19.10.2021

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25.11.00 Schrille Töne im Kampf um das Erbe

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. November 2000


Bayreuth:
Schrille Töne im Kampf um das Erbe
Die Festspiele, die Wagners – und was weiter
Rückblick und Ausblick von Werner Dremel

Wer Wolfgang Wagner sieht, ist über seine überquellende Vitalität erstaunt – er ist immerhin über 80. Wer ihn kennt, versteht warum: Hier ist einer, der eine Mission hat – das Vermächtnis Richard Wagners zu hüten und für die Zukunft zu bewahren.

Wolfgang Wagner hat es in mühsamer Arbeit seit Anfang der 50er Jahre fertiggebracht, (Neu) Bayreuth eben gerade nicht erstarren zu lassen, wie es ihm in bösartiger Weise vorgeworfen wird, sondern neben den Festspielgedanken seines Großvaters seinen Werkstattgedanken zu stellen: das Alte bewahren, das Neue hereinlassen, aber nicht um des Neuen willen, sondern nur, wenn es Wert hat!

Bemerkenswerte Inszenierungsbreite einerseits, spürbare Geschlossenheit andererseits sind die Folgen. Die Festspielleitung prüft den Rahmen, das Gesamtkonzept einer neuen Inszenierung.

Genügt diese den Maßstäben, die Wagner selbst – und zwar sehr deutlich – an sein Werk gelegt hat, erteilt sie den "Zuschlag", dann haben Regie und Bühnenbild weitestgehende Gestaltungsfreiheit.

So unterbleiben in Bayreuth Narreteien, wie sie an vielen, leider all zu vielen Opernhäusern der Welt Eingang gefunden haben! Der allgemeinen Spinnerei werden hier deutliche Grenzen gesetzt.

Man nehme gleich einmal die letzten Festspiele her: Welche Inszenierungsbreite, welch verschiedene Regiekonzepte !

Da ist zunächst der neue Ring von J. Flimm (Regie) und E. Wonder (Bühnenbild). Homer, Shakespeare und der "Rings des Nibelungen" werden gemeinhin auf eine Qualitätsebene gestellt – daher ist eigentlich jede Neuinszenierung des Rings, dazu noch in seiner "Urheimat" Bayreuth, etwas ganz besonderes – die Kunstwelt horcht auf! Frühestens nach der Premiere weiß man – oder auch (noch) nicht – ob diese Neuproduktion, im Vergleich mit früheren Realisationen, "gelungen" ist.

Nun, was heißt "gelungen", was ist der Maßstab dafür?

Im Ring tritt der gesamte Kosmos an: Oben – Mitte – Unten: Götter und Halbgötter – Helden und Kreaturen – die Unterwelt, Anfang und Ende der Welt und des Himmels, Wasser, Erde und Feuer als die Archetypen der Natur, Gier, Haß, Leidenschaft und Liebe als die Urkräfte des Menschen – das ist das Material, aus dem der Ring geschmiedet ist. Nur, wenn es gelingt, diese schreckliche Großartigkeit faßbar zu machen, ohne Moralin, Weinerlichkeit und Hanswurstiaden – dann ist eine Inszenierung "gelungen".

Wieland und Wolfgang Wagner, Chereau und stellenweise Harry Kupfer haben diesen Anspruch erfüllt – Jürgen Flimm und Erich Wonder werden sich daran messen lassen müssen !

Die Meistersinger sind nun geradezu ein Gegenwerk zum Ring, auch und besonders aus der Perspektive des Regisseurs gesehen. Sie sind ein unmittelbar irdisches Werk, mythenfern, ohne schwere Symbolik. Und gerade dies macht sie für Auslegungsbreiten nahezu unempfänglich – der Inszenierung sind engere Grenzen gesetzt als allen anderen Werken Richard Wagners. Das heißt im Klartext: Eine Inszenierung kann sich, werksbedingt, gar nicht so von einer anderen unterscheiden, wie es sonst der Fall ist.

