Erben des KGB – die vermeintlich zu den bestinformierten Leuten auf Erden gehören! – ihren Spitzenvertreter in eine offene Konfrontation mit dem World Jewish Congress schicken, ist unklar. Es ist möglich, daß sie in Erwartung des bevorstehenden Abtritts von Edgar Bronfman von der Spitze des WJC mit einem Verblassen der Organisation, mit einem Schrumpfen ihres Einflusses rechnen. Es ist möglich, daß ihre Analytiker zum Schluß gekommen sind, daß sie einfach dem Einfluß des WJC in Rußland einen Riegel vorschieben wollen, weil sie eine Festigung jener Organisation in Moskau als bedrohlich empfinden. Es ist aber auch oft vorgekommen, daß die russischen Dienste in ihren Einschätzungen grobe Fehler begangen haben und sich diesmal von den wendigen und schlauen Lubawitschern einfach irreführen ließen. Klarheit wird man erst bekommen, wenn die Stellungnahme des WJC zu dem neuen Verfahren gegen Wladimir Gussinskij bekannt wird. Stellt sich der WJC hinter den Präsidenten ihres russischen Zweiges, dann wird es zu einer langen und spektakulären Konfrontation zwischen zwei Organisationen kommen, die beide weltumspannend sind.