20.10.2021

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28.10.00 Licht und Raum und Wasser und Sonne

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


Licht und Raum und Wasser und Sonne
Das Malerparadies Nidden auf Ausstellungen und in einem Kalender mit prachtvollen Reproduktionen gewürdigt

Dichter und Schriftsteller fühlten sich gleichermaßen angezogen von dem Zauber des kleinen Fischerdorfs Nidden auf der Kurischen Nehrung und vom Reiz des alten Gasthofs Hermann Blode. Carl Zuckmayer war dort zu Gast und lange vor ihm auch Ludwig Passarge. Thomas Mann gar war so begeistert vom Ausblick, den der von der Blodeschen Terrasse hatte, daß er sich entschloß, ein Sommerhaus in Nidden zu bauen.

Vor allem aber waren es Maler, die es nach Nidden zog, angetan von der Weite des Landes, vom hohen Himmel, vom unvergleichlichen Licht. Im Gasthof Blode, am 22. August 1867 gegründet, fanden sie für einige Wochen oder gar Monate eine Unterkunft. Schon vor der Jahrhundertwende waren sie von nah und fern gekommen, um auf der Nehrung zu malen. Professoren von der Königsberger Kunstakademie brachten später ihre Schüler dort unter; Lovis Corinth, Oskar Moll und Max Pechstein bezogen für eine Weile das von Hermann Blode eingerichtete Atelier. Als dieser 1934 starb, übernahm der Maler Ernst Mollenhauer – er hatte 1920 Blodes Tochter Hedwig geheiratet – die Leitung des Gasthofes. Bereits zuvor hatte er angeregt, in einigen Räumen des Hauses Zimmer für wandernde Jugendliche einzurichten. So war die erste Jugendherberge in Nidden entstanden. Ernst Mollenhauer blieb bis zum bitteren Ende auf der Nehrung und mußte mit ansehen, welches Unheil dort angerichtet wurde.

Max Pechstein entdeckte Nidden für sich im Sommer 1909. Damals schrieb er an den Freund und Malerkollegen Erich Heckel: "Bin seit gestern in Nidden/Ostpreußen – ganz fein auf der einen Seite Süßwasser im Haff, auf der anderen die Ostsee. Man könnte auf der Seeseite sehr gut Akte malen, so menschenleer ist es. Bloß vier Sommergäste." Und diese unberührte Idylle war es denn auch, die Künstler wie Pechstein und Schmidt-Rottluff dazu anregte, den unbekleideten Körper in der Landschaft zu malen. Eine Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld präsentiert noch bis zum 19. November unter dem Titel "Die Badenden – Mensch und Natur im deutschen Expressionismus" (täglich, außer montags, 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 21 Uhr, sonnabends 10 bis 18 Uhr; Begleitbuch zur Ausstellung 28 DM) Werke der "Brücke"-Maler. Neben Nidden stehen auch Malerparadiese wie die Moritzburger Teiche bei Dresden, Osterholz bei Flensburg, die Inseln Fehmarn und Hiddensee sowie Prerow im Mittelpunkt des Interesses.

Geographisch weitere Kreise zieht eine Wanderausstellung mit 80 graphischen Blättern, die vom Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum, dem Museumsamt Schleswig-Holstein und der Vereins- und Westbank veranstaltet wird: Max Pechstein und die Expressionisten präsentiert Bilder norddeutscher Küsten von der Kurischen Nehrung bis zur Flensburger Förde, von Dithmarschen bis Ostfriesland. Zur Zeit ist die Ausstellung, in deren Mittelpunkt Pechsteins Lithographien zu Heinrich Lautensacks "Samländische Ode" stehen, im Winsener (Luhe) Museum im Marstall zu sehen (bis 12. November); anschließend geht sie ins Städtische Museum Göttingen (30. November 2000 bis 4. Februar 2001). Weitere norddeutsche Städte sollen folgen.

"Wer war nicht in den Bann dieses Zaubers geschlagen, der seinen Fuß auf dieses Eiland setzte?", schrieb Ernst Mollenhauer über Nidden, das der Journalist und Autor Paul Fechter aus Elbing auch das "Barbizon der Nehrung" nannte. Nidden, so Mollenhauer, wurde "nicht nur für die neuere Kunst des deutschen Ostens bedeutsam, Nidden bewirkte noch wesentlich mehr. Es war eine Malerlandschaft mit Licht und Raum und Wasser und Sonne ..."

Mollenhauer hat auf seinen Bildern auch immer wieder Motive aus Nidden festgehalten. Viele dieser Bilder sind ein Opfer der Kriegsfurie geworden. Doch die "inneren Bilder" blieben dem Künstler erhalten. Und so schuf er auch nach dem Krieg noch eindrucksvolle Werke mit Motiven von der Kurischen Nehrung. Eins davon ziert den Titel des Kalenders Nidden aus dem Verlag Atelier im Bauernhaus, In der Bredenau 6, 28870 Fischerhude (13 Kunstdrucke im Format 30 x 38 cm, leicht abnehmbar aufgeklebt auf sandbeigem Fond im Format 45 x 52 cm, Ringheftung, 62 DM). Der Kalender aus der Reihe "Europäische Künstlerkolonien" bietet Reproduktionen von Gemälden so bekannter Künstler wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Alfred Partikel, Lovis Corinth oder Ernst Bischoff-Culm. Auch Arwed Seitz, Max Heilmann und Erika Eisenblätter-Laskowski sind mit Werken vertreten. – Sollte der Kalender Anklang finden (und daran dürfte kein Zweifel bestehen), wird es für 2002 einen weiteren mit anderen Motiven geben. Auch plant der Verlag ein Taschenbuch über die Künstlerkolonie Nidden herauszugeben. Man darf also gespannt sein.

Zu den Malern, die oft und gern Nidden besuchten, gehörte auch der in Memel geborene Karl Eulenstein, von dem ebenfalls ein Motiv in dem Kalender zu finden ist. – "Meine Versuche vor der Natur zu malen, sind mir mißlungen", so Eulenstein einmal, "ich wurde erbarmungslos erdrückt, besonders von der Nehrung. Erst in stillen Stunden, wenn die Überfülle der Natur die beschränkten malerischen Ausdrucksmittel nicht mehr zu unfruchtbaren Experimenten verführen konnte, entstand etwas anderes, Selbständiges, nach seiner eigenen Gesetzlichkeit ... Ja, ich glaube, die Natur gibt nur das Stichwort ..." SiS