20.10.2021

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28.10.00 "Lebe wohl, du wertes Vaterland"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


"Lebe wohl, du wertes Vaterland"
Die Vertreibung der Salzburger Protestanten
Von Esther Knorr-Anders

Eine Radierung von 1732 kannte jeder Königsberger. Sie zeigte – unter vielen anderen Zeichnungen und Stichen gleichen Themas – "Die Ankunft der Salzburgischen Emigranten zu Königsberg in Preußen". J. G. Schreiber hatte sie geschaffen.

Was ist zu sehen? In der Ferne hochragende Türme, enge Häuserzeilen, umzingelt von der Stadtmauer. Über eine endlose verschneite Ebene schleicht der Zug der Geflüchteten ihrer neuen Bleibe zu. Am 31. Oktober 1731 hatte Leopold Anton Freiherr von Firmian, Fürsterzbischof von Salzburg, mit dem "Emigrantionspatent" alle über zwölf Jahre alten Protestanten des Landes verweisen lassen. Dies geschah in kaltschnäuziger Außerachtlassung der im Westfälischen Frieden von 1648 verbürgten Gleichberechtigung von Protestanten und Reformierten mit den katholischen Gläubigen. König Friedrich Wilhelm I. gab daraufhin rund 20 000 Salzburgern in Ostpreußen Siedlungsrecht. Er hat es nie bereut, denn die da seßhaft wurden, bereicherten Kultur und Wirtschaft. Sie waren tüchtig, hatten nicht die Absicht, von Almosen zu leben. Sie kamen sowohl über lange Wanderungen wie auch zu Schiff. Mit 19 Schiffstransporten traten zwischen dem 27. Mai und 8. November 1732 insgesamt 10 780 Emigranten an Land, 11 Landtransporte brachten 5533 Salzburger in die Stadt Königsberg.

Trotz aller Pflege und Zuwendungen von Nahrungsmitteln und finanziellen Hilfen starben bald nach Ankunft viele, darunter 554 Kinder. Die Strapazen hatten sie überfordert. Das galt nicht nur für die Flucht, es galt auch für die Zeit davor. Schauen wir uns davor genauer an. Bei seinem Regierungsantritt in Salzburg anno 1727 schockte Firmian die Zuhörer mit der Verlautbarung, "er werde wie der höchst weise Philipp II. von Spanien den eingenommenen Thronsitz zur Ehre des wahren Glaubens als einen Platz am Webstuhl betrachten". Die Anwesenden horchten auf. Viele wußten, daß in den Salzburger Gebirgsregionen zigtausend Einheimische der lutherischen Lehre anhingen; die einen heimlich, die anderen offen. An Fimians "Webstuhl" wurde nun ein Leidenstuch für das Salzburger Land produziert. Innerhalb von zwei Jahren wurden Unzählige wegen ihres protestantischen Glaubensbekenntnisses aus ihren Wohnungen, Häusern und von ihren Höfen vertrieben; Kinder wurden von den Eltern getrennt, zwangsweise zurückbehalten, um sie katholisch erziehen zu können.

Schlichte Bauerngemüter hofften zuversichtlich, im Lande bleiben zu dürfen, wenn sie sich offenherzig zum Luthertum bekannten und dem Fürsterzbischof, als dessen Untertanen, Treue zusicherten. Gestraft wurden ferner jene, die sich katholisch verhielten, aber protestantisches Gedankengut pflegten. Zu ihrer Erfassung wurden die gefürchteten Religionsexamen eingeführt, denen jedermann unterworfen werden konnte. Diese Verhöre dauerten lange: "Nach glaubwürdigen Berichten bis zu 16 Stunden. Steinalte Leute wurden noch dazu herangeschleppt, sie baten oft, man möge es kurz mit ihnen machen. Die Akten wurden schließlich nach Salzburg an die geheime Deputation geschickt, die bestimmte die Strafen; vor allem Geldbußen, Einkerkerung, öffentliche Abschwörung bei feierlichem Gottesdienst mit dem Rosenkranz in der Hand, Bußplätzen in der Kirche, Nachmittagsunterricht, oft auch Verlegung des Wohnsitzes in die Nähe des Missionsortes" schrieb der Historiker C. Fr. Arnold in "Die Ausrottung des Protestantismus in Salzburg unter Erzbischof Firmian und seinen Nachfolgern".

