20.10.2021

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09.12.00 Mensch und Tier

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. Dezember 2000


Sehnsucht nach Preußen?
Preußenbild und Preußendiskurs nach 1945
Von Frank-Lothar Kroll

I.

Preußen, so scheint es, ist wieder aktuell – mehr als jemals zuvor seit seinem ruhmlosen Erlöschen. Die alliierten Siegermächte hatten diesen mittel- und ostdeutschen Staat, seine Zentralregierung ebenso wie alle seine nachgeordneten Behörden, per Kontrollratsbeschluß am 25. Februar 1947 für aufgelöst erklärt, weil Preußen, so die Begründung des von den vier Militärgouverneuren unterzeichneten "Gesetzes Nr. 46", "seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland" gewesen sei. Wie alle pauschalen Verdammungsurteile, so war auch dieser apodiktische Bannspruch über Preußen ungerecht und unhaltbar. Doch wer mochte schon in der Trümmerwelt des zerstörten, besiegten und besetzten Deutschlands ernsthaft nach der Berechtigung des alliierten Verdiktes fragen? Zusammenbruch und Untergang aller einst von Deutschland gehaltenen Positionen schienen nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs derart umfassend und unwiderruflich, daß dem Auslöschungsbeschluß über einen Staat, der tatsächlich schon gar nicht mehr in Existenz stand, ohnehin nur noch deklamatorische Bedeutung zugesprochen werden konnte.

Es war der Nationalsozialismus gewesen, der den Staat Preußen 1934 durch die Verreichlichung der Länder faktisch aufgehoben hatte. Und wenn die alliierten Siegermächte das Bestehen dieses Staates 1947 noch einmal ausdrücklich verneinen zu müsen glaubten, so ist daran zu erinnern, daß damals in den Besatzungszonen bereits neue Länder auf ehemals preußischem Gebiet gebildet worden waren und daß die preußischen Kernprovinzen – Ostpreußen und Schlesien, Hinterpommern und Teile Brandenburgs – nach Vertreibung der dort ansässigen deutschen Bewohner ohnehin von Polen und von der Sowjetunion annektiert worden waren – insgesamt 39 Prozent des alten preußischen Staatsgebiets. Die totale Auslöschung Preußens 1947 war also, wie Golo Mann dies einmal beziehungsreich formuliert hat, nichts weiter als ein "Fußtritt, den siegreiche Esel einem längst toten Löwen gaben".

Es mag überhaupt mit der langanhaltenden Prozeßhaftigkeit des Untergangs Preußens zusammenhängen – vielfach werden, neben 1947 und 1934, auch die Jahreszahlen 1867/71, 1918/19 oder 1932 als "Sterbedaten" genannt, und dies in allen Fällen mit einer gewissen Berechtigung – , daß zunächst kaum innerdeutsche Reaktionen auf diesen 1947 wirklich definitiven Untergang zu verzeichnen waren. Selbstverständlich war dies nicht. Denn wo und wann hatte es in der neueren Geschichte eine durch Dekret verfügte Auslöschung eines jahrhundertelang etablierten und durchorganisierten souveränen Staatswesens je gegeben? Der Vorgang war ohne Zweifel beispiellos. Und Kenner der Materie wußten 1947 ohnehin, daß die von den Alliierten vorgetragene Begründung für den Auslöschungsakt – die vermeintliche Kriegslüsternheit des Hohenzollernstaates – schlichtweg eine propagandistische Einstellung gewesen ist: An den zwischen 1701 und 1933 seitens der europäischen Großmächte geführten militärischen Auseinandersetzungen waren immerhin Frankreich mit 28 Prozent, Großbritannien mit 23 Prozent, Rußland bzw. die Sowjetunion mit 21 Prozent und Preußen bzw. das Deutsche Reich mit nur acht Prozent beteiligt. Im übrigen hatte sich auch der Nationalsozialismus der später von den Alliierten vorgebrachten Entstellung bedient – gerade sein Preußenbild betonte ja, neben der angeblichen Identität von preußischem Stil und (national)sozialistischer Haltung, die soldatisch-kriegerischen Traditionen, die in vermeintlich ungebrochener Kontinuitätslinie von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler führten. Diese fatale Fehldiagnose wich, zumindest auf Seiten der ehemaligen Kriegsgegner im Westen, erst in späteren Jahren einer ausgewogeneren Sichtweise.

