20.10.2021

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28.10.00 Ende der Kulturbarbarei

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


Agnetendorf/Niederschlesien:
Ende der Kulturbarbarei
Hauptmann-Haus soll in neuem Glanz erstrahlen / Von Friedrich Nolopp

"Segen und Macht der Seßhaftigkeit. (...) Ich habe meine Heimat wiedergefunden", kommentierte Gerhart Hauptmann den Einzug ins neue Domizil in Agnetendorf am 10. August 1901. Fast hundert Jahre später wird seine Wohnstätte aufwendig restauriert und alles für das anstehende große Jubiläum des "Hauses Wiesenstein" hergerichtet.

Wer das Dörfchen Agnetendorf in Niederschlesien besucht, begreift schnell, was Hauptmann an dem Ort so faszinierte. Die idyllische Lage am Fuße des Riesengebirges, die dunklen Wälder und die von ihm ausdrücklich gelobte kristallklare Luft begeistern noch heute.

Agnetendorf (Jagniatków) liegt abseits der Hauptrouten und ist nicht ganz leicht zu finden. So manche deutsche Touristen folgen daher einfach einem anderen Auto mit dem "D"-Schild in der Hoffnung, daß es dasselbe Ziel hat. Auch das Anwesen des Dichters ist schwer auszumachen. Liegt das von Wald umgebene Gebäude dann jedoch vor einem, ist fofort klar: Es muß sich um den gesuchten Ort handeln, denn anders als die üblichen Häuser im Dorf ist es kein Einfamilienhaus oder Gehöft, sondern eine noble bürgerliche Wohnstätte mit burgartigem Charakter.

Vor dem Gebäude verdeutlichen Verkaufsstände fliegender Händler, die Schnitzereien und Kristall anbieten, das neuerwachte Interesse. Baugerüste zeugen von den aktuellen Restaurierungsarbeiten.

Der am 15. November 1862 im schlesischen Ober-Salzbrunn geborene Gerhart Hauptmann besaß gleich mehrere Domizile: Neben dem Wohnsitz in Agnetendorf verfügte er über ein Haus in Erkner bei Berlin und über eine Sommerresidenz auf der Insel Hiddensee. Das Haus Wiesenstein war aber alles andere als eine beliebige Wohnung und bildete seine Zuflucht in schlimmer Zeit. Nicht von ungefähr lauteten Hauptmanns letzte Worte auf dem Sterbebett im Juni 1946: "Bin ich noch in meinem Haus?"

Über ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod erlebt der Schriftsteller in seiner schlesischen Heimat eine Renaissance. Das 53 Jahre lang als Erholungsheim für Kinder genutzte Haus Wiesenstein soll eine Gedenk-, Forschungs- und Begegnungsstätte werden, berichtet Wanda Banaszak. Sie wohnte ein Vierteljahrhundert als Heimleiterin neben dem Schlafzimmer des Dichters und pflegte schon zu kommunistischen Zeiten vereinzelten Touristen gern die Tür zu öffnen zur "Paradieshalle" mit den gemalten Gestalten aus Hauptmanns bekanntesten Werken.

Spätestens am 10. August 2001 werde das renovierte Haus feierlich wiedereröffnet, hofft Frau Banaszak. Zur Zeit steht es leer – so leer, wie 1901 beim Einzug des bereits durch Frühwerke wie "Die Weber" bekanntgewordenen Dichters oder wie nach dem Abtransport der Hinterlassenschaft in den Wirren der Nachkriegszeit.

In den 1990er Jahren kamen immer mehr Besucher nach Agnetendorf, erzählt die studierte Pädagogin Banaszak. Sie schätzt, daß es im letzten Jahrzehnt pro Saison rund 10 000 Touristen waren, hauptsächlich Deutsche und einige wenige Polen. Zwar wachse das Interesse ihrer Landsleute an dem großen deutschen Dichter stetig, versichert sie, und verweist darauf, daß man an der Universität Breslau derzeit Werke Hauptmanns ins Polnische übertrage, doch abgesehen von dem längst übersetzt vorliegenden Drama "Die Weber" sei sein Schaffen praktisch unbekannt.

Dank Geldern aus Deutschland haben Krakauer Restauratoren bereits 1992 die Wandgemälde in der "Paradieshalle" wiederhergestellt. Ein Engel mit Geigen weist den Weg ins Konzertzimmer, in dem Hauptmanns zweite Frau Margarete musizierte. Zur Zeit des Kinderheimes befand sich hier der Speisesaal.

Die einstige Bibliothek ziert mittlerweile ein gut erhaltenes Parkett, das unter einem Linoleumbezug die Jahrzehnte roter Kulturbarbarei überdauerte. Ein Goldrahmen, der völlig verstaubt auf dem Boden aufgefunden wurde, schmückt in dem gähnend leeren Arbeitszimmer ein Farbporträt Hauptmanns, und die Büste, die ihm 1942 zum 80. Geburtstag von Arno Breker zugeeignet worden war, steht kommentarlos auf einem Tisch am Fenster.

Nach dem Tod des Schriftstellers am 6. Juni 1946 war das Haus total leergeräumt worden; die sowjetische Militärverwaltung gestattete der Witwe den Abtransport des Mobiliars per Sonderzug nach Berlin.

Um über die künftige Ausstattung des großzügigen Hauses nachzudenken, fanden sich 1999 Nachkommen des Dichters mit Abgesandten des Hauptmann-Museum in Erkner, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und Vertretern der Stadt Hirschberg als heutiger Hausherrin zusammen.

Urenkelin Harriett Hauptmann aus Berlin deutete an, wie Abhilfe zu schaffen sei. Zwar sollten die in der Hauptstadt vorhandenen Sammlungen und das Haus auf Hiddensee unangetastet bleiben, je-doch befänden sich schöne Stücke im Familienbesitz, mit denen Agnetendorf bereichert werden könnte.

Auch Hirschbergs Vize-Bürgermeister Boguslaw Galka gab sich zuversichtlich. Die Stadt habe umfangreiche Summen für Reparaturen zurückgestellt, betonte er, zudem verfüge das Museum in Schreiberhau, in dem die Hauptmannbrüder Gerhart und Carl mehrere Jahre gelebt hatten, über gute Bestände.

Alle waren sich einig, daß eine Bibliothek sowie Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für Wissenschaftler Teil des neuen Hauses Wiesenstein sein müssen und daß angesichts des nahenden Jubiläums die Zeit eilt.

Das "Haus Wiesenstein" kann werktags von 10.00 bis 15.00 Uhr besichtigt werden.