Manche, die aus dem berüchtigten Salzburger Gefängnis "Kheuche" wieder ans Tageslicht traten, bekundeten "dies Leben sei schon Fegefeuer genug; es sei das Sterben". Die Obrigkeit protegierte das Denunziantentum. Folglich versiegte die unbekümmerte Lebensfreude des Salzburgischen Volkes, das freimütige Miteinander schwand dahin, ein arglistiger Zug prägte viele Gesichter.

Doch die Fanatiker feierten Triumphe. Im Namen Firmians wurde am 26. Dezember 1732 ein Schreiben an Papst Clemens gesandt, das in zeitgenössischem klerikalen Stil die Beteuerung enthielt: "Jetzt ist die Zeit gekommen, oberster Hirte der Kirchen und tapferer Vorkämpfer des katholischen Glaubens, daß Dein Herz sich freue und frohlocke in dem Gott Israels: Die Starken sind zunichte geworden, die Spötter zu schanden. Der aufrührerische Haufe ist geschlagen, das faule Fleisch abgeschnitten, das räudige Schaf aus dem Schafstall getrieben. Unstet und flüchtig sind jene auf Erden geworden, irrende Sterne, denen das Dunkel der Finsternis aufbehalten ist in Ewigkeit. Jene Häretiker meine ich und Anhänger der lutherischen Sekte, die im Juni 1731 plötzlich und unverhofft sich verschworen, die Larve abtaten, mit der sie katholisch zu sein heuchelten ..."

Die grausame, sadistische Verfolgung der Protestanten, endlich die Austreibung galt im damaligen Europa, das vom Geist der Aufklärung ergriffen war, als ein widerwärtiger Akt fürsterzbischöflicher Machtvollkommenheit. Friedrich Wilhelm I. von Preußen drohte – als Gegenmaßnahme – seine katholischen Bürger ebenfalls auszuweisen. Doch auch Katholiken waren über Firmian entsetzt. Papst Clemens distanzierte sich von ihm. In Wien forderte Kaiser Karl VI. den Fürsterzbischof wiederholt zu Mäßigung und Milde auf. Es hagelte Proteste und Beschwerden auf die Diplomatenschaft in Salzburg nieder. Es nützte nichts. In 32 Zügen wanderten die Salzburger nach Preußen, Hannover, Holland, England, ja selbst nach Amerika aus, stets das Exilantenlied auf den Lippen, dessen letzte Strophe lautete:

Lebe wohl, du wertes Vaterland,

Dem ich den Rücken hab gewandt!

Gott sei mit dir und auch mit mir!

Ich reis’ in Gottes Schutz von dir.

Die Vertriebenen, die in den preußischen, sächsischen, thüringischen, fränkischen Regionen angekommen waren, wurden enthusiastisch empfangen. Als am 30. April und 1. Mai 1732 ein Zug von 843 Emigranten, Lieder der Reformationszeit singend, in Berlin einzog, zeigte sich die einheimische Bevölkerung von Mitleid und Bewunderung überwältigt. In Leipzig rissen sich die Bürger am 13. Juni 1732 buchstäblich um jeden einwandernden Salzburger, wollten ihn beherbergen, beköstigen, boten materielle Unterstützung. Als eine Salzburgerin einen Knaben gebar, wurde er in der Thomaskirche getauft. Die Mutter erhielt Kinderkleidung, Bettzeug und Geld geschenkt. Sie meinte, noch nie "so viele Dukaten" besessen zu haben. In Coburg kam es am 2. Juli zu einem triumphalen Einzug der Emigranten. Als sie sich der Stadt näherten, läuteten die Kirchenglocken. Der gesamte Rat der Stadt, die Pfarrer, das Schulkollegium, alle Schulkinder und Schwärme von Zuschauern strebten zum Stadttor. Dort begrüßte der Generalsuperintendent die Ankömmlinge. Hernach zog man gemeinsam zum Rathaus, zur Quartiersverteilung.

Der Weg der meisten Einwanderer aber endete nicht in Preußen, Sachsen, Thüringen, Franken. Sie zogen weiter in das ihnen angebotene, unendlich weite Siedlungsgebiet Ostpreußen. Viele wurden unterwegs krank, starben, mußten beerdigt werden. Die jedoch ihr Ziel erreichten, fanden eine Bleibe, die ihrer verlassenen Heimat an landschaftlicher Eigenwilligkeit nicht nachstand. Gewiß, die Berge fehlten. Dafür aber gab es Wälder, die nie eines Menschen Fuß betreten hatte und es gab eine weißsandige Küste, auf der blaugrüne Wellen ausrollten. Die überströmende Hilfsbereitschaft, die tränenreiche Rührung, die den ersten Einwanderungszügen gegolten hatte, wird – man darf es vermuten – gleich anderen Zeiterscheinungen bald verebbt sein. Eines aber blieb: die als selbstverständlich empfundene Pflicht zur Hilfe beim Aufbau einer neuen Existenz.

Bemerkenswertes sei hier eingeschoben. Erstens: 1734 wurden auf Wunsch des Preußenkönigs die in Salzburg zurückgelassenen Güter der Emigranten durch eigens beauftragte Kommissäre verkauft und ihm das Geld zur Neuansiedlung der Emigranten überlassen. Zweitens: Durch Kabinettsorder des Königs vom 27. Januar 1740 wurde die Stiftung "Salzburger Anstalt Gumbinnen" in Ostpreußen errichtet, eine Fürsorgeeinrichtung für die dort siedelnden Salzburger. Dieser Stiftung flossen – neben Kollektengeldern – finanzielle Mittel aus dem Erlös der in Salzburg veräußerten Güter zu. Zahlreiche Emigranten verzichteten auf die Auszahlung zugunsten ihrer alten und hilfsbedürftigen Leidensgefährten. Mustergültiges Beispiel einer Notgemeinschaft. Diese Stifung existiert, zusammen mit dem "Salzburger Verein", noch heute. Allerdings nicht mehr im ostpreußischen Gumbinnen, sondern in der westdeutschen Patenschadt Bielefeld.

Firmian blieb noch nach der Massenaustreibung der Salzburger davon überzeugt, nur einen Teil des Glaubenswerkes vollendet zu haben. Immer neue Überwachungs- und Bespitzelungsmethoden wurden ausgeklügelt. Wer ein Buch erwarb, mußte den Besitz von der Obrigkeit erlaubt und bescheinigt erhalten haben. Für Anzeigen wegen unerlaubten Buchbesitzes wurden Prämien gezahlt. Am sichersten lebten zu Firmians Tagen jene Salzburger, die nachweislich weder lesen noch schreiben konnten. Die Anzahl der konfiszierten und vernichteten Bücher erfüllt noch heute mit Grauen. In manchen Orten gingen ganze Bauernbibliotheken, sorgsam gehütete Schätze ihrer Besitzer, in Flammen auf.

Den wirtschaftlichen Schaden, der durch die Bespitzelung, Entwürdigung und Vertreibung von Grundbesitzern, Bauern, Handwerkern, Kaufleuten im Salzburger Land dem Erzbistum entstanden war, mußte Firmian einkalkuliert haben; das katastrophale Ausmaß der langzeitlichen Folgen hatte sich jedoch offenkundig seiner Vorstellung entzogen. In seinem freudlosen Land wurden kaum noch Ehen geschlossen; die Bevölkerungszahl sank rapide. Doch mit all diesem Horror hatten die Vertriebenen nichts mehr zu tun. Sie vergaßen ihr Herkunftsland nicht, pflegten weiter ihr Brauchtum, ihre Geselligkeit – und gewannen die zweite Heimat lieb.