17.10.2021

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14.10.00 Trotz der Méry-Affäre hält die Bevölkerung zum Präsidenten

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


Frankreich:
Videoband löst Skandal aus
Trotz der Méry-Affäre hält die Bevölkerung zum Präsidenten

Eine neue dubiose Affäre beschäftigt in der Fünften Republik sowohl die breitere Öffentlichkeit als auch die Medien. Losgetreten wurde sie durch die Enthüllungen des schon im vorigen Jahr verstorbenen Immobi-lienhändlers Jean-Claude Méry. Dieser Spitzenfunktionär und Finanzbeschaffer der gaullistischen "Ras-semblement pour la République" (RPR) hatte nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft seine Geständnisse auf einem Videoband aufgezeichnet, dessen Inhalt von "Le Monde" gedruckt wurde. In diesem Dokument beschuldigt Méry den gegenwärtigen Staatschef, als Oberbürgermeister von Paris bei der Übergabe von fünf Millionen Francs Schmiergeld persönlich anwesend gewesen zu sein. Insgesamt sollen nach Schätzungen der Satirewochenzeitung "Le Canard enchaîné" 280 Millionen Francs über sieben Jahre verteilt den Besitzer gewechselt haben.

Gemäß einem Erlaß des französischen Verfassungsrats, der unter dem Vorsitz von Roland Dumas gefaßt wurde, darf der Staatschef in Frankreich erst am Ende seiner Amtstätigkeit vor Gericht gezogen werden. Dies bedeutet, daß Jacques Chirac, wenn er 2002 wiedergewählt würde, erst 2007 zur Verantwortung gezogen werden könnte.

Kurz nachdem "Le Monde" den Inhalt des Bandes abgedruckt hatte, enthüllte das Wochenmagazin "L’Express" im Internet, daß das Original der Chirac belastenden Videoaufnahme an den ehemaligen sozialistischen Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauß-Kahn von Mérys Anwalt gegeben worden war. Und so konnte Chirac zum Gegenangriff schreiten und plädieren, er sei das Opfer einer Manipulation geworden. Darauf folgte eine Hausdurchsu-chung bei Strauß-Kahn, mit dem Ziel, das Original der Kassette zu beschlagnahmen. Dieses Original ist derzeit unauffindbar, so daß die Jusitzbehörden jetzt gegen Strauß-Kahn ein Ermittlungsverfahren wegen Unterschla-gung von Beweisen eingeleitet haben.

Diese Méry-Affäre läßt den französischen Durchschnittsbürger offenkundig ziemlich unberührt. Zwar wünschen nach einer von "L’Express" veröffentlichten Meinungsumfrage 70 Prozent der Franzosen, daß Chirac sich klar ausspreche und gegebenenfalls als Zeuge vernommen werde, doch 51 Prozent der Wähler wollen laut "L’Express" im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen ihre Stimme nichtsdestotrotz dem Amtsinhaber geben.

Pierre Campguilhem