II.

Der politische und gesellschaftliche Diskurs der frühen Bundesrepublik Deutschland ließ für das Thema "Preußen" wenig Raum. Die Bonner Republik gab sich unter ihrem ersten Kanzler Konrad Adenauer bewußt antipreußisch. Weder verstand sie sich territorial als Nachfolgestaat des ehemaligen Preußen, noch gar bezog sie ihre Staatsräson aus der Wertewelt des untergegangenen Hohenzollernreiches. Im Gegenteil! Das preußische Staatsethos der betonten Einbindung des einzelnen in überindividuelle Pflichtordnungen, die Idee des Dienstes am Staat als der Verkörperung des Allgemeinwohls unter Zurückstellung der Befriedigung subjektiver Bedürfnisse widersprach geradezu dem an westlich-liberalen Traditionen Anlehnung suchenden Politikverständnis des jungen westdeutschen Teilstaates. Die Bundesrepublik fand ihre Identität gleichsam auf der entgegengesetzten Seite: in Adaption des Wertekanons der parlamentarischen bürgerlichen Demokratie mit ihrer die Rechte des Individuums einfordernden, primär an materiellen Bezugsgrößen und wirtschaftlichen Erfolgskriterien orientierten Ausrichtung.

Hinzu kamen der geographische bzw. regionale Substanzverlust sowie der personale Schwund. Wie hätte sich auch die rheinisch-katholisch, süddeutsch-liberal oder hanseatisch-welfisch geprägte Politikerriege der frühen Bundesrepublik Deutschland ehrlicherweise mit jenen Traditionen identifizieren können, die der eigenen politischen Sozialisation augenscheinlich so strikt entgegenstanden? Das, was in räumlicher Hinsicht von Preußen übriggeblieben war, okkupierte der ostdeutsche Teilstaat, auf dessen Territorium das Rest-Kerngebiet der preußischen Vergangenheit lag. Zudem fehlte nach der blutigen Abrechnung Hitlers mit den zu großen Teilen der preußischen Hocharistokratie entstammenden Teilnehmern und Mitwissern am Attentat vom 20. Juni 1944 in den Jahren des Wiederaufbaus die soziale Trägerschicht einer spezifisch "preußischen" Haltung – wie übrigens auch eines wertbezogenen politischen Konservativismus, den es nach 1945 bzw. 1949, von regionalen Ausprägungsformen abgesehen, in Deutschland faktisch nicht mehr gegeben hat. Für die junge Bundesrepublik jedenfalls blieb die Brücke zu Preußen schmal. "Preußen" wurde offiziell kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn als ein Faktor aktueller Politik betrachtet. Der einzige profilierte "Preuße" in den Kabinetten der Regierung Adenauer war der pommersche Monarchist Hans-Joachim von Merkatz, der zwischen 1955 und 1962 in wechselnder Besetzung als Bundesrats-, Bundesjustiz- und Bundesvertriebenenminister amtierte. Maßgeblichen politischen Einfluß vermochten er und seine Gesinnungsfreunde indes nicht zu erlangen. Preußen blieb nach 1949 ein weitgehend peripheres Phänomen, über das in der Regel politisch nicht gesprochen wurde.

