17.10.2021

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04.11.00 Leitkultur: Schweinebraten oder Döner?

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 04. November 2000


Leitkultur: Schweinebraten oder Döner?
von Hans-Jürgen Mahlitz

Die Liebe, so sagt ein altes Sprichwort, geht durch den Magen. Auch die Vaterlandsliebe? Soll also der Patriot, wenn er sich von dem Begriff "Deutsche Leitkultur" Orientierung erhofft, zur Speisekarte greifen?

Folgen wir dem grünen Politiker Cem Özdemir ein Stück auf diesem Wege. Der Bundestagsabgeordnete – lebendes Beispiel für gelungene Integration – kommentierte die Äußerung von Friedrich Merz ohne die in seiner Fraktion übliche Aufgeregtheit: "Integration bedeute für ihn, sich an das Grundgesetz zu halten, das hiesige Schulsystem zu akzeptieren, sich in das Arbeitsleben einzubringen und die deutsche Sprache zu beherrschen. Wenn der Unionsfraktionschef seine "Deutsche Leitkultur" auf einen solchen Integrationsbegriff stütze, dann "hat man mich gerne als Bündnispartner".

Özdemir weiter: Integration ja – Assimilation oder gar "Germanisierung" nein. Als Ziel nennt er eine "interkulturelle", also nicht "multikulturelle" Gesellschaft, immerhin ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Und nun sein kulinarischer Vergleich: Deutsche Leitkultur, das sei für ihn "Schweinebraten und Döner". Auf den ersten Blick scheint dies dem ernsten Thema nicht angemessen. Bei näherem Hinsehen aber kann man sich davon durchaus zu sehr ernsthaften Gedanken anregen lassen.

Zweifellos gehört zur kulturellen Identität eines Volkes auch seine Eßkultur. Dies ist bei vielen unserer Nachbarn deutlicher ausgeprägt als bei uns Deutschen; aber wir sind ja lernfähig. Dazu einige beispielhafte Punkte:

? Daß Helmut Kohl als Bundeskanzler Staatsgäste aus aller Welt mit Pfälzer Saumagen zu beglücken pflegte, ist in unseren Medien stets als provinziell und kleinkariert verächtlich gemacht worden. Genau diese Art von "kritischem Journalismus" gilt jenseits der deutschen Grenzen als provinziell und kleinkariert.

? In England ist es auch heute noch üblich, das Fernsehvolk mit dümmlichen Kriegsfilmen zu verhetzen, in denen die "Krauts" als weltweit unübertreffliche Mischung aus Deppen und Bösewichten vorgeführt werden.

? In Deutschland gilt es als schick, "beim Griechen" oder "beim Italiener" zu speisen – aus unterschiedlichsten Gründen: Weil es einem dort gut schmeckt, weil man dort noch jene freundliche Bedienung findet, die man in unserer Dienstleistungswüste sonst so schmerzlich vermisst. Oder auch, weil man politisch korrekte Ausländerfreundlichkeit" bekunden will. Motto: Essen gegen rechts!

? Die schleichende Amerikanisierung unserer Gesellschaft – in Deutschland besonders kraß, aber auch in den meisten anderen Ländern Europas – äußert sich vor allem in zwei Bereichen: der zunehmenden Verhunzung unserer Sprache und der flächendeckenden Ausbreitung von McDonald. Hier geht es nicht um die Frage, ob diese Pappmachéküche gesund ist oder nicht. Der kulturzerstörende Effekt liegt darin, daß in immer mehr Familien die gemeinsame Mahlzeit als zentrale Stätte der Kommunikation entfällt und statt desssen den Kindern ein paar Mark für den Big Mac in die Hand gedrückt wird. Hier nehme ich Cem Özdemir gern beim Wort: Mit Schweinebraten und Döner gemeinsam gegen Fast food!

Wer nun immer noch meint, die Nahrungsaufnahme habe mit Kultur, also auch mit "Leitkultur", nichts zu tun, sollte einen Blick in die Bibel werfen. Immerhin haben die Apostel das Vermächtnis Jesu ja nicht am Ausgabeschalter eines Selbstbedienungsrestaurants entgegengenommen; es wurde ihnen während eines gemeinsamen Essens zuteil, nämlich beim Abendmahl. Dieses zentrale Ereignis des Neuen Testaments fügt sich nahtlos ein in eine jahrtausendealte Tradition, in der Kultur und Religion eine Einheit bildeten.

Paul Bocuse, der "Vater der Nouvelle Cuisine", sagte mir einmal, wir Deutschen sollten endlich selbstbewußter und stolzer werden – auf unsere so vorzüglichen regionalen Küchen, aber auch weit darüber hinaus auf unsere großen historischen und kulturellen Leistungen. Bei dem Gespräch in seiner Küche in Collonges au Mt d’Or trug er – ganz selbstverständlich – in der Hand den Kochlöffel und am Hals das Kreuz der Ehrenlegion. Ein schönes Beispiel für "französische Leitkultur". Zumindest eines könnten wir davon lernen: Wie man sich mit "deutscher Leitkultur" beschäftigen kann ...