19.10.2021

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28.10.00 "Und wenn ihr alles abgerissen habt …?"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Oktober 2000


"Und wenn ihr alles abgerissen habt …?"
Beispiel Preußisch Eylau: Illegale Abtragung erhaltener Bausubstanz bringt bares Geld
Von Armin Matt

Im nördlichen Teil des Kreises Preußisch Eylau ist es wie fast überall auf dem flachen Land im nördlichen Ostpreußen: besonders die alten deutschen Häuser sind stark verkommen. Als ich diese Beobachtung meinem alten Bekannten Viktor in Rauschen gegenüber äußerte, hat er dieses zunächst einmal kategorisch abgeleugnet. Ein paar Monate später aber bestätigte er es mir, er hatte sogar bereits eine Umfrage bei Bewohnern durch-geführt. Zusammenfassend meinte er, es laufe darauf hinaus, daß sich niemand verantwortlich fühle, dieses "faschistische" Eigentum in Ordnung zu halten. Wenn diese "faschistischen Eigentümer" dann wiederkämen, sollten sie nichts vorfinden, woran sie eine Freude hätten.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie beispielsweise die ukrainischen Leute, die in meinem Elternhaus leben. Eines der ganz wenigen Häuser, die in Kreuzburg noch stehen. Ich kann mir ein Urteil darüber erlauben, denn ich war ja bis November 1947 noch dort gewesen. Nicht der Krieg ist die Ursache dieser Mißstände, sondern reine Willkür, die keine Lust und Interesse hatte, die deutschen Orte zu erhalten, geschweige denn, wieder aufzubauen. Das nördliche Ostpreußen wird vielfach noch immer als Kriegsbeute behandelt und ausgeplündert.

Denn daß es nur um Geld geht, das sich aus diesen Ziegelsteinen erzielen läßt, ist mir in der Zwischenzeit vollkommen klar geworden. Anstatt also auf den Feldern etwas anzubauen und nach der Ernte zu verkaufen, reißt man einfach alte deutsche Bausubstanz ab und verkauft die einzelnen Steine – momentan zu einem Rubel das Stück. Das gibt für 30 Steine dann schon eine Flasche Wodka im Laden. Aber wer als Kleinabholer die Flasche Wodka schon mitbringt, bekommt 35 Steine dafür. In Königsberg sind dieselben Steine dann leicht das Doppelte wert. Die ganz Verwegenen begnügen sich natürlich schon mit dem selbstgebrannten Schnaps: "Samagon" genannt. Der wird auf dem flachen Land für rund die Hälfte, also 15 Ziegelsteine angeboten.

Als ich Mitte September 1999 wieder mal nach Kreuzburg kam, stellte ich fest, daß man begonnen hatte, das alte deutsche Molkereigebäude wegzureißen. Als ich damals auf dem Molkereihof hielt und mit Kamera in der Hand aus meinem VW-Bus stieg, hörte ich einen schrillen Pfiff und sah sogleich drei bis vier junge Männer in Richtung "Anlage Ehrenmal" laufen und sich verstecken. Also hatten sie doch ein schlechtes Gewissen und wollten vor allen Dingen nicht von dem "Njemez" fotografiert werden. Seelenruhig habe ich dann das Gebäude von allen Seiten fotografiert und festgestellt, daß das hintere Dachviertel bereits abgedeckt war, die hintere Wand bereits verschwunden.

Dieses Gebäude, von einem Armenier aufgekauft, hatte übrigens erst Mitte der neunziger Jahre ein vollkommen neues Dach erhalten, es war mit neuen hellroten Dachziegeln aus Litauen eingedeckt worden. Die jetzige Bürgermeisterin und auch der armenische Besitzer hatten noch 1996 Kontakt mit mir zwecks Auffindung von deutschen Investoren für eine Limonadenherstellung aufgenommen. Die Voraussetzungen dafür waren nicht schlecht, denn diese Molkerei verfügte über einen mehr als hundert Meter tiefen Brunnen mit fast Mineralwasserqualität. Überhaupt ist in diesem Teil unserer alten Provinz das Grundwasser noch nicht verseucht, höchstens das Oberflächenwasser, weil man überall die Gülle aus den Ställen in die Bäche ableitet.

Verantwortlich für den Abriß ist ein gebürtiger Kreuzburger. Von einem Privatverein der sogenannten "Freunde Kreuzburgs" sehr verwöhnt, wußte er nach seiner Entlassung aus der russischen Armee nichts Besseres zu tun, als dieses kostbare Industriegebäude in Rubel umzusetzen, um sich und den anderen Autos zu kaufen.

Als ich zwei Monate später wieder dort war, fand ich nur noch die Fundamente und ein paar Mauerstummel vor. Als ich diesmal mit einem guten Dolmetscher bei der Bürgermeisterin nachfragte, meinte sie, der Besitzer müsse halt besser aufpassen auf seinen Besitz, und im übrigen sei sie zu dieser Zeit in Urlaub gewesen, und das hätte man dann wohl ausgenutzt. Weitergemeldet hat sie es aber offenbar trotzdem nicht. Begünstigt wurde diese Situation durch die Tatsache, daß der Kreis Preußisch Eylau seit Juni dieses Jahres ohne Rayonchef (Landrat) war, weil der Administrations-Vorsitzende, Reuzki seinerzeit verstorben war.

Ich stelle bei solchen Gelegenheiten immer wieder die folgende Frage: Wenn ihr das letzte Ziegelgebäude abgerissen und verkauft, das letzte Stück Kupferdraht zerschnitten und verkauft, den letzten Eisenträger oder Stahlmast verschrottet und verkauft habt, was kommt dann? Dabei ernte ich meist ein halbverschmitztes, verlegenes Grinsen, aber keine Antwort.