19.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
25.11.00 Zur Geschichte des Königstores in Königsberg

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. November 2000


"Bei mir sind drei Standbilder bestellt …"
Zur Geschichte des Königstores in Königsberg
Von Heinrich Lange

Neben dem schon 1912 abgerissenen Steindammer Tor mit der Statue König Friedrich Wilhelms IV., des Bauherrn der von 1843–1862 im romantisch-neugotischen Backsteinstil errichteten Stadttore, ist das Königstor das vornehmste Tor der  ehemaligen  ostpreußischen Haupt- und Residenzstadt. Am hohen Mittelbau blicken bekanntlich drei für die Geschichte des Landes und der Stadt bedeutsame Herrscherstatuen herab: Zwischen König Ottokar II. von Böhmen (links), dem Namenspatron der Stadt, und Herzog Albrecht, dem letzten Hochmeister des Deutschen Ordens und Begründer des Herzogtums Preußen (rechts), steht Friedrich I., der sich am 18. Januar 1701 zum ersten König in Preußen krönte.

Leider befindet sich vor dem 300. Krönungsjubiläum gerade das Königstor in einem baufälligen Zustand. Das bereits im Zweiten Weltkrieg durch Artilleriebeschuß in Mitleidenschaft gezogene Tor – eine Granate scheint auch die Konsole der Figur des preußischen Königs getroffen zu haben – hat inzwischen viele Türmchen und Zinnen verloren. Den Kopf und die Arme mit den Herrschaftsattributen hat man den drei Fürstenfiguren aber erst nach dem Krieg abgeschlagen. Auf Abbildungen wie Postkarten läßt sich mit der Lupe erkennen, daß König Friedrich I. in voller Rüstung und vor der Brust geknotetem Mantel dargestellt war und auf dem Haupt mit dem schulterlangen, wallenden Haupthaar zwar nicht die Krone, aber in der Rechten das Adlerszepter und in der Linken den Reichsapfel trug. Die originalen Krönungsinsignien von 1701 haben übrigens bis auf die geraubten Edelsteine der Krone alle Zeitläufte überdauert und sind im Schloß Charlottenburg in Berlin ausgestellt.

Mit Entwurf und Ausführung der aus gelbem Sandstein bestehenden Skulpturen am Königstor wurde ein namhafter Vertreter der Berliner Bildhauerschule beauftragt: Wilhelm Stürmer (geb. 1812), Sohn des Malers und Radierers Heinrich Stürmer, ein Schüler Ludwig Wichmanns an der Berliner Akademie und Ludwig von Schwanthalers in München. Anzumerken bleibt, daß der Bildhauer, dessen Sterbejahr in keinem Künstlerlexikon zu finden ist, nach dem Zeugnis unpublizierter Archivalien 1885 in Berlin den Freitod wählte. Leider sind die Entwürfe Stürmers, die als Grundlage für eine von russischer Seite erwogene Rekonstruktion der Plastiken dienen könnten, verloren. Immerhin erfahren wir aus einem Brief des Bildhauers vom 12. April 1847 an den Maler Julius Knorre in Königsberg: "Durch die Gnade des Königs sind bei mir die drei Standbilder für das neue Königstor bestellt worden und zwar in Sandstein, acht Fuß hoch. Um diese in historischer Wahrheit genau wie möglich darstellen zu können, fehlen mir einige Quellenstudien. Durch sie würde mir größere Sicherheit und Beruhigung bei dem Werke gewährt werden."

Sind die drei Herrscherfiguren vielleicht auf dem Entwurf des Tores dargestellt oder diesem beigegeben? Im Verzeichnis "A. Stüler’s Entwürfe und Bauausführungen" in der Zeitschrift für Bauwesen von 1865 sind unter den Militärbauten "Sämmtliche Façaden zu den Festungsbauten in Königsberg, Lötzen und Posen seit 1842" vermerkt. Demnach gehören die Königsberger Stadttore zum Entwurfsschaffen von Friedrich August Stüler, dem "Architekten des Königs". Nach der 1997 vom Landesdenkmalamt Berlin herausgegebenen Werkmonographie "Friedrich August Stüler. 1800–1865" sollen jedoch die Entwurfszeichnungen weder im Original noch in einer Reproduktion überliefert sein. Auch der Berliner Architekt Baldur Köster gibt in seinem im Frühsommer 2000 erschienenen verdienstvollen Werk "Königsberg. Architektur aus deutscher Zeit" den Entwurf des Königstors als nicht mehr existent an.

Wie jedoch Recherchen des Verfassers ergeben haben, ist im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem ein großer Teil von Stülers originalen oder seinerzeit kopierten Entwurfszeichnungen für die Tore, darunter auch der Entwurf des Königstors, erhalten. Die kolorierten Handzeichnungen aus dem Kartenarchiv des ehemaligen Heeresarchivs Potsdam lagerten bis 1993/94 im Zentralen Staatsarchiv Merseburg. Der hier erstmals publizierte Originalentwurf des Königstors mit der Karten-Signatur G 70.159 ist rechts unten von Stüler ohne Titel und Jahresangabe signiert.

In dem 1996 von Winfried Bliss bearbeiteten und von Werner Vogel und Iselin Gundermann herausgegebenen Verzeichnis "Allgemeine Kartensammlung Provinz Ostpreußen: Spezialinventar. (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz Bd. 43)" wird das 38 x 28,5 Zentimeter große Blatt mit der Darstellung des Tores im Maßstab ca. 1 : 170 "um 1850" datiert. Da sich aber auf der Rückseite der Vermerk "Entwurf zur Façade des Königl. Thors in Königsberg von Stüler. Remithirt von Maj. v. Dresen den 24t Dezber 46" findet, muß der Entwurf spätestens 1846 entstanden sein. In diesem Jahr wurde der seit 1842 als Ober-Baurat in der "Königl. Preuss. Technischen Baudeputation" tätige Baubeamte Stüler nach dem frühen Tod von Ludwig Persius (1845) Geheimer Ober-Baurat.

Stülers Entwurf des Königstors zeigt zwar bereits die Konsolen, doch nicht die Standbilder. Die Entwürfe zu diesen Skulpturen von Stürmer, mit denen er nach dem Zeugnis des zitierten Briefes um 1847 beauftragt wurde, sind auch im Geheimen Staatsarchiv nicht auffindbar. An der Stelle der drei Herrscher und ihrer darunter befindlichen Wappen mit Löwe bzw. Adler sind auf dem Torentwurf des Hofarchitekten jeweils drei schmale spitzbogige Blendfenster angegeben. Allerdings sind auf der Zeichnung Stülers von späterer, unbekannter Hand mit Bleistift bereits flüchtig die Umrisse der drei Wappen skizziert. Diese noch heute in den vertieften Feldern der Schilde sichtbaren farbigen Wappen sowie die Wappen der altprussischen Landschaften Samland und Natangen (an deren durch den Pregel gebildeten Grenze Königsberg liegt) in den Zwickeln der Blendenbögen führte der Berliner Architekturmaler Heinrich Asmus aus. Der Entwurf Stülers, welcher nur in einigen Details von der Ausführung abweicht, verrät auch, daß das Königstor vor seiner Freilegung für den Verkehr um 1890 seitlich je einen kleinen abgeschrägten Teil mit einer Fußgängerpassage besessen hat. Nach deren Abriß wurden die äußeren Ecken des Tores neu gefaßt. An die Stelle der vorkragenden Fialen traten dem Mittelbau entsprechende achteckige Türme.

Für eine Wiederherstellung der drei prominenten Herrscherfiguren am Königstor läßt sich demnach nur auf alte Fotografien des Tors zurückgreifen, auf denen die Statuen freilich sehr klein erscheinen. Die Skulpturen sind noch am besten zu erkennen auf einer Ansichtskarte des Verlags "Trinks & Co., Leipzig" ("Echte Photographie") mit Poststempel vom 12. März 1942.