17.10.2021

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14.10.00 "Beunruhigender" Mangel

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


"Beunruhigender" Mangel
Über Abwehr deutscher Not / Von Stefan Gellner

Der weiß Gott den Deutschen nicht freundlich gesonnene Schriftsteller Günter Grass beklagte vor kurzem in der FAZ, daß es "merkwürdig und beunruhigend" anmute, "wie spät und immer noch zögerlich an die Leiden erinnert wird, die während des Krieges den Deutschen zugefügt wurden". Ein erstaunliches Diktum eines Schriftstellers, der als Vertreter des bundesrepublikanischen "juste milieus" entscheidend mit daran beteiligt war, diese Erinnerung, wo immer sie zaghaft aufscheint, als "Revanchismus" und "Aufrechnerei" zu brandmarken. Grass hat seinen Teil dazu beigetragen, daß die deutsche Geschichte heute in erster Linie als "Unheilsgeschichte" wahrgenommen wird. Die Folgen dieser Form von "Vergangenheitsbewältigung" skizzierte ein anderer deutscher Schriftsteller, nämlich Botho Strauß, in seinem berühmt gewordenen Essay "Anschwellender Bocksgesang" wie folgt: "Die Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von Zeitgenossenschaft, verendet vor der politisierten Unwissenheit jener für ein bis zwei Generationen zugestopfter Erziehungs- und Bildungsstätten, Horste der finstersten Aufklärung, die sich in einem ewig ambivalenten Lock- und Abwehrkampf gegen die Gespenster einer Geschichtswiederholung befinden: ‚Wehret den Anfängen!‘" Ähnlich äußerte sich der Münchner Filmregisseur Hans-Jürgen Syberberg, der anläßlich einer Diskussion im Deutschlandradio feststellte: "Neben der Ästhetik unserer Verkleinerung und aller pathologischen Selbstzerstörung war die Auslöschung der Natur und der Geschichte nach 1945 unser Markenzeichen des Identitätsverlustes ..."

Dieser Identitätsverlust wird gerade an jenem Tag besonders spürbar, der für uns Deutsche eigentlich ein Feiertag sein sollte: dem 3. Oktober, dem Tag der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten. Kein bedauerndes Wort wurde an jenem zurückliegenden Feiertag oder an den vorhergehenden von einem führenden politischen Repräsentanten an den Verlust "Ostdeutschlands" verschwendet. Ostdeutschland, das ist nach heutiger Sprachregelung "Mitteldeutschland" bzw., um es politisch-korrekt auszudrücken, die "neuen Bundesländer".

Die Tabuisierung trauernden Erinnerns an die deutschen Ostgebiete wird in der Regel mit dem Hinweis darauf gerechtfertigt, daß die Deutschen schließlich den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hätten. Aufgrund dieses Hinweises ist augenscheinlich jedes Verbrechen, das an den Deutschen im Krieg und auch nach dem Krieg verübt wurde, nur Ausfluß der deutschen "Aggression" und damit entschuldbar. Diese Sichtweise blendet aus, daß auch die Angegriffenen völkerrechtlichen Konventionen unterworfen und in keiner Weise legitimiert waren, den Krieg gegen Deutschland als "Vernichtungskrieg" zu führen. Daß die Alliierten den Krieg gegen Deutschland als Vernichtungskrieg führten, zeigt die unverhältnismäßig hohe Zahl deutscher Ziviltoter, zeigen die zerstörten deutschen Städte, zeigt die damit verbundene Verstümmelung der kulturellen Identität der Deutschen, zeigt vor allem aber auch die rücksichtslose Austreibung der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat.

Der Versuch, eine trauernde Annäherung an diese Kriegs- und Nachkriegsverbrechen mit dem kaltschnäuzigen Hinweis der "Aufrechnung" zu unterbinden, kommt einer zweiten Tötung der vielen deutschen Opfer gleich. Denn die Opfer, die das kollektive Erinnern nicht mehr erfassen will, verschwinden endgültig im Nebel der Geschichte. Nichts anderes meint ja jener Hinweis, der so oft im Hinblick auf die Opfer der NS-Judenverfolgung gebraucht wird: Wer sich der Opfer nicht mehr erinnern wolle oder diese Erinnerung verweigere, der töte diese ein zweites Mal.

55 Jahre nach dem Ende des Krieges sollte endlich der Zeitpunkt gekommen sein, die qualvollen Erinnerungen, die viele Deutsche der Kriegs- und Aufbaugeneration in sich begraben haben, zu artikulieren. Ein derartiges Erinnern würde zu einer Normalisierung der seelischen Befindlichkeit vieler Deutscher beitragen. Daß ausgerechnet ein Günter Grass das Schweigen über die Leiden, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg erlitten, als "beunruhigend" empfindet, darf in diesem Zusammenhang durchaus als ermutigendes Signal bewertet werden.