17.10.2021

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04.11.00 Wie offen ist heute der Dialog?

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 04. November 2000


"Zentrum gegen Vertreibungen":
Wie offen ist heute der Dialog?
BdV-Präsidentin Steinbach diskutierte mit deutschen und polnischen Journalisten

Polen und Vertriebene – Wie offen ist heute der Dialog?" war das Thema einer Podiumsdiskussion, die die neue Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" am 19. Oktober im Frankfurter Presseclub veranstaltete.

Unter der Leitung von BdV-Präsidentin Erika Steinbach MdB diskutierten in der Mainmetropole der Polenkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Urban, und der polnsiche Publizist und frühere Chefredakteur von "Zycie Warszawy", Kazimierz Woycicki, der auch Leiter des polnischen Kulturinstituts in Düsseldorf war.

Trotz der vielen Parallelveranstaltungen wegen der Frankfurter Buchmesse, in der Polen dieses Jahr im Mittelpunkt der Betrachtung stand, war der Presseclub nahezu überfüllt. Das Thema löste bei den Anwesenden nicht nur großes Interesse, sondern auch teilweise starke Emotionen aus.

Auf die einleitende Frage von BdV-Präsidentin Steinbach, ob sich inzwischen der Blickwinkel im deutsch-polnischen Verhältnis positiv verändert habe oder ob es noch Tabuzonen gebe, die aufgebrochen werden müßten, antwortete Kazimierz Woycicki, daß seit vier Jahren viele Dinge vorangekommen seien.

Seit 1990 sei in Polen klar gewesen, daß das Tabu der Vertreibung gebrochen werden müsse. Er wies auf Jan Josef Lipski hin, der Vorreiter der Öffnung zu Deutschland gewesen sei. Die Opposition in Polen hätte dies vorbereitet. Vertreibung würde in Polen unter zwei Gesichtspunkten gesehen. Es sei

1. ein deutsch-polnisches Thema (Außenverhältnis)

2. ein innerpolnisches Thema (Identitätsfindung).

Denjenigen Polen, die nach ihrer eigenen Vertreibung aus den Ostgebieten Polens in den deutschen Provinzen angesiedelt wurden, diente die Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Deutschen, deren Eigentum sie jetzt in Besitz genommen hatten, zur Identitätsfindung.

In dem Zusammenhang seien Begründungen wie die von den Kommunisten verkündete sogenannte "Wiedergewinnung der polnischen Westgebiete" von der polnischen Bevölkerung in Wirklichkeit nicht ernst genommen worden. Woycicki beklagte, daß man in Deutschland häufig keinen Unterschied zwischen den seinerzeitigen Maßnahmen der Kommunisten und den Entscheidungen des heutigen Polen mache. Anfang der 90er Jahre sei die Öffnung zu Deutschland ein selbstverständlicher Prozeß in Polen gewesen. Erstes Ergebnis seien unter anderem polnische Dokumentationen über die Vertreibung. Woycicki betonte, daß in Polen mehr Leute über die Vertreibung forschten, als in Deutschland.

Der Polenkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Urban, bemerkte, daß Polen positiv zur Vertreibungsdiskussion stehe. Negative Stimmen dazu seien hauptsächlich von Nationalkonservativen und Teilen der katholischen Kirche gekommen. In der Politik sei allerdings die Vertreibungsdiskussion noch nicht mehrheitsfähig.

Polen habe gegen Ende der kommunistischen Herrschaft einen Nachholbedarf gehabt, die Vertreibung der Polen im Osten und das Verhältnis zur Sowjetunion aufzuarbeiten. Die intensivere Beschäftigung mit der Vertreibung und dem Leid der Deutschen beginne erst jetzt.

Urban forderte, daß die Geschichte der Vertreibung der Deutschen sich auch in den polnsichen Schulbüchern niederschlagen müsse. Im übrigen sei der Dialog, das Gespräch miteinander, die notwendige Voraussetzung für Veränderungen.

Die Emotionen unter den Zuhörern steigerten sich, als Woycicki die Eigentumsfrage im deutsch-polnischen Verhältnis anschnitt. Polen sei sehr empfindlich, wenn diese berührt würde. Für Polen gebe es keine Eigentumsfrage. Ein Drittel des heutigen polnischen Gebietes sei deutsches Gebiet gewesen. Wenn die Eigentumsverhältnisse plötzlich unklar wären, könnte sein Land nicht mehr regiert werden.

Ein weiterer Aspekt sei die Tatsache, daß alle diejenigen, die sich in Polen um Verständnis mit Deutschland bemühten, dann plötzlich zwischen zwei Stühlen säßen und Schwierigkeiten im eigenen Land bekämen. Seiner Meinung nach sei es natürlich für die Betroffenen in Deutschland sehr schwierig, den Verlust des Landes und des Eigentums zu akzeptieren. Dies sei nur menschlich verständlich.

Dagegen betonte Thomas Urban, daß in der Vermögensfrage bei den Betroffenen das tiefe Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, festsitze. Dee Vertriebenen seien die Verlierer des Krieges.

Auf die Frage, wie sich die Vermögensfrage, über die es ja zwischen der deutschen und der polnischen Regierung einen Dissens gebe, weiter entwickeln könnte, antwortete Urban, daß die polnische Gesellschaft zur Zeit noch nicht einmal für eine Diskussion über eine symbolische Entschädigung der Deutschen bereit sei.

Die Ansprüche auf Rückerstattung deutschen Vermögens müsse ein europäischer Gerichtshof entscheiden. Weder die deutsche noch die polnische Regierung könnten dieses Problem lösen.

In diesem Zusammenhang sei auch einmal die Frage zu stellen, warum rund zehn Millionen Menschen aus den Oder-Neiße-Gebieten vertrieben werden mußten, wenn nur zwei Millionen Polen dort angesiedelt wurden und ganze Gebiete leerstanden.

BdV-Präsidentin Erika Steinbach MdB wies darauf hin, daß es wohl in beiden Gesellschaften, der deutschen und der polnischen, noch erhebliche Wissenslücken über die Vertreibung gebe. In Deutschland sei dieses Thema erst durch die Fernsehberichte über die Vertreibungen auf dem Balkan so richtig den Menschen ins Bewußtsein gerückt worden.

Der Bund der Vertriebenen habe die Einrichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" beschlossen, um aufzuklären, zu sensibilisieren und zur Verhinderung von Vertreibung schon im Vorfeld durch Information beizutragen.

Für ein solches Zentrum sehe er im Moment keine Unterstützung, meinte Woycicki. Das Zentrum habe vorerst keine Chance, in Polen akzeptiert zu werden, nicht zuletzt, weil man vermute, es werde hauptsächlich das Schicksal der deutschen Vertriebenen dargestellt.

Thomas Urban riet dazu, die Idee des Zentrums mit Geduld umzusetzen. Wenn Polen an der Konzeption beteiligt werden solle, müsse dies mit Behutsamkeit geschehen.

BdV-Präsidentin Steinbach rief dazu auf, das Gemeinsame zwischen Deutschen und Polen zu betonen, anstatt das Trennende. Woycicki seinerseits versprach, sich für die Erforschung der Vertreibung einzusetzen. Aus dem Publikum kam die Bitte, sich bei der Darstellung der Vorgänge an die Wahrheit zu halten. Es bestünde eine Notwendigkeit zur Diskussion in Deutschland auch über die Idee des "Zentrums gegen Vertreibungen." Hierzulande würde in dem Zusammenhang mehr tabuisiert als in den Nachbarländern. Walter Stratmann (DOD)