19.10.2021

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02.12.00 "Seewärts" – ein Sammler und seine Schätze

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Dezember 2000


Ausstellung:
"Seewärts" – ein Sammler und seine Schätze
Warum der frühere Springer-Manager Peter Tamm allem Maritimen nachjagt
Von Hans-Jürgen Mahlitz

Eigentlich betreibe er ja so eine Art maritimes Entsorgungunternehmen, gern nehme er auch alles, was andere los werden wollen, und geschenkt sei es ihm natürlich am liebsten – Hauptsache, es hat etwas mit Wasser und Schiffen zu tun. Mit einem leichten Schmunzeln gewährt Peter Tamm Einblicke in die Seele eines leidenschaftlichen Sammlers. Das ist er seit seinem sechsten Lebensjahr; da bekam er von der Mutter sein erstes Schiffsmodell – natürlich geschenkt. Der kleine Küstenfrachter – Modell Wiking – ist zwär längst nicht mehr das teuerste, ihm aber immer noch eines der wertvollsten Stücke.

Schnell war aus der kindlichen Freude am schwimmenden Spielzeug ernsthafte Beschäftigung geworden. Peter Tamm erinnert sich an die langen Jahre, als er an der Seite Axel Springers eines der größten Verlagshäuser durch oft stürmische Zeiten steuerte: Wenn er an seinem Schreibtisch, immerhin an der Spitze des Konzernmanegements, mal nicht erreichbar war, hieß es in Verlagskreisen: "Ach, jetzt spielt er wieder mit seinen Schiffchen." Für maritim Interessierte hingegen war er stets der Mann, der über Schiffe und Seefahrt nahezu alles weiß – und nebenher irgend etwas mit Zeitungen zu tun hat.

Er weiß nicht nur fast alles über Schiffe und Seefahrt, er besitzt auch von fast jedem Schiff, das irgendwo auf See fährt, ein Modell. Zumindest gibt es in der Marinegeschichte der letzten 5000 Jahre keinen Schiffstyp, der nicht in seiner Sammlung vertreten wäre.

Daraus läßt sich bereits schließen, daß der Begriff "Sammlung" etwas untertrieben sein dürfte. Es handelt sich um ein ausgewachsenes Museum, das seit knapp zehn Jahren im Institut für Schiffahrts- und Marinegeschichte an der Hamburger Elbchaussee untergebracht ist. Gründer und Leiter von Institut und Museum: Peter Tamm – wenn wundert’s!

Ein paar Zahlen, welche die wahren Dimensionen allenfalls erahnen lassen: über 5000 Gemälde, Aquarelle und Grafiken aus fünf Jahrhunderten; 2000 größere und 22 000 kleine Schiffmodelle, letztere im Maßstab 1:1250; 30 000 Konstruktionspläne von Werften (19. und 20. Jahrhundert); 2000 Filme mit maritimem Inhalt; 110 000 Bücher und gar eine Million Fotos; ferner eine einzigartige Kollektion von Marineuniformen, Navigationsgeräten, Waffen, Flaggen, Orden, Ehrenzeichen, Urkunden, Schiffstagebüchern, Post- und Speisekarten; schließlich auf dem Freigelände historische Kanonenrohre, Minen, Torpedos sowie ein Schnellboot der DDR-Volksmarine und ein Rettungsboot der Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger (DGzRS).

Doch was treibt einen voran auf dem Weg von Mutters kleinem Küstenfrachter zur weltweit größten Maritim-Sammlung? Peter Tamm nennt als Motiv seiner Sammelleidenschaft: "Für die Zukunft erhalten, was durch Generationen weitergegeben wurde." Und noch eins: das Schiff, die Beherrschung des Meeres, das ist für ihn über die Jahrtausende hin der Inbegriff kulturellen, geistigen und technischen Fortschritts – Seefahrt hat der Menschheit nicht nur im geografischen Sinne immer neue, immer weitere Horizonte eröffnet. Dies alles will der Sammler Tamm dokumentieren. Zunächst einmal ganz einfach, um es in unserer schnellebigen, oberflächlichen Zeit nicht verlorengehen zu lassen, eine Kampfansage an die sogenannte Wegwerfgesellschaft also. Vor allem aber soll das Gesammelte der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung gestellt werden. Und da Peter Tamm sich aus seiner jahrzehntelangen aktiven Zeit als Topmanager eine Menge praktisches Denken in den (Un-)Ruhestand mitgenommen hat, überläßt er vorsichtshalber die Forschung nicht nur anderen, sondern betreibt sie in seinem Institut auch selber – übrigens mit uneingeschränkter Anerkennung der Fachwelt.

