25.10.2021

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11.11.00 Vom "Panthersprung" zur Einigung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 11. November 2000


Das historische Kalenderblatt: 4. November 1911
Vom "Panthersprung" zur Einigung
Das deutsch-französische Abkommen beendete die jahrelange Marokkokrise
Von Philipp Hötensleben

Obwohl durch das Mittelmeer vom europäischen Kontinent getrennt, ist Marokko seit Jahren Interessensphäre der europäischen Politik und internationaler Krisenherd. Durch die Unterzeichnung des Marokko-Akommens zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich tritt wieder Ruhe in der Region ein. Gegen die Abtretung einiger Teile von Französisch-Äquatorial Afrika stimmt Deutschland einem französischen Protektorat in Marokko zu. Um seine Interessen in Marokko wahrzunehmen, verschafft sich Frankreich in den Jahren 1902 und 1904 durch Bündnisse mit Großbritannien und It alien Rückendeckung. Ergebnis dieser Abkommen ist die Anerkennung des Status quo im Mittelmeer durch Frankreich, das keine Ansprüche auf das zum britischen Interessengebiet gehörende Ägypten erhebt, dafür aber seinen Einfluß auf Marokko ausweiten will. Dieses Abkommen läuft dem Internationalen Madrider Vertrag über Marokko von 1880 entgegen, nach dem Deutschland gleichberechtigt Handel mit Marokko treiben darf. Dennoch steht die Reichsregierung der britisch-französischen Entente wohlwollend gegenüber, weil es hierin keine Provokation, sondern lediglich einen Interessenausgleich zwischen beiden Staaten sieht. Bisher ist die Reichsregierung in ihrer Politik davon ausgegangen, die weltpolitischen Interessengegensätze zwischen Großbritannien und Frankreich sowie zwischen Großbritannien und Rußland seien so unüberwindlich, daß das Deutsche Reich jederzeit seinen jeweiligen tagespolitischen Interessen entsprechned die Akzente seines Handelns einmal in Richtung Großbritanniens, einmal in Richtung Rußlands stärker setzen könne. Durch den Abschluß dieses Abkommens allerdings besteht die Gefahr, daß Großbritannien im Begriff ist, ganz in das Lager der Feinde Deutschland überzuwechseln. Tatsächlich plant Frankreich aber die Errichtung eines Protektorats, wodurch der deutsche Handel und Besitz in Marokko gefährdet würde. Dieser "friedlichen Durchdringung" des Landes will die Reichsregierung begegnen. So landet Kaiser Wilhelm II., von Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow zur Demonstration deutscher Stärke gedrängt, demonstrativ mit der Kaiseryacht in Tanger und stattet Sultan Abd al-Aziz, mit dem ein Handelsvertrag besteht, einen Besuch ab. Ungeachtet der Gefahr eines Bruches mit dem Deutschen Reich setzt Frankreich seine Marokko-Politik fort. Doch Deutschland bleibt unnachgiebig und fordert gemeinsam mit dem Sultan eine internationale Konferenz über Marokko, auf der Frankreich in sein Schranken gewiesen werden soll.

In Paris befürchtet man, Deutschland sei zum Krieg entschlossen und könnte die günstige Situation ausnutzen, da Rußland – Frankreichs östlicher Bündnispartner – zu dieser Zeit im Pazifik in einen Krieg mit Japan verwickelt ist. Französische Versuche, sich mit Deutschland über einen Interessenausgleich zu arrangieren, scheitern, und der Reichskanzler setzt eine internationale Konferenz durch.

Unter dem Vorsitz Spaniens findet im April des Folgejahres in Algeciras eine Konferenz statt, auf der die Stellung Marokkos gegenüber den europäischen Mächten geklärt wird. Deutschland, das sich weitgehend isoliert sieht, muß eine schwere diplomatische Niederlage hinnehmen. Erst nach schleppenden Verhandlungen kommt eine Einigung zustande. Die Teilnehmerstaaten kommen überein, die Souveränität des Sultans nicht anzutasten, die Freiheit des Handels und die Gleichberechtigung aller Mächte anzuerkennen sowie Frankreich eine Vorrangstellung bei der Einrichtung einer marokkanischen Bank zuzugestehen. Damit ist die Gefahr eines europäischen Krieges um Marokko bei Anerkennung einer Vormachtstellung Frankreichs vorerst gebannt. Doch auch nach der Unterzeichnung der Algeciras-Akte bleibt die innere Lage Marokkos weiter unsicher. Kaiser Wilhelm II. ist davon überzeugt, daß ohne einen Krieg mit Frankreich dessen Vordringen in Marokko nicht aufzuhalten ist. Er drängt auf eine rasche Erledigung der "elenden Marokkoaffaire". Diese erfolgt allerdings auf diplomatischem Wege. Am 9. Februar 1909 schließen beide Staaten ein Abkommen, in dem das Deutsche Reich die Vorrangstellung Frankreichs akzeptiert und Frankreich wieder wirtschaftliche Gleichstellung Deutschlands anerkennt.

Trotzdem sieht sich die Reichsregierung bei der Wahrnehmung ihrer Interessen weiterhin durch Frankreich behindert. Als französische Truppen, durch innere Unruhen veranlaßt, im Mai 1911 die marokkanische Hafenstadt Fez besetzen, ist ein neuer Höhepunkt der Auseinandersetzung um Marokko erreicht. Jetzt demonstriert das Deutsche Reich militärische Stärke. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Alfred von Kiderlen-Wächter, verlangt für einen zukünftigen Interessenverzicht Deutschlands auf Marokko von Frankreich das französische Kongogebiet. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, entsendet die Kaiserliche Marine am 1. Juli das Kanonenboot "Panther" zum marokkanischen Festungshafen Agadir. Frankreich, das sich der Unterstützung durch Großbritannien sicher sein kann, lehnt die Abtretung des gesamten Kongogebietes ab, macht aber territoriale Zugeständnisse. In dem Abkommen vom 4. November 1911 erkennt Deutschland das französische Protektorat über das nordafrikanische Sultanat an. Zur Entschädigung tritt Frankreich Gebiete von Französisch Kongo mit rund einer Million Einwohnern an Deutschland ab, das damit seine Kolonie Deutsch-Kamerun im Süden und Osten um mehr als die Hälfte vergrößert.

Allerdings handelt es sich bei den hinzugekommenen Gebieten hauptsächlich um Sumpfland, in dem die Schlafkrankheit herrscht. Dies führt zu heftigen innenpolitischen Protesten. Alldeutsche, Konservative und Neoliberale kritisieren das Abkommen, durch das dem Deutschen Reich lediglich wertlose und rohstoffarme Gebiete zugefallen seien. Auch die Sozialdemokraten schließen sich diesem Standpunkt an. Bei seiner Regierungserklärung am 9. November wird Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg mit Kritik überschüttet. Ihm wird vorgeworfen, eine schwächliche Haltung gezeigt und "gekniffen" zu haben. Er muß sich sogar fragen lassen, wozu die ungeheuren Steuerlasten für Heer und Marine aufgebracht werden mußten, wenn die Reichsregierung von vornherein mit der Prämisse eines "Friedens um jeden Preis" an internationale Verträge heranginge. Die Kriegsgefahr in Marokko allerdings ist vorüber.