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25.11.00 Können wir aus der Geschichte lernen?

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. November 2000


Können wir aus der Geschichte lernen?
Der Versuch einer Antwort / Teil I
Von UWE GREVE

Zweifel am Werte der Geschichte sind nicht neu. Der englische Philosoph John Locke schrieb 1693 in seinen "Gedanken über Erziehung": "Alles, was man von der Geschichte sagt, kommt aufs Schlachten und Morden hinaus. Die Ehre und der Ruhm, den sie den Eroberern beilegt, welche meistenteils nur die Henker des Menschengeschlechts waren, bringt den heranwachsenden Jüngling vollends auf den Gedanken, daß Menschenmord das rühmlichste Geschäft und die größte Heldentugend sei."

"Die Geschichten der Völker und Staaten", so heißt es in der 1827 erschienenen Schrift "Der Narr im weißen Schwan" von Ludwig Börne, "haben den Geschichtsschreibern und Buchhändlern, die ihre Werke verlegten, etwas Geld eingebracht. Was sie sonst noch genützt haben, das weiß ich nicht."

Zwei Jahre später klagte Christian Dietrich Grabbe in "Don Juan und Faust", daß die Geschichte die "Menschheit nie gebessert" habe. Als Nietzsche in den Jahren 1873 und 1874 seine Abhandlung "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" zu Papier brachte, ging er noch härter mit der Geschichte ins Gericht. Die historische Bildung, so meinte er, schwäche die schöpferischen Instinkte der Persönlichkeit, denn die plastische Kraft beruhe auf dem Vergessen und Schlafenkönnen. Die Übersättigung in Geschichte fördere den Epigonenglauben und erziehe den einzelnen Menschen zur Zaghaftigkeit. Die Geschichte, so urteilte er, "wird nur von starken Persönlichkeiten ertragen, die schwachen löscht sie vollends aus". Sie verwirre Gefühl und Empfindung, wo diese nicht kräftig genug seien, "die Vergangenheit an sich zu messen".

Viele Äußerungen unserer Zeit sind den alten ablehnenden Urteilen ähnlich. "Geschichte", urteilte Rolf Hochhuth, "das ist leider weitgehend Kriminalgeschichte." "Geschichtsschreibung ist der Klatsch der Professoren", höhnte John Osborne. "Was wir Geschichte nennen", so formulierte Pierre Gaxotte, "ist nichts anderes als die Science-fiction der Historiker." Am häufigsten aber war nach 1945 die resignierende Einstellung zu finden, wie sie wohl Henry de Month am besten umschrieben hat: "Wir lernen aus der Geschichte immer wieder, daß wir nichts lernen."

Ist es nicht in der Tat so, daß trotz der stets zunehmenden Menge der abschreckenden Beispiele, die die Geschichte uns liefert, weder Fehler noch Laster weniger werden? Wer diese Frage nüchtern zu beantworten versucht, findet die pessimistische Schau nur teilweise bestätigt. Wo immer in der Geschichte der Völker Staatsmänner mit tieferem geschichtlichen Wissen Politik machten und wo dieses geschichtliche Wissen nicht durch eine ideologische Wunschbrille gefiltert wurde, häuften sich die Epochen des Aufstiegs, des Wohlstandes und des Friedens.

Dabei ist geschichtliche Erfahrung nicht im Sinne von Patentrezepten zu sehen. Auch nicht in dem Sinne, daß die vielfältigen Erscheinungen der Politik vergangener Jahrhunderte auf ein großes und einziges Prinzip zurückzuführen seien. Weder die Versuche, in Herkunft und Veranlagung, noch die Bemühungen, in den wirtschaftlichen Bedürfnissen und daraus erwachsenden "Klassenkämpfen" die entscheidenden Triebkräfte zu sehen, sind schlüssig. Weder der Versuch einer schwerpunktmäßigen Deutung der Geschichte aus den prägenden Einflüssen großer Persönlichkeiten noch die Vorstellung, technischer Fortschritt oder geographische Lage bildeten die Haupttriebkräfte der Geschichte, sind ohne Verzerrung der Quellen zu beweisen.

Das ist es ja gerade, was unvoreingenommene Geschichtsbetrachtung so schwierig macht, daß die Geschichte so abwechslungsreich, verschiedenartig und widersprüchlich ist wie die Menschen, die sie machen! All die genannten Faktoren wirken vielfältig miteinander oder gegeneinander, können sich gegenseitig steigern oder aufheben. Erst diese Wechselbeziehungen der unterschiedlichsten Kräfte machen geschichtliche Entwicklung aus. In mathematische Regeln oder theoretische Konstruktionen läßt sich die Historie nicht einpassen!

Der Wert der Geschichte als Erfahrungsschatz liegt in erster Linie darin, daß sie allgemeinmenschliche Charakterzüge und die Eigenschaften von Völkern und Nationen enthüllt. "Eines freilich hat noch niemand zu bestreiten versucht", meint Johannes Haller in seinem Aufsatz über den "Bildenden Wert der neueren Weltgeschichte" aus dem Jahre 1918, "daß man in der Geschichte den Menschen kennenlerne, dieses sonderbare Geschöpf, das heute einem Engel, morgen dem Teufel zu gleichen scheint, in dem alle Widersprüche sich vereinen und alle Gegensätze sich vertragen, die Krone der Schöpfung und der Auswurf der Hölle." Den Menschen kennen und damit einschätzen zu lernen, so, wie er seit Jahrtausenden in seinen Grundcharakterzügen sich zeigt, das ist das Hauptziel geschichtlichen Wissens!

Natürlich kann der Einblick in die ungeheure Vielfalt menschlichen Tuns, menschlicher Möglichkeiten und Lebensformen schwankende Naturen orientierungslos machen, aber der durch Wertentscheidungen Gefestigte wird die Vielfalt der Vergangenheit mit seiner eigenen Weltschau vergleichen und die Möglichkeiten und Grenzen des Fortschritts daran zu messen lernen.

So kann der Staatsmann in Zeiten, wo sich große Mengen von Trümmern einer vorangegangenen Epoche abgelagert haben, an Hand von historischen Erfahrungen abwägen, was behauptet und was erneuert werden muß. Er kann in Zeiten des Niedergangs am Beispiel ähnlicher Epochen des Abstiegs in der eigenen und in der Geschichte anderer Völker Mittel und Kräfte zur Selbstfindung und Regeneration suchen. Er lernt durch Kenntnis der Geschichte Vorzüge und Schwächen der anderen. Er kann die Geschichte zu seinem Lehrmeister machen, "aber nicht", wie Theodor Mommsen treffend sagte, " in dem gemeinen Sinn, als könne man die conjunctura der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit einfach wieder aufblättern und aus denselben der politischen Diagnose und Receptierkunst die Symptome und Spezifica zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der älteren Kulturen die organischen Bedingungen der Zivilisation überhaupt, die überall gleichen Grundkräfte und die überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen anleitet und begeistert". Insbesondere, um Gefahren fernzuhalten und um den Frieden zu sichern, ist für den Staatsmann die Umsetzung geschichtlicher Lehren und Erfahrungswerte unverzichtbar.

Zu den bleibenden Erkenntnissen – und einige dieser Gedanken äußerte Golo Mann schon in den sechziger Jahren – gehören unter anderem:

– daß Träume von Freiheit, Recht und Macht sehr schnell von denen zerstört werden, die Macht ohne Freiheit und Recht praktizieren;

– daß, wo die Ausgewogenheit von Freiheit und Ordnung verlorengeht, über zuviel Freiheit der Weg in Anarchie und Untergang, über zuviel Ordnung in die Tyrannei führt;

– daß Zersplitterung und Unfrieden im Innern schnell zu außenpolitischer Ohnmacht führen;

– daß blutige Revolutionen, wo immer sie stattfanden, auch das Gute der alten Zeit zerstörten, während der Fortschritt durch Reformen den Völkern das Positive der vorhergegangenen Epochen zumeist zu erhalten vermochte;

– daß alle ideologischen Versuche, den Menschen für eine Staatsform und nicht die Staatsform für die Menschen zu gestalten, keinen neuen Menschen, sondern nur Leid und Chaos für Millionen gebracht haben;

– daß der Begriff der Toleranz in der Politik – wie im menschlichen Leben – oft nur ein anderes Wort für Gleichgültigkeit darstellt;

– daß große Staaten und Nationen sich nie auf dem Altar der Vertragstreue opfern;

– daß Demokratie ohne konkurrierende Elite-Bildung und aristokratisches Element über längere Epochen nicht lebensfähig ist;

– daß in der Politik nur jene Dinge wirklich erstrebenswert sind und Opfer rechtfertigen, die sich als bleibend richtig und notwendig erweisen;

– daß in den auswärtigen Beziehungen selbst für eine Weltmacht gilt, die Lebensvorstellungen anderer Völker zu akzeptieren, wenn echte Partnerschaft mit ihnen entstehen soll;

– daß ideologisch oder religiös verwurzelte Diktaturen ein viel größeres Beharrungsvermögen zeigen als Militärregime und Diktaturen ohne Fundamente;

– daß Aggressoren durch leichte und von den Betroffenen akzeptierte Landgewinne nicht friedlicher werden, sondern sich ihr Appetit erhöht.

Diese und viele andere Erkenntnisse kann jeder politisch Handelnde, der sich mit Geschichte befaßt, verarbeiten und daraus Schlüsse für die eigene Politik ziehen. Mit der Geschichte, so sagte schon Polybios, können wir "Erfahrungen auf Kosten anderer machen". Wo immer aber solche Erfahrungen verdrängt oder verneint wurden, wo sie den Verantwortlichen gar nicht Teil eigenen Wissens waren, häuften sich die Fehler und Versäumnisse.

Johannes Hallers markantes Wort "Politische Bildung ist geschichtliche Bildung; ohne Kenntnis der neueren Geschichte kein politisches Urteil" scheint in dieser Ausdrücklichkeit übertrieben. Und doch ist der Kern dieses Ausspruches richtig.

Hätte zum Beispiel die amerikanische Außenpolitik der Angliederung Südtirols an Italien nach dem Ersten Weltkrieg zugestimmt, wenn US-Präsident Wilson auch nur die Hauptwesenszüge der europäischen Geschichte überblickt hätte? Oder würde die amerikanische Politik während des Zweiten Weltkrieges in den Konferenzen von Teheran, Jalta und London den Sowjets auch dann den Weg nach Mitteleuropa geebnet haben, wenn die Männer um Roosevelt sich intensiv mit den Grundlagen und der Entwicklungsgeschichte des Marxismus-Leninismus befaßt hätten?

Oder wäre die amerikanische Politik im Iran so kläglich gescheitert, wenn die historischen Bedingungen dieses Landes berücksichtigt worden wären? Die Reihe dieser Fragen könnte noch lange fortgesetzt werden.

Doch nicht nur aus der politischen Geschichte können wir viele Einsichten sammeln. Das gleiche gilt für den heute so aktuellen Bereich von Mensch und Umwelt. Obwohl die Möglichkeiten, Natur zu zerstören, sich infolge der modernen Technik unserer Tage in bedrohlicher Weise vervielfacht haben, gibt es auch in der Vergangenheit viele – durchaus lehrreiche – Beispiele dafür, was aus einer Landschaft werden kann, wenn der Mensch nicht mit der Natur, sondern gegen sie lebt.