Dahinter steht eine Denkweise, die über die maritime Thematik weit hinausgeht: Geschichte und Geschichtsbewußtsein als eines der Kernelemente jeder zivilisierten menschlichen Gemeinschaft, daraus resultiert höchster Respekt vor den Zeugen und Zeugnissen der Geschichte – und zugleich tiefste Verachtung für jede mutwillige oder auch leichtfertige Zerstörung dieser Zeugen und Zeugnisse. Wer so denkt – und es sich leisten kann –, der kann eigentlich gar nicht anders, als irgend etwas zu sammeln.

Für Peter Tamm sollen die Sammlerstücke "Vergangenes unmittelbar, unverstellt und greifbar gegenwärtig" machen und "Bezüge zwischen Weltgeschichte und Schifffahrts- und Marinegeschichte" herstellen.

So eindrucksvoll, ja geradezu spektakulär diese Sammlung auf den Betrachter wirkt (auch wenn es sich dabei um eine sogenannte Landratte handelt) – ihr wesentlicher Zweck ist nun einmal Dokumentation und wissenschaftliche Forschung. Daher wird das Museum im Institut an der Elbchaussee auch nur einem interessierten Publikum auf Voranmeldung geöffnet. Peter Tamm hat dafür respektable Gründe; daß er sich nicht grundsätzlich von einer breiteren Öffentlichkeit abkapseln will, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß er mit Exponaten aus seiner Sammlung bislang rund 100 Ausstellungen in aller Welt veranstaltet beziehungsweise bestückt hat.

Ein neues Glanzstück in dieser langen Ausstellungsserie wird zur Zeit an der Stätte seines früheren beruflichen Wirkens geboten. In der Axel-Springer-Passage, dem architektonisch so spektakulären Herzstück der Hamburger Konzernzentrale, präsentiert das "Hamburger Abendblatt" noch bis zum 14. Januar 2001 die Ausstellung "Seewärts – Hamburg, Schiffe und die Sammlung Peter Tamm".

Konzipiert von Menso Heyl, dem Stellvertretenden Chefredakteur der hanseatischen Tageszeitung, und tatkräftig gefördert von Chefredakteur Peter Kruse, gestaltete Peter Tamm mit rund 500 Exponaten aus seinem reichhaltigen Bestand einen umfassenden historischen Überblick. Heyls Grundidee, die allgemeine Seefahrtsgeschichte mit der Stadtgeschichte Hamburgs zu verzahnen, konnte auf überzeugende Weise umgesetzt werden. Übrigens auch auf höchst erfolgreiche Weise: Schon am sechsten Tag nach der offiziellen Eröffnung konnte die 30jährige Claudia Schmidt aus Dresden als 10 000. Besucherin gefeiert werden.

Zu sehen sind in der Tat äußerst attraktive Stücke. Neben dem bereits in der vorangegangenen Ausgabe des Ostpreußenblatts abgebildeten Fregatte "Friedrich III", die 1935 in Königsberg aus Bernstein gebaut wurde, ein von einem Hamburger Juwelier bis ins letzte Detail aus Gold gefertigtes Modell der "Santa Maria", Flaggschiff des Admirals Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas. Oder die amerikanische Fregatte "Chesapeake", 1815 von gefangenen Besatzungsmitgliedern aus Walknochen gebaut – mit fast eineinhalb Meter Länge das größte Knochenschiff der Welt. Ebenfalls zu bewundern: die "Pamir", 1905 gebaut, ab 1951 als Segelschulschiff der Handelsmarine eingesetzt und am 21. September im Orkan vor den Azoren gesunken, oder die legendäre "Bismarck", die als stärkste Waffe der deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg galt, bis sie am 27. Mai 1941 auf Grund ging.

Ein ganz besonderes, wenn auch auf den ersten Blick gar nicht einmal überaus spektakuläres Ausstellungsstück trägt den schlichten Namen "Enigma". Es handelt sich um eine der vier noch existierenden Verschlüsselungsmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg, mit der die Nachrichten der deutschen Kriegsmarine chiffriert wurden. Sie galt lange Zeit als unüberwindbar, bis es zunächst drei polnischen Kryptologen gelang, einen Teil des Geheimcodes zu knacken. Doch erst als den Engländern eine Maschine mitsamt dem Signalbuch in die Hände fiel, ohne daß die deutsche Seekriegsleitung davon erfuhr, war das so lange gehütete Geheimnis gelüftet – nach nur dreistündiger Dechiffrierarbeit. Dies bedeutete im Seekrieg die Wende zugunsten der Alliierten.

Insgesamt bietet die Ausstellung in drei Räumen einen guten Überblick zu den Themenschwerpunkten "Frühe Seeschifffahrt", "Kaiserzeit" sowie "Hamburg und der Hafen". Die gelungene museumsdidaktische Gestaltung macht sie auch für Schulklassen zum ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Erlebnis. Und dafür, daß er seine Räume nicht nur bei freiem Eintritt öffnet, sondern auch noch kostenlose Führungen sowie umfangreiches Lehrer- und Schülermaterial anbietet, gebührt dem Axel-Springer-Verlag und dem "Hamburger Abendblatt" ein ganz besonderer Dank.