Auch die historische Forschung widmete sich dem Thema "Preußen" während der 1950er Jahre nur vereinzelt. Zwar bedachten viele etablierte Preußen-Forscher, zum Beispiel Fritz Hartung oder Carl Hinrichs, ihre vor 1945 bevorzugten Arbeitschwerpunkte erneut und weiterhin. Doch junge Nachwuchshistoriker waren damals in der Regel anderen Interessenfeldern verpflichtet. Aunahmen bildeten der bis 1956 in Göttingen, dann in Bonn lehrende Ostpreuße Walther Hubatsch und der 1946 aus schwedischem Exil nach Deutschland zurückgekehrte jüdische Religionswissenschaftler und Ideenhistoriker Hans-Joachim Schoeps in Erlangen. Hubatsch (1915–1984) war 1947 maßgeblich an der Überführung der umfänglichen Bestände des Staatsarchivs Königsberg in das Staatliche Archivlager Göttingen beteiligt, widmete sich seitdem der quellenbezogenen Erforschung und Darstellung zunächst der ostpreußischen, später der brandenburgisch-preußischen Gesamtgeschichte und schuf 1958 mit den "Studien zur Geschichte Preußens" eine weitstrahlende wissenschaftliche Reihe zur Präsentation der in seinem Umfeld ermittelten Arbeitsergebnisse. Schoeps (1909–1980) hatte sich in den Jahren seiner Emigration mit der politischen Ideenwelt der preusischen Hochkonservativen im Zeitalter Friedrich Wilhelms IV. beschäftigt und 1952 dazu eine Untersuchung "Das andere Preußen" vorgelegt, die, in kritischer Distanz zur kleindeutsch-borussischen Geschichtsdeutung, den von Bismarck 1866 eingeschlagenen Weg zur Nationaleinigung als Wendepunkt ansah, von dem aus das eigentliche Unheil der neueren preußisch-deutschen Geschichte seinen Ausgang genommen habe. Zugleich verband Schoeps – darin über Hubatsch hinausgehend – seine wissenschaftliche Arbeit mit einem regen öffentlichen Engagement für die Sache Preußens. In einem aufsehenerregenden Erlanger Vortrag hatte er am 18. Januar 1951, anläßlich des 250. Jahrestages der preußischen Königserhebung, um ein die Licht- und Schattenseiten des Hohenzollernstaates wertendes Preußenbild gerungen. Der Vortrag fand große Resonanz; von seiner unter dem Titel "Die Ehre Preußens" im gleichen Jahr erschienenen Druckfassung waren nach wenigen Wochen 10 000 Exemplare verkauft. In der Folgezeit hat sich Schoeps dann mit zahlreichen auflagestarken Buchveröffentlichungen als Protagonist einer insgesamt deutlich positiv akzentuierten Beurteilung des Phänomens "Preußentum" profiliert. Preußen galt ihm als Modellfall eines übernationalen Rechtsstaats, der auf der Basis monarchischer Autorität, konfessioneller Toleranz und geistiger Freiheit den verschiedensten Volksgruppen Schutz und Entfaltungsmöglichkeiten geboten hatte.

III.

Im Verlauf der 1960er und 1970er Jahre sind der Preußenforschung dann durch einige methodisch innovative Untersuchungen, etwa von Otto Büsch oder von Reinhart Koselleck, beachtenswerte Impulse zugekommen. Überdies widmeten sich nun mit der "Historischen Kommission zu Berlin" und der "Preußischen Historischen Kommisssion" zwei von renommierten Forscherpersönlichkeiten getragene Institutionen der systematischen wissenschaftlichen Erschließung der brandenburgisch-preußischen Geschichte.

Man wird gleichwohl nicht sagen können, daß "Preußen" in jenen Jahren ein gesamtgesellschaftlich aktuelles Diskussionsthema gewesen ist. Hier hat sich erst zu Beginn der 1980er Jahre ein entschiedener Wandel vollzogen, der seinen allseits sichtbaren Höhepunkt in der ambitionierten Ausstellung zur Geschichte Preußens in West-Berlin 1981 gefunden hat. Damit einher ging eine wahre Flut preußenbezogener Veröffentlichungen, zu der nicht nur die historische Fachforschung, sondern vor allem auch die Tagespublizistik mit teilweise sehr beachtenswerten Ausführungen hat. Sebastian Haffner und Martin Greiffenhagen, Bernt Engelmann und Christian Graf von Krockow, Werner Knopp und Rudolf von Thadden, Joachim C. Fest und – später – Marion Gräfin Dönhoff bzw. Wolf Jobst Siedler haben sich am damals geführten Preußen-Diskurs beteiligt und dafür gesorgt, daß das Thema "Preußen" eine breite, weit über den fachhistorischen Horizont hinausweisende öffentliche Resonanz erfuhr. (Fortsetzung folgt)