So ist Wolfgang Wagner in diesem vorgegebenen Rahmen geblieben, als er 1996 die Oper neu inszenierte. Der Ausschnitt aus einem Riesenglobus als dauernder Bühnenhintergrund, als durchgehendes Regieprinzip signalisiert Weltoffenheit der gewaltigen Handelsstadt in der beginnenden Neuzeit der Entdeckungen und des Wirtschaftens im großen Stil. So kommt die frische Luft der sich öffnenden Welt in die Welt der in ihrer Nabelschau befangenen Handwerksmeister – Globalisierung im kleinen, damaligen Ausmaß. Es ist eine wohltuende Inszenierung, nicht unnötig problematisiert, nicht überflüssig überfrachtet.

Sein "allertraurigstes Werk" hat Wagner den Lohengrin genannt – und Keith Warner hat diese Aussage als durchgehendes Inszenierungsprinzip aufgegriffen.

Diese "romantische Oper" (Wagner) hat nichts mit der landläufigen Romantik zu tun. Ich sage landläufig, denn wer Eichendorff und Mörike, E.T.A. Hoffmann und Lord Byron wirklich kennt, der weiß, daß diese Romantik alles andere als Gartenlauben-Idylle ist! Die nicht erfüllte Sehnsucht ist der romantische Stoff schlechthin – die Erlösung findet nicht statt, wie im Parsifal, Tannhäuser oder Holländer.

Diese seltsam geschlossene, aber nicht schlüssige Inszenierung hinterläßt in ihrer schwarzen Bildhaftigkeit tiefe Eindrücke und den Wunsch nach Auseinandersetzung. Dazu trägt eine Fülle von teils naheliegenden, teils an den Haaren herbeigezogenen Einfällen bei. Ob Richard Wagner dies so akzeptieren würde? Aber wahrscheinlich würde er viele, sehr viele Inszenierungen seiner Werke von heute ohnehin in Bausch und Bogen verwerfen!

Für die einen ist nun dieser Ring zu avantgardistisch, zu entfremdet, für die andern diese Meistersinger zu konventionell, für die dritten dieser Lohengrin zu unverständlich – zeigen nicht gerade diese Kontroversen, wie wichtig Bayreuth genommen wird und wie lebendig es unter Wolfgang Wagner geblieben ist – Chereau, Müller, Kupfer, Dorn, Friedrich, Kirchner, als Vertreter der "Moderne", wenn man diesen Ausdruck gebrauchen will, und als Gegenpole so klassisch schöne Inzenierungen wie Ponelles Tristan, Herzogs Lohengrin und Wolfgang Wagners Meistersinger – wirklich ein weites Spektrum von Regie-Auffassungen! Was wollen denn seine Gegner eigentlich? Was wird da gespielt? Wenn der Ausdruck nicht zu abgegriffen wäre: Es drängt sich der Eindruck einer Verschwörung, einer Hexenjagd auf.

Kombinationen über Kombinationen wurden und werden durchgespielt – wirkliche und erfundene, von den Medien lancierte und echte – ganz blickt wohl kaum noch jemand durch.

Da wurden vor ein, zwei Jahren die Gruppierung Barenboim, Gudrun Wagner (Ehefrau) und die gemeinsame Tochter Katarina genannt, aber auch Barenboim und Eva Pasquier, Wolfgang Wagners Tochter aus erster Ehe, des weiteren Eva, Katarina und Gudrun Wagner, dann Nike (Tochter Wieland Wagners und Nichte Wolfgang Wagners) und Eva. Irgend jemand wollte aber dann in diesen Teams aus irgendwelchen Gründen doch nicht mitmachen.

Gehandelt wurde auch Nike Wagner mit Peter Ruzicka (Komponist, Dirigent und Ex-Opernchef von Hamburg), und gehandelt wird Nike Wagner mit Eva Wagner und Wieland Lafferentz, Geschäftsführer des Mozarteums Salzburg und Sohn von Verena Wagner, Schwester Wolfgangs und Enkelin Richards.

Aus dem Rennen ist, Gott sei Dank, und bleibt es hoffentlich, Gottfried, Wolfgang Wagners Sohn, ein Nestbeschmutzer mit wenig Können, dafür umso mehr Häme, der eher Symposien über als Werke von Wagner aufführen ließe – im leeren Festspielhaus, versteht sich.

Was legen nun die Aspiranten vor? Ein geschlossenes Konzept vergleichbar der "Werkstatt Bayreuth W. Wagners" wohl niemand!

Die einen wollen das ganze Jahr das Festspielhaus offen halten – damit ist der Festspielgedanke dahin, Bayreuth wird ein Opernhaus wie viele – allerdings immer noch vom Nimbus Richard Wagners umgeben.

Andere wollen das auch, dazu aber alle möglichen anderen Komponisten, von Meyerbeer bis zu Zeitgenossen, aufführen! Gerade das wollte aber Richard Wagner ausdrücklich nicht! Er baute das Haus auf dem Hügel für sein Werk!

Am vernünftigsten – wenn auch dauer-gehässig – hört sich noch Nike Wagner an – die sich auch von allen Bewerbern zweifellos am besten in der Musik und Theaterwelt Richard Wagners auskennt: Sie will Schwerpunktideen für das jeweilige Festspieljahr ausarbeiten – was immer das heißen mag – und auch seine bisher in Bayreuth nicht aufgeführten Werke hinzunehmen – na ja, außer Rienzi bleiben wohl die Feen und das Liebesverbot, warum nicht, aber vom Stuhl fallen wird dadurch auch niemand!

Seltsame Töne kommen von außerhalb der Familie: So bemerkt Hans Zehetmaier, Bayerns Kultusminister, daß er untersuchen lasse, wie man den – Gott sei Dank – nicht absetzbaren Festspielleiter zum Rücktritt bewegen könne, und daß die Nachfolge auch ohne die Familie Wagner denkbar wäre, und Kulturminister Naumann droht mit Geldentzug und wirft W. Wagner "Verlautbarungen vom Festspielhügel wie vom Berge Sinai" vor.

Zu solchem Unsinn fällt einem kein Kommentar mehr ein!

Die vier Stämme der Familie Wagner reichen ihre Vorschläge ein. Der Stiftungsrat entscheidet daraus über die Nachfolge. Er umfaßt 24 Stimmen, davon halten der Bund 5, Bayern 5, Familie Wagner 4, Stadt Bayreuth 3, "Freunde von Bayreuth" 2, Bayer. Landesstiftung 2, Bezirk Oberfranken 2, Oberfranken-Stiftung 1.

Fazit: Wenn es irgendwie möglich ist, sollte in der künftigen Leitung die Familie Wagner vertreten sein. Zur künstlerischen eine genealogische Kontinuität – das ist weltweit einmalig und soll es auch bleiben!

Dazu ein Bayreuth wie bisher allein dem Genie Richard Wagners verpflichtet, und sonst niemandem, mit konzentriertem Festspielcharakter.

Bis es soweit ist, wünschen wir Wolfgang Wagner ungebrochene Schaffenskraft. – Er hat in diesem Jahr seine tausendste Aufführung als Festspielleiter absolviert. Sein Werkstattkonzept ist eine durch und durch schlüssige Idee: weitestes Spektrum der Auffassungen – aber nicht Verfremdung um der Verfremdung willen, nicht "Vernichtung durch Inszenierung", sondern Auslotung der tiefen Eigenwirkung des Werkes – so könnte die allgemeine Regieanweisung lauten.

Beinahe zehnfache Überzeichnung des Kartenangebots – um alle Wünsche zu befriedigen, müßten die Festspiele also nicht fünf, sondern über 45 Wochen dauern, so käme auf diese Weise doch noch die gewünschte Dauerbespielung zustande! – ist zwar allein kein Qualitätsbeweis, wie Wolfgang Wagner einmal selbst gesagt hat, aber es spricht auch nicht gerade gegen das heutige Bayreuth!

Und im übrigen: Es ist ja schließlich der Auftrag des Komponisten selbst, daß möglichst viele seine Werke in Bayreuth sehen – und nicht, daß Spinner mit ihren Experimenten vor leeren Reihen – und bei leeren Kassen – ihren Unfug treiben !

Was Bayreuth an Wolfgang Wagner hat, sehen viele bereits heute ein. Noch mehr werden es zu spät einsehen – wenn es ihn einmal nicht mehr geben wird.