25.10.2021

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16.12.00 Deutscher und Christ?

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. Dezember 2000


Gedanken zur Zeit:
Deutscher und Christ?
Leitkultur und nationale Identität 
Von Wilfried Böhm

"Christen haben keine deutsche Kultur." Mit dieser absurden Schlagzeile schwang am 9. November 2000 die "Neue Bildpost" den großen Hammer zum Thema "deutsche Leitkultur". Der Glaube sei weltumspannend und die christliche Kultur keine nationale, meint diese "Wochenzeitung im Boulevardstil", wie sie sich selbst nennt. Das Blatt will "ethisch und wertorientiert" sein und für "christliche Werte" einstehen. Gebildet und auch intelligent aber ist es offenbar nicht, denn sonst wüßte die Redaktion, daß es ein Entweder-Oder bei der Identität der Menschen nicht gibt, sondern eine Vielfalt, in der auch die nationale Komponente eine prägende