20.10.2021

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28.10.00 Klare Wege eingeschlagen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


Klare Wege eingeschlagen
Bedeutende Frauen aus dem deutschen Osten – Biographien schließen Forschungslücke

Jeder arbeitet wie er kann. Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind. Viele fühlen jetzt die Verpflichtung, wirken und helfen zu wollen, aber mein Weg ist klar und einleuchtend; andere gehen unklare Wege ..." Diese Worte der Königsbergerin Käthe Kollwitz (1867–1945) umreißen knapp und klar das Lebensmotto, nach dem die Künstlerin einst angetreten ist. "Wirken" in ihrer Zeit, klare Wege gehen wollten auch viele andere Frauen im Laufe der Jahrhunderte. Einige sind in die Geschichte eingegangen, andere – und das ist der weitaus größere Teil – sind im Dunkel der Vergessenheit verschwunden. Geschichte wird meist von Männern geschrieben, sagt man, und die sehen die Leistungen so mancher Frauen als nicht besonders erwähnenswert an. Verschwindend gering ist demnach der Frauenanteil in den Geschichtsbüchern. Diese Lücke erkannt – und geschlossen – zu haben, ist das Verdienst der jungen Historikerin Eva-Susanna Wodarz. Sie hat in fast zweijähriger Arbeit am Mainzer Ludwig Petry-Institut für ostdeutsche Forschungen an der Universität Mainz eine Sammlung mit Kurzbiographien von Frauen zusammengetragen, deren Wiege in Ostdeutschland stand und die einen nicht unerheblichen Anteil an der deutschen Geschichte haben.

Mehr als 200 Biographien sind dabei entstanden; eine Auswahl von 52 ist nun von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen veröffentlicht worden. Die Publikation trägt bezeichnenderweise den Titel "Ich will wirken in dieser Zeit ..." (286 Seiten, brosch., 29,50 DM; zu beziehen über Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonner Talweg 68, 53113 Bonn).

800 Jahre deutscher Geschichte gleiten an dem Leser vorüber. Die bunte Palette der Biographien reicht vom hohen Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Patronin Schlesiens Herzogin Hedwig (1174/78–1243) ist ebenso vertreten wie die Fliegerin Hanna Reitsch (1912–1979). In sehr anschaulich und lebendig geschriebenen Texten stellt Eva-Susanna Wodarz die Leistungen der Frauen aus dem deutschen Osten vor. Fürstinnen oder Schauspielerinnen und Künstlerinnen haben ebenso Aufnahme gefunden wie Salondamen und Frauenrechtlerinnen. Bei den in Ost- oder Westpreußen geborenen oder dort wirkenden Frauen findet man Namen wie Dorothea von Montau (1347–1394), die Mystikerin Altpreußens, die heilkundige Landesmutter Herzogin Dorothea von Preußen (1504–1547), die Pastorengattin Anna Neander (1615–1689), besser bekannt als Ännchen von Tharau, die Dichterin Gertrud Moller (1637–1705), die Astronomin Catharina Elisabeth Hevelius (1647–1693), die Schriftstellerin Luise Adelgunde Gottsched (1713–1762), Gräfin Caroline von Keyserlingk (1727–1791), einst geschätzter Mittelpunkt des geistigen Königsberg, die Theaterdirektorin Johanna Caroline Schuch (1739–1787), die Schriftstellerin und Mutter des Philosophen Johanna Schopenhauer (1766–1838), die "Femme Scandaleuse" Johanna Motherby (1783–1842), die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Fanny Lewald (1811–1889), Ida v. Kortzfleisch (1850–1915) – sie gründete die Landwirtschaftlichen Frauenschulen, Elisabet Boehm (1859–1943), die Gründerin der deutschen Landfrauenbewegung, die Dichterin Agnes Miegel (1879–1964) und natürlich Käthe Kollwitz. Ausführliche Literaturangaben am Schluß jeder Biographie regen zum Weiterlesen an. Leider jedoch muß man auf entsprechende Illustrationen verzichten. Dessen ungeachtet ist diese Publikation nicht nur lesenswert sondern vor allem auch dringend notwendig, schließt sie doch eine beträchtliche Lücke in der Geschichtsschreibung. Silke Osman