25.10.2021

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11.11.00 Spiegel einer zerrissenen Zeit

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 11. November 2000


Hannover:
Spiegel einer zerrissenen Zeit
Die Expo 2000 sagte vieles über unsere Epoche – und über Deutschland

Wer den deutschen Pavillon der gefeierten und ebenso verrissenen ExpoA besuchte, konnte einiges über den Seelenzustand unseres Landes erfahren. Klar doch, man wollte mit "Klischees brechen" und ganz bewußt ein "anderes Deutschland" zeigen. Wir kennen diese Sprüche – doch erst in Hannover wurde so richtig sichtbar, wie abgeschmackt und bieder dieses scheinrebellische Wortgeklimper vom "kritischen Blick" daherkommt.

Nach Betreten des kalten Kastens sah sich der Deutschlanderforscher in ein chaotisches Sammelsurium von Gipsplastiken gedrängt. Neben diesen oder jenen Berühmtheiten der allerjüngsten Geschichte standen auch "ganz normale Menschen" da herum, wie stehengelassen im unaufgeräumten Atelier eines mittelmäßig begabten Bildhauers.

Das Ende jener Rumpelkammer schnell erreicht, bat ein freundlicher Bediensteter in einer von Brücken durchzogenen Halle weiter: "Von überall haben Sie einen ausgezeichneten Blick" auf einen Film, der vermutlich wunschdeutsche Wirklichkeit zeigen sollte. Blümchen, Kinder aller Erdteile und schließlich eine Hinterhof-Grillparty. Natürlich auch ganz multikulturell und generationenübergreifend. Randgruppenstadl nach Art der berüchtigten "Lindenstraße".

Schließlich ging es weiter in eine große Halle, in der Kulturföderalismus und allerlei technischer Schnickschnack noch schnell abgehakt wurden. Und schon lag Deutschland hinter einem.

In der Tat: Diese Expo sagte einiges aus über unser Land und unsere Zeit – die Ausstellung selbst ebenso wie die zähen Diskussionen, die sie umrankten. Die Erwartungen waren hoch, in vielerlei Hinsicht zu hoch. Begonnen mit der erwarteten Besucherzahl. 40 Millionen in 150 Tagen – das hätte bedeutet: Tag für Tag durchschnittlich gut 250 000. Der Verfasser dieser Zeilen wanderte gemeinsam mit kaum 100 000 anderen über das Gelände. Dennoch hieß es regelmäßig Schlange stehen, drängeln, warten. Kurz: die Prognosen waren grotesk. Viel wäre den Veranstaltern und dem Image der Expo erspart geblieben, wäre von Anfang an mit realistischen Zahlen gearbeitet worden.

Insgesamt aber litt die Weltausstellung auch unter durchaus zeittypischen Problemen. "Mensch, Natur, Technik": Das heißt alles oder nichts. So glitt das Angebot insbesondere der Länderpavillons oft ins Beliebige ab. Hinzu kam, daß allzuviel Multimedia geboten wurde: Filme, computergestützte Angebote und wieder Filme. Das hat der medienbewehrte Zeitgenosse alles zu Hause. Die Chance von Hannover wäre gewesen, dem allzeit abrufbaren medialen Erlebnis die unmittelbare Gegenüberstellung entgegenzuhalten. Nur wenige Anbieter nutzten diese Möglichkeit ausgiebig.

"Mensch, Natur, Technik" als Motto deutete aber auch an: Im Unterschied zu anderen Epochen fehlt unserer Zeit das große Leitziel. Die Menschheit weiß am Fuße des 21. Jahrhunderts nicht recht, wohin sie will, die Visionen sind uns ausgegangen. Fraglich, inwiefern das ein Fehler ist. Indes, der Weltausstellungsgedanke stammt aus Zeiten, in denen an großen Visionen kein Mangel war. Das 20. Jahrhundert hat viele davon zu leben versucht. Gut bekommen ist uns das nicht. So bleibt das Unsichere, Verhaltene, das diese Expo kennzeichnete, ein Widerhall zeitgenössischer Ernüchterung, wo vergangene Expos noch Ausrufezeichen euphorischer Zukunftserwartungen sein konnten.

So hat die Megaschau von Hannover entgegen aller Kritik ein Versprechen gehalten: Sie bot einen äußerst wirklichkeitsnahen Blick auf unsere Zeit und Befindlichkeit. Wer in fernerer Zukunft Fragen zu unserer Ära haben sollte, wird bei der Erforschung der "Expo 2000" viele auskunftsreiche Antworten in geballter Form finden. Hans Heckel