20.10.2021

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02.12.00 Zweierlei Maß

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Dezember 2000


Zweierlei Maß

Bundeskanzler Gerhard Schröder scheint ein Herz für Opfer zu haben. Erst legte er Blumen an dem Gedenkstein für den ermordeten Schwarzafrikaner in Dessau nieder und jetzt hat er die Mutter des toten Joseph in Berlin empfangen, obwohl die Sachlage noch offen ist. Die Mutter habe ein Recht darauf, daß man sie anhöre und ihr helfe, erklärte der Kanzler nach dem Treffen.

Da fragt man sich, wann denn der Kanzler sich endlich um die Opfer des Sozialismus kümmert, beispielsweise um die Mutter Karin Gueffroy. Ihr Sohn war 1989 das letzte Maueropfer. Wer nun sagt, dies sei ja alles längst vorbei, der irrt. Erst in diesem Jahr 2000 fanden die Prozesse gegen die verantwortlichen Grenzkommandeure statt. Der frühere DDR-Grenzkommandeur Walter Schulze (52) ist im Spätsommer 2000 vor dem Berliner Landgericht wegen Totschlags an vier Flüchtlingen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt worden.

Doch schauen wir nicht nur auf Deutschland, schauen wir auch beispielsweise nach Polen. Dort muß sich in diesem Jahr 2000 ein General des früheren kommunistischen Sicherheitsdienstes vor dem Bezirksgericht in Warschau wegen der Ermordung des systemkritischen Priesters Jerzy Popieluszko verantworten. Popieluszko, einer der bekanntesten Antikommunisten in der katholischen Kirche Polens, war im Herbst 1984 von Beamten des Sicherheitsdienstes entführt, mißhandelt und ermordet worden.

Wird Schröder nun auch hier die Hinterbliebenen aufsuchen? Wird er dabei die schuldhafte Verstrickung mit den sozialistischen Tätern bekennen und um Vergebung bitten? Wird er zugeben, daß er mit seinem Satz "Herr Honecker ist ein zutiefst redlicher Mann" zu den geistigen Hintermännern der Erschießungskommandos gehörte? Friedrich Nolopp