17.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
14.10.00 Als das Haff bis Tilsit reichte

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


Als das Haff bis Tilsit reichte
Die Wasserwirtschaft der Niederung im Memeldelta / Von Dipl.-Ing. Hans-Dieter Sudau

Die Elchniederung", schreibt Paul Lemke in seiner Ge schichte des Kreises, "ist ein wartendes Land. Sie drängte sich dem Wanderer nicht mit eindrucksvollen Schönheiten auf, sie verlangte besinnliche Einkehr, sie wollte entdeckt werden. Wer mit dem Auto die Straßen dahinraste, fand sie eintönig, wer sich aber die Zeit nahm, sich in ihr dem Hasten des Alltages abgewendet umzublicken, dem erschloß sich dieses Land, dem wußte es von seinen heimlichen Wundern zu erzählen."

Der Kreis ist geprägt vom Wasser. Die Eiszeit hat die Oberfläche der Landschaft auch in diesem Teil Ostpreußens geformt. Die abfließenden Schmelzwässer haben eine Moränenlandschaft hinterlassen und dabei breite Urstromtäler gebildet. So ist der Memelstrom ursprünglich durch das Urstromtal des Pregels in das Frische Haff geflossen. Erst nachdem das Memelwasser den Höhenrücken bei Ragnit durchbrochen hatte, fand der Memelstrom seine neue Fließrichtung zum Kurischen Haff.

In der Nacheiszeit hat sich dann durch die Ablagerungen der mitgeführten Bodenfrachten des Memelstromes das Memeldelta mit seinen verzweigten Flußarmen vor dem Kurischen Haff gebildet. In seinem Urzustand hatte das Haff bis an Tilsit herangereicht. Durch diese nährstoffreichen Schwemmland-Ablagerungen entstand dann die kurische Niederung in diesem ehemaligen Haffteil. Dieses Gebiet mit ihrem nacheiszeitlichen Ursprung ist daher – geologisch betrachtet – ein sehr junges Land.

Der Charakter der Landschaft in der Region des Memeldeltas ist dabei durchaus vielseitig. Es gibt das Lehmgebiet, den hochliegenden Teil mit dem Baumwald, das Bruchwaldgebiet, die tiefliegende Niederung, die Kurische Nehrung mit dem Haff und die Moorgebiete, mit dem Anschluß an das Große Moosbruch.

Mitten in dieser Region liegt die Elchniederung. Da der Elch hier in den Erlenbruchwäldern und Mooren seinen Einstand hat, wurde die Kreisbezeichnung Niederung Anfang des letzten Jahrhunderts auf Kreis Elchniederung erweitert. Das tiefliegende Gelände in der Elchniederung, das bei hohem Wasserstand überschwemmt wurde, wird als tiefe Niederung bezeichnet; und das hochliegende Gelände, das bei Hochwasser nicht eingestaut wird, als hohe Niederung genannt.

Das Gelände der tiefen Niederung im Memeldelta mit seinen vielen Flußauen liegt zum Teil mit dem Haffwasserspiegel auf gleicher Höhe. Es war ein Sumpfgebiet und damit für Menschen schwer zugänglich. Nur die Wildnisbereiter aus der Ordenszeit konnten sich als Ortskundige einen Weg durch die sumpfige morastige Wildnis bahnen, und meist waren das Wasserwege.

Um 1600, vor dem Dreißigjährigen Krieg, wurden einige Wasserwege in der Urwaldwildnis des Memeldeltas "befahrbar" hergerichtet. Dadurch konnten Teilbereiche der Niederung besiedelt werden. Die erste Besiedelung erfolgte über den Wasserweg. Für den Kahnverkehr zur Beförderung von Lasten waren die Gewässer aber noch nicht geeignet. Um den fruchtbaren Boden in der Memelniederung für die Landwirtschaft und den Transport zu erschließen, hat Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, im 17. Jahrhundert umfangreiche Wasserbaumaßnahmen eingeleitet und auch verwirklicht.

In dieser Zeit wurde die Neue Gilge gegraben sowie der Binnenwasserweg für den Transport zwischen Memel und Deime erstellt. Der Bodenaushub dieser Kanäle und Gräben wurde für die Verwaltung bzw. Deiche der Kanäle und Flüsse verwendet. Mit der Schaffung des Binnenwasserweges konnten die gefährlichen Fahrten über das Kurische Haff an den Stellen mit seinen geringen Tiefen und Steinhindernissen sowie den bei Sturm auftretenden hohen Wellen vermieden werden. An den begradigten Flußstrecken und den Kanälen konnten die Kähne getreidelt werden: Die Kahnbesatzung zog vom Uferpfad den Kahn an der Leine voran.

Auch der Gewässerausbau für die landwirtschaftliche Nutzung wurde durch den Großen Kurfürsten und die örtlichen Geländebesitzer aktiv betrieben. Hier hatte er als Landesherr und Eigentümer ein besonderes wirtschaftliches Interesse. Denn nach der Erschließung der Waldgebiete in der Niederung konnte er die erschlossenen Flächen an Siedler, sogenannte Neusassen, abgeben. Diese zahlten dann ihren Zins über die örtlichen Wildnisbereiter an die kurfürstliche Kasse, die Schatulle. Diese Siedler wurden Schatullbauern genannt, im Gegensatz zu den Amtsbauern, die ihren Zins an die Amtskassen zu entrichten hatten. Mit dieser direkten Steuerquelle konnte der Große Kurfürst seine Reformen mitfinanzieren.

Zur Besiedelung dieser wasserreichen Niederung wurden auch Holländer angeworben. Sie brachten schon Kenntnisse für die Bewirtschaftung des Niederungsbodens und waren fähige Handwerker. Mit Hilfe der Fähigkeiten dieser Neusiedler hat sich die Wasserbewirtschaftung im Memeldelta entwickelt.

Die Wasserwirtschaft ist als ein ganzheitliches System zu betrachten. Das Ganze fängt mit den Wassertropfen an; wo, wieviel und wann fallen sie als Regen vom Himmel! Die Hydrologie liefert dafür die genauen Daten. Beim Auftreffen eines normalen Niederschlags auf die Erdoberfläche versickert das Wasser über den Boden und gelangt weiter in den Untergrund. Hier sammelt es sich als Grundwasser. Auf dem Wege dahin sind Verluste durch Verdunstung und durch den Wasserbedarf für die Vegetation entstanden. Über diese Zusammenhänge gibt die Hydrologie mit ihren Randdisziplinen Auskunft.

Bei einem Regenereignis mit starkem Niederschlag fließt ein Großteil des Wassers oberflächenmäßig ab. Dieser Abfluß erfolgt beginnend in kleinen Rinnsalen über Fließgewässer bis schließlich zum großen Strom. So nehmen die Wassertropfen ihren Weg als Wassermenge teilweise in Eisform bis zum offenen Meer, Haff oder See. Über den Verdunstungsweg schließt sich dann der Kreislauf.

In einem Flußdelta wie der Memelniederung gibt es verschiedene wasserwirtschaftliche Abhängigkeiten. Der Hochwasserschutz am Memelstrom mit seinen Eigenarten ist vonnöten. Der Strom kommt aus Weißrußland und hat bei seiner Mündung am Kurischen Haff eine Länge von 936 Kilometer zurückgelegt. Sein Niederschlagsgebiet beträgt 97 492 Quadratkilometer. Das ist etwa so groß wie das Land Ungarn. Bei Sommermittelwasser führt der Strom im Mündungsgebiet 360 Kubikmeter pro Sekunde ab. Bei Hochwasser mit Eisgang baut sich eine Flutwelle auf mit einem Abfluß von 6000 Kubikmetern pro Sekunde. Bis zur ersten Verzweigung am Flußdelta hat der Strom den Namen Memel. Der erste Abzweig ist die Gilge, die zum Haff führt. Der Strom wird von dem Abzweig der Gilge Ruß genannt. Der Rußstrom teilt sich kurz vor dem Haff in den südlichen Teil Skirwieth und den nördlichen Teil Atmath, beide Teilströme münden in das Kurische Haff. Im Bereich des Memeldeltas müssen alle Stromarme eingedeicht sein, um bei Hochwasser eine Überschwemmung der Niederung zu verhindern.

Das Kurische Haff in der Grundform eines ungleichschenkeligen hochstehenden Dreiecks wird an den beiden Katheten vom Festland und an der Hypothenuse von der Nehrung begrenzt. Die 100 Kilometer lange Nehrung trennt das Haff von der Ostsee. Im Norden des Haffs gibt es eine Wasserverbindung durch das Memeler Tief zur Ostsee. Die Wasserfläche des Haffs beträgt 1620 Quadratkilometer; im Vergleich dazu hat der Bodensee gerade einmal 539 Quadratkilometer. Der Haffwasserspiegel kann bei Windstau in der Längsrichtung um einen Meter und in der Querrichtung um 40 Zentimeter ansteigen.

Es genügt nun nicht nur, die Stromarme, die zum Haff führen, einzudeichen. Gegen das Hochwasser, das vom Haff die Niederung überschwemmen kann, muß auch ein Hochwasserschutz in Form eines Deiches sein. Dieser Haffdeich liegt einige Kilometer vom Haffufer entfernt in der Niederung. Im Außenbereich zum Kurischen Haff liegen Fischerdörfer, die für sich wiederum eingedeicht bzw. auf Anhöhen liegen.

Die tiefe Niederung, hat in dem Bruchwaldgebiet keine natürliche Vorflut zum Kurischen Haff. Das Niederschlagswasser aus diesem Gebiet muß über Pumpstationen auf ein Niveau angehoben werden, so daß das Wasser über die eingedeichten Gewässer zum Haff abfließen kann.

Das ganze Niederungsgebiet ist in eingedeichte Polder gegliedert, die jeweils mit Wasser-Hebewerken ausgestattet sind. Für die Entwässerung innerhalb der Polder dienen die Hauptgräben, die ihre Vorflut am Hebewerk haben. In diese Hauptgräben münden die Binnengräben, die das Oberflächenwasser abführen und den Grundwasserstand regulieren. Optimiert werden kann der Wasserhaushalt im Boden durch eine Rohrdränage, deren Dränleitungen in die Gräben ausmünden. Folgemaßnahmen in Form von Boden-Umbruch und Düngung der landwirtschaftlichen Flächen bilden den Abschluß der Meliorationsarbeiten.

Das Gelände der hohen Niederung mit dem Lehmgebiet sowie den hochliegenden sandigen Flächen wird nicht durch Hochwasser vom Memelstrom und Kurischen Haff beeinträchtigt. Für dieses höher gelegene Gelände stellen die Ströme, Flüsse und Kanäle, die in das Haff fließen, die Vorflut dar.

Im Bereich der tiefen Niederung sind diese Vorflutgewässer alle eingedeicht. Dadurch wird auch verhindert, daß das Niederschlagswasser der Oberlieger nicht erst in die Polder der tiefen Niederung hineinfließt, um danach wieder mittels Pumpwerk angehoben zu werden. Die Binnenentwässerung in der hohen Niederung erfolgt im freien Gefälle. Die weiteren Meliorationsarbeiten ähneln denen der tiefen Niederung.

Die Könige von Preußen haben im 18. Jahrhundert die begonnene Erschließung des Memeldeltas durch ihren Vorgänger, den Kurfürsten, fortgeführt und weiterentwickelt. Mit der technischen Umsetzung der Wasserwirtschaftsmaßnahmen wurden Baumeister und Forstmeister betreut. Förster wurden wohl deshalb mit eingesetzt, weil sie örtliche Erfahrungen durch die Betreuung der großen Erlenbruchwälder in dem Niederungsgebiet mitbrachten.

Die Entwässerungsanlagen wurden aufgrund der Erfahrungen und des derzeitigen technischen Stands errichtet. Es gab auch Anweisungen über die Durchführung und Unterhaltung von Vorflutanlagen; wie das von Friedrich König von Preußen im Jahre 1773 verordnete "Erneutes Edict wegen zu schaffender Vorfluth und Räumung der Gräben und Bäche".

Im 19. Jahrhundert wurde ein Teil der Deich- und Entwässerungsanlagen zusammengefaßt. Dieses war auch notwendig, um besonders bei den Deichanlagen einen einheitlichen Hochwasserschutz zu erreichen. Einige Jahrzehnte später wurden für diese Poldergebiete mit ihren Deichen in rechtlicher Hinsicht die Deich- und Entwässerungsverbände mit einer entsprechenden Satzung gebildet. Das Preußische Wassergesetz von 1913 hat hier zur Rechtssicherheit beigetragen.

Das Memelmündungsgebiet war in 21 Deich- und Entwässerungsverbände gegliedert und hatte eine Gesamtfläche von 122 125 Hektar, das sind 1221 Quadratkilometer. Davon lagen die größten Verbände in der Niederung, dieses waren der Haff-Deichverband Memel-Delta, der Linkuhnen-Seckenburger Deichverband und der Linkuhnen-Seckenburger Entwässerungsverband. Diese drei Verbände hatten alleine eine Größe von über 720 Quadratkilometer. Auf der staatlichen Verwaltungsebene wurde die Fachbehörde Wasserwirtschaftsamt eingerichtet. Für die Ausbildung der Fachleute wurde in Königsberg die Bauschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik gegründet.

In dem Jahrhundert von 1850 bis 1945 wurde die wasserwirtschaftliche Infrastruktur im Memeldelta mit dem Schwerpunkt der Elchniederung auf einen hohen landeskulturellen Entwicklungsstand gebracht. Dazu beigetragen haben die Fachleute mit ihren qualifizierten Kenntnissen, wobei sie auf die Erfahrungen ihrer Vorgänger aufbauen konnten.

Die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen wurden in diesen Jahren entsprechend dem Stand der Technik erweitert und ausgerüstet. So wurden Schöpfwerke neu gebaut, unter anderem von Dampf- und Dieselantrieb auf elektrischen Pumpenbetrieb umgerüstet. Kunstbauten für die Verkehrsanlagen wurden im Zuge der Wasserbauten errichtet. Deiche wurden erweitert, erhöht und verstärkt. Die Melioration der landwirtschaftlichen Flächen wurde durch Anlage von Dränagen erweitert.

Die Folgemaßnahmen wurden bis zur Ansaat durchgeführt. Den Landwirten wurden mit diesen durchgeführten Maßnahmen hochkultivierte Flächen zur Nutzung übergeben. Das Ergebnis waren gute und sichere Ernten.