28.10.2021

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14.10.00 "Samizdat"-Ausstellung gewährt Einblicke in das östliche "Doppelleben"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


"Samizdat"-Ausstellung gewährt Einblicke in das östliche "Doppelleben"
Von Thorsten Hinz

Die Ausstellung über den "Samizdat" in Osteuropa öffnet ein Fenster zu einem beinahe unbekannten Raum der Zeitgeschichte: In den geheimnisumwitterten Bezirk der alternativen Kulturszene des Ostblocks, deren illegale Öffentlichkeitsarbeit die kommunistische Staatsmacht zur Weißglut brachte. Es ist eine einzigartige Exposition, die Wolfgang Eichwede, Direktor der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen (und nebenbei Unterhändler in den Beutekunstverhandlungen), da auf den Weg gebracht hat. In ovalen Tischvitrinen sind Manuskripte, Bücher, blasse Typoskripte, primitiv gebundene Drucke zu besichtigen, deren äußere Anspruchslosigkeit in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer geistig-politischen Brisanz steht und die mittlerweile von unbestrittenem Symbolwert sind: Literarische Texte, Gedichte, Essays, politische Manifeste. Heimliche Mitschriften und Notizen über Prozesse und Verhöre, die unter der Hand verbreitet wurden. Das Telegramm von Lev Kopelev, in dem er 1954 seinem Vater seine Rückkehr aus dem Gulag ankündigt – er war eingesperrt worden, weil er in Ostpreußen gegen Greuel der Roten Armee einschritt. Man liest die Namen von Josef Brodskij und Václav Havel, von Anna Achmatova, Adam Michnik und György Konrád (der heute als Berliner Akademiepräsident amtiert), von Sacharow und Solschenizyn: Die ganze Aristokratie der Regimegegner ist vertreten, aber auch viele namenlose Widerständler erhalten Namen und Gesicht.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Ausstellung ausgesprochen textlastig ist und ein Höchstmaß an Konzentration erfordert. Andererseits vermitteln die Arrangements der Installationen und Fotos viel von der klandestinen Atmosphäre, der Furcht und dem erforderlichen Mut jener Zeit. Das ausgestellte Schreibmaschinen-Exemplar von Solschenizyns Gulag-Roman "Im ersten Kreis der Hölle" ist von Wasserschäden gezeichnet – sein Besitzer hatte es wegen möglicher Hausdurchsuchungen unter der Badewanne versteckt gehalten.

Auf den ersten Blick erscheint es verwunderlich, wie der Samizdat mit seiner geringen Verbreitung und seinen primitiven technischen Möglichkeiten – beispielsweise mußte eine Mischung aus Schuhcreme die fehlende Druckerschwärze ersetzen – beim allmächtigen Staat derart wütende Reaktionen auslösen konnte. Die Angst des Regimes war jedoch folgerichtig, denn eine ihrer Grundlagen war die Vernichtung der Öffentlichkeit, also der unzensierten Kommunikations-, Informations- und Beteiligungsverhältnisse, die eine freie politische Willensbildung, Kontrolle, Vermittlung und Organisation erst ermöglichen. Einzig der Standpunkt der Partei durfte Geltung haben, und zu diesem Zweck wurde über die erlebbare Wirklichkeit die große propagandistische Lüge gestülpt. Es war das Ideal der Machthaber, daß die Menschen diese Lüge tatsächlich glaubten. Diesem Zustand am nächsten kam die Sowjetunion unter Stalin. Westliche Besucher erlebten in den dreißiger Jahren, daß Moskauer Jugendliche ernsthaft behaupteten, daß die U-Bahnen eine ursowjetische Errungenschaft seien. In dieser Atmosphäre kollektiven Wahnsinns konnte ein Vortrag unzensierter Texte im engsten Freundeskreis bereits ein todeswürdiges "Verbrechen" bedeuten. Im Prinzip genügte es aber, wenn die Leute sich außerhalb ihrer vier Wände zumindest so verhielten, als würden sie die Propaganda für wahr halten und die Häuser zum Zeichen ihrer Unterwerfung mit Fahnen und Losungen dekorierten. Das "Doppeldenken", die Trennung zwischen der privaten und der öffentlich geäußerten Meinung, prägte den Alltag. Ein bescheidener Wohlstand belohnte diejenigen, die den Entzug der politischen und Meinungsfreiheit unwidersprochen hinnahmen.

Nur einzelne versuchten, jenseits des Staates einen öffentlichen Raum herzustellen, in dem Gedanken, Meinungen und Informationen unzensiert fließen konnten. Dahinter steckte das elementare Bedürfnis, die eigene Würde als Mensch und als Citoyen wiederherzustellen. Der russische Regimegegner Andrej Aralmik drückte das so aus: "Die Andersdenkenden vollbrachten eine Tat von genialer Einfachheit – in einem unfreien Land begannen sie, sich wie freie Menschen zu benehmen." Es handelte sich um eine Minderheit, eine Elite, die sich aus allen sozialen Schichten konstituierte und bereit war, neben polizeilicher Verfolgung auch soziale Deklassierung und gesellschaftliche Stigmatisierung in Kauf zu nehmen. Václav Havel hat fünf Jahre im Gefängnis zugebracht: Sein Schicksal erscheint milde im Vergleich zu dem des russischen Dichters Ossip Mandelstam, der Ende 1938 in einem Lager starb.

Für die illegalen Druckerzeugnisse setzte sich das russische Abkürzungswort "Samizdat", abgeleitet von "sam sebja izdat" – "sich selbst herausgegeben", kurz: "Selbstverlag" – durch. Verlegt wurden außer literarischen Texten politische Exkurse oder brisante geschichtliche Darstellungen wie die über den deutsch-sowjetischen Vertrag von 1939. Die Praxis und die Folgen dieser Arbeit hat Aralmiks Kollege Wladimir Bukowski auf die bestechende Formel gebracht: "Man schreibt selbst, redigiert selbst, man zensiert selbst, verlegt selbst und sitzt auch selbst die Strafe dafür ab."

Der Ostblock war alles andere als monolithisch. Neben der Sowjetunion reagierten die Behörden in der Tschecho-Slowakei mit besonderer Härte. Der slowakische Historiker Ján Mlynárik veröffentlichte 1977 in einer Exilzeitschrift seine "Thesen zur Aussiedlung der  tschecho-slowakischen Deutschen", in denen er die Vertreibung der Sudetendeutschen als ungelöstes Problem der tschechischen Gesellschaft ungeschminkt beim Namen nannte. Auch innerhalb des Landes löste er damit Diskussionen aus. Die wütenden Proteste, die Václav Havel 1990, als er an diesen Diskussionsstand anzuknüpfen versuchte, von den eigenen Landsleute entgegenschlugen, bedeuteten eine Ernüchterung. Zeigten sie doch auch, wie weit das Reflexionsniveau der Bevölkerungsmehrheit von dem der Samizdat-Elite entfernt war und daß die Denk- und Informationsverbote des Regimes einem verbreiteten Bedürfnis nach Amnesie und moralischer Bequemlichkeit entgegengekommen waren. In Ungarn, der, nach einer damals populären Redewendung, "lustigsten Baracke des sozialistischen Lagers", reagierte der Staat elastisch. Hier war es möglich, daß Schriftsteller, die auch in offiziellen Verlagen publizierten, nichtgenehmigte Texte an Samizdat-Verlage gaben, ohne automatisch mit Berufsverbot belegt zu werden. In Polen weitete sich die oppositionelle Untergrund- zu einer massenhaften Sozialbewegung aus, welche die kommunistische Propaganda und Regierungsmacht mehr und mehr konterkarierte und deren Vitalität auch durch die Verhängung des Kriegsrechts nicht gebrochen werden konnte. Mitunter wurde der Samizdat zum "Tamizdat" ("Tam", russisch: dort), das heißt, Manuskripte, die im Osblock verfaßt worden waren, wurden im Westen publiziert: Das folgenreichste Tamizdat-Buch ist Solschenizyns Roman "Archipel Gulag", der das ausländische Bild der Sowjetunion nachhaltig veränderte.

Noch am Eröffnungstag beschwerte sich ein Besucher im Gästebuch, weil die Ausstellung auch die DDR unter Ost- bzw. Ostmitteleuropa verbucht. Dieser Einwand besitzt seine Berechtigung, war doch das ganze künstliche Ensemble der sogenannten Ostblockstaaten darauf aufgebaut, die Mitte des Kontinents so zu fixieren, daß die Nutznießer, die Verwaltungsmächte Ostdeutschlands, hofften, durch Zeit in den Besitz dieser Regionen zu kommen. Daß dabei auch kulturpolitische Elemente aus diesen Regionen einflossen, konnte, insbesondere durch den Verlust der nach Westdeutschland geflohenen Ober- und Mittelschicht, kaum verwundern. Die Abwehrkräfte waren freilich zunächst viel zu schwach, doch muß man registrieren, daß gerade aus der nachgewachsenen Oberschicht aus der SED neue Impulse kamen. Auch in anderer Weise bildete die DDR einen Sonderfall, der sich im nationalen begründet: denn aufgrund der fehlenden Sprachbarriere stellten die funkelektronischen Medien der Bundesrepublik eine "Gegenöffentlichkeit" der besonderen Art dar. Und Rudolf Bahros provozierende Streitschrift "Die Alternative" (1977), die die SED-Führung fast in den Veitstanz versetzte, fand in der DDR weniger als Samizdat-Exemplar, vielmehr als westdeutsches Taschenbuch ihre klammheimliche Verbreitung. Für verfolgte Oppositionelle bedeutete die Bundesrepublik zunehmend eine Schutzinstanz, die seit 1964 gegebenenfalls politisch Bedrängte auch freikaufen konnte.

Rückblickend ist zu fragen, ob diese deutsch-deutsche Nähe, diese Patronisierung, so hilfreich sie war, nicht auch das politische Denken in der DDR verkümmern ließ und dazu führte, daß die DDR-Bürger die Formulierung eigener Interessen bereits zu Mauerzeiten nach Westdeutschland delegierten. Was in der DDR im "Untergrund" gedruckt wurde, war überwiegend unpolitisch. Nach 1989 wurde die Infiltration der Opposition durch die Stasi bekannt, was sogar mitunter das scherzhafte Urteil aufkommen ließ, die alternative Künstlerszene am Berliner Prenzlauer Berg sei bloß eine geheimdienstliche Simulation gewesen. In der Ausstellung steht ein Foto des Szene-Gurus Sascha Anderson, der durch Wolf Biermann als "Stasi-IM Sascha Arschloch" enttarnt wurde, inmitten der Bilder seiner alternativen Dichterkollegen emblematisch für die Schwierigkeit, den DDR-Samizdat innerhalb von Havels "Macht-Ohnmacht-", "Wahrheit-Lüge"-Schemas zu definieren. Die in kleiner Ausgabe herausgegebenen Kunstbücher des Prenzlauer Bergs waren zuletzt schon im Moment ihres Entstehens begehrte Sammelobjekte für ausländische Kunstsammler und hatten unverkennbar geldwerten Warencharakter angenommen.

Die osteuropäische Samizdat-Szene ist heute weitgehend in der Versenkung verschwunden. Nur einzelne, herausragende Figuren wie Václav Havel oder Adam Michnik üben auch in den postsozialistischen Gesellschaften politischen Einfluß aus. Zu ihnen zählt auch Gábor Demsky, "Faktotum" (G. Konrád) des ungarischen Samizdat, heute Oberbürgermeister von Budapest. In seiner Ansprache zur Ausstellungseröffnung forderte er energisch die Aufnahme Ungarns und anderer Länder in die EU, was aber wahrscheinlich angesichts der nicht mehr bezahlbaren Kosten wahrscheinlich noch lange dauiern wird. Als Hauptredner fungierte der DDR-Bürgerrechtler und Molekularbiologe Jens Reich, der von 1989 einige Jahre in Osteuropa gelebt, gearbeitet und auch dort selber Beiträge für die Samizdat-Presse beigesteuert hatte. Reich, der eine intellektuell und rhetorisch brillante Rede hielt, nannte als Hauptleistung des Samizdat die allmähliche Zivilisierung der Diktaturen, die ihre unblutige Transformation erst ermöglicht habe. Gescheitert seien die Samizdat-Protagonisten freilich in dem Bemühen, Bürgerrechtsideen in den neuen politischen Alltag einzubringen. Offensichtlich sprach er über seine eigenen Erfahrungen aus den Jahren 1989/90.

Dieses melancholische Fazit tut der großartigen Qualität der Ausstellung keinen Abbruch, und der ausgezeichnete Katalog ist ein Muß für alle, die sich für die ost- und  ostmitteleuropäische Zeitgeschichte interessieren.

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"Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa: Die 60er bis 80er Jahre". Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg 10. Die Ausstellung ist bis zum 19. Oktober geöffnet. Mittwochs Eintritt frei. Der Katalog kostet 48 DM.