20.10.2021

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28.10.00 "Nur einen Tag Maler sein"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


"Nur einen Tag Maler sein"
Lovis Corinth über den Freund Walter Leistikow

Bilde Künstler, rede nicht’, pflegen sie (die Kunstkritiker, d. Verf.) den schreibenden Malern und Bildhauern warnend zuzurufen, indem sie dabei wunder glauben, wie gebildet und sarkastisch sie selbst sind ...", moniert Lovis Corinth in seinem Buch über das Leben des Freundes Walter Leistikow. Und Corinth hat sich tatsächlich, ähnlich wie Leistikow, kaum an diese Mahnung gehalten. Er schrieb fürs Feuilleton verschiedener Zeitungen, veröffentlichte ein Lehrwerk "Über das Erlernen der Malerei" und schilderte sehr anschaulich sein eigenes Leben. Mit dem Buch Das Leben Walter Leistikows – Ein Stück Berliner Kulturgeschichte, 1910 bei Paul Cassirer erschienen und jetzt neu herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Reimar F. Lacher im Berliner Gebr. Mann Verlag (246 Seiten mit 67 Abb., davon vier farbig, Schutzumschlag, 198 DM) legt der Maler Corinth ein äußerst farbiges Erinnerungsbuch für den viel zu früh verstorbenen Freund vor.

Dieses Dokument einer Künstlerfreundschaft gewinnt nicht zuletzt durch die Nähe des Verfassers zu seinem "Hauptdarsteller". Diese Nähe aber birgt auch die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit. Auch weist die Biographie einige Lücken auf, auf die im Nachwort hingewiesen wird. Dennoch ist dieses Buch geradezu eine unerschöpfliche Quelle für alle, die sich für die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeistern können.

Walter Leistikow wurde vor 135 Jahren, am 25. Oktober 1865, in Bromberg geboren. Ersten Zeichenunterricht erhielt er bereits in seiner Vaterstadt. Mit 17 Jahren zog er nach Berlin, als Aspirant an der Hochschule für die bildenden Künste. Nach einem halben Jahr wurde er jedoch als talentlos (!) zurückgewiesen. Leistikow ließ sich allerdings nicht entmutigen, war es doch sein größter Wunsch, Maler zu werden. Schon als Kind soll er zu seiner Mutter gesagt haben: "Nur einen Tag Maler sein und dann sterben" (Zitat nach Corinth). Er nahm Privatunterricht bei Hermann Eschke und bei Hans Gude. 1886 beteiligte er sich erstmals am Berliner Salon. 1887 dann begegnete er Lovis Corinth in Berlin. Doch erst 1890 lernten die beiden Künstler sich bei einem Aufenthalt Leistikows in Königsberg besser kennen. Corinth: "Unsere Bekanntschaft wurde dann zu einer Freundschaft, die nur mit seinem Tode aufgehört hat, gegenseitig zu wirken."

Eine zentrale Rolle spielte der Bromberger bei der Gründung der Berliner Secession, wenn auch Corinths Darstellung, die Ablehnung eines Bildes von Leistikow durch die Jury der Großen Berliner Kunst-Ausstellung sei der Grund für dieses Engagement gewesen, heute nicht mehr unkritisch hingenommen werden kann. So existieren Belege dafür, daß nicht Leistikow, sondern heute nahezu unbekannte Künstler die Initiative zur Gründung der Secession ergriffen (Nachwort Lacher).

Als Walter Leistikow am 24. Juli 1908 nach langer, qualvoller Krankheit seinem Leben ein Ende setzt, hinterläßt er einen großen, ihn verehrenden Freundeskreis, darunter die Dichter Max Halbe und Gerhart Hauptmann. Er wird auf dem städtischen Friedhof an der Bergstraße in Steglitz beigesetzt. Seine Bilder, die einst so viel Aufsehen erregten, gehören heute zu den großen anerkannten Kunstwerken in vielen Museen. – "Die Berliner Kunstgeschichte", so Lacher in seinem Nachwort, "kann ohne Walter Leistikow nicht geschrieben werden. In der über die Region hinausreichenden Sicht paßt sich sein Werk in die Landschaftskunst seiner Zeit ein, die im Spannungsfeld zwischen Naturalismus, Impressionismus und Jugendstil eine Hochblüte trieb." Seine Bilder "imaginieren Landschaft als Ausdruck von Sehnsucht und bieten dabei doch die Vision von Harmonie, die Aufhebung der Sehnsucht. Sie verbildlichen Schwermut und gleichzeitig Trost. Vielleicht ist es dieses Unbegreifliche, was Leistikows künstlerischen Rang am besten belegt." Silke Osman