28.10.2021

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14.10.00 "Kann es gutgehen, wenn …?"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


"Kann es gutgehen, wenn …?"
Moralische Kommentare sparen bisweilen problematische Tendenzen aus

Aus den jüngsten – scharf zu verurteilenden und zu bestrafenden – Anschlägen auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen wird (von interessierter Seite) auf einen wachsenden antisemitischen Hintergrund in der Bevölkerung geschlossen. Hier setzt sich eine Art Unehrlichkeit fort, die zu problematischen Entwicklungen führen könnte, ja schon geführt hat. Unehrlich deshalb, weil das zunehmende Unbehagen darüber unterdrückt wird, daß moralische Ansprüche einerseits sowie politisch-materielle Interessen andererseits offenbar immer stärker miteinander vermischt werden. Stichworte sind hier die Walser-Kontroverse, Zwangsarbeiterentschädigung, Finkelstein; im Hintergrund Goldhagen, Wehrmachtsausstellung, Mahnmal – all dies Anlässe, die zu Irritationen, Hysterien, Schuldzuweisungen und Beschädigungen geführt haben.

Wirklich offen darüber gesprochen wurde bisher nicht – konnte es auch nicht angesichts einer veröffentlichten Meinung, in der politisch korrekt Diffamierung und Denunziation weithin den Ton angaben und einen "herrschaftsfreien Diskurs" (Habermas) verhinderten. Wie aber sähe die Situation aus, wenn folgendes geschehen wäre – oder sich noch ereignen würde:

Herr Bubis hätte Martin Walser beigepflichtet in dessen Sorge über die Instrumentalisierung der Auschwitz-Toten zu "gegenwärtigen politischen Zwecken" sowie über die Folgen einer Ritualisierung des Gedenkens, das sich ins Maßlose zu steigern drohe. Wenn man sich ferner dagegen verwahrt hätte, etwaigen noch ausstehenden Entschädigungen den Charakter von Erpressungen zu geben. Wenn man Norman Finkelsteins Anklagen gegen die "Holocaust-Industrie" (bereis früher wurde bitter-ironisch vermerkt: "There is no business like Shoa-business") ernst nehmen würde – wie auch vor allem die Bedeutung dieser Anklagen für die deutsche Öffentlichkeit, die weiß, was seit einem halben Jahrhundert von ihr alles geleistet wurde – materiell wie moralisch –, obwohl Politik und Medien dies merkwürdigerweise stets zu unterdrücken versuchen.

Wie soll wohl diese Öffentlichkeit reagieren auf das Bemühen des neuen Zentralratsvorsitzenden, daß Finkelsteins Kritik in Deutschland nicht publiziert werden soll oder daß die "unerschrockenen Worte" Martin Walsers nicht gewürdigt, also verstummen mögen? Und wenn schon Politiker und Medien aus seltsamer Feigheit dazu geschwiegen haben – wäre es nicht vorstellbar gewesen, daß in Richtung USA ("Ostküste") wenigstens die Frage hätte gestellt werde können, wie man denn dort die Entschädigung der deutschen Zwangsarbeiter zu regeln gedenke.

Und auch hinsichtlich einer weiteren hiesigen Selbstblockade wäre ein befreiendes Wort dankbar gehört worden: Angesichts des mittlerweile millionenfachen Asylmißbrauchs (allein die Kosten dafür übersteigen längst die der "Wiedergutmachung"), vor allem aber im Hinblick auf den historisch-moralischen Aspekt des Asyls in Deutschland hätte frühzeitig vor dessen Pervertierung zu einer Form internationaler Organisierter Kriminalität gewarnt werden können und müssen. Die entsprechenden Warnungen Willy Brandts und Herbert Wehners zu Anfang der achtziger Jahre dürfen heute nicht einmal zitiert werden, will man sich nicht der Ächtung durch die Medien (und womöglich der Verfolgung durch den Verfassungsschutz) aussetzen.

Rechtzeitige Warnungen – oder überhaupt offene, kritische Worte – hätte man auch zu den drei bereits genannten weiteren deutschen Maßlosigkeiten als hilfreich wahrgenommen: Goldhagen, Wehrmachtsausstellung, vor allem aber zu dem Berliner Mahnmal, das – unmittelbar neben dem Brandenburger Tor als dem einzig verbliebenen nationalen Symbol errichtet – zu einem gigantischen Geßlerhut zu werden droht. Deutschland "über alles" – erst in den Taten, dann im Gedenken? Aus der Geschichte aller Völker und Zeiten weiß man doch: Übertreibungen haben Überreaktionen zur Folge – vor allem aber dann, wenn jene als gegen einen selbst, gegen das eigene Land, die eigene Geschichte, ja gegen die eigenen Opfer gerichtet empfunden werden. Kann es gutgehen, wenn im Hinblick auf die Opfer der einen Seite zu Recht aufgerufen wird: "Gegen das Vergessen", hinsichtlich der anderen Opfer von Krieg und Nachkriegsgewalt aber "Für das Vergessen" als politisch korrekt gilt?

Die derzeitige politisch-gesellschaftliche Stimmungslage nicht nur im "deutsch-jüdischen" Verhältnis sähe anders aus, wenn moralische Kommentare auch solche problematischen Entwicklungen bedächten. Die Öffentlichkeit – auch wenn sie sich nicht medial artikulieren kann – wird weiterhin fragen, warum, aus welchen Motiven das unterblieben ist.

Antisemitismus? Es gibt keinen ernst zu nehmenden Antisemitismus in Deutschland; aber es gibt Irritationen, über die offen gesprochen werden muß. Diese Überlegungen und Fragen sind Ausdruck der Sorge darüber, daß der hohe moralische Anspruch im deutsch-jüdischen Verhältnis (die allgemein gebrauchte Bezeichnung "deutsch-jüdisch" macht das latente Spannungsverhältnis sichtbar, das überwunden werden sollte – sind deutsche Juden keine Deutschen?), daß dieser hohe moralische Anspruch beeinträchtigt zu werden droht durch verdeckte Interessenwahrnehmung oder auch nur deren Mutmaßung, auf beiden Seiten.

Karl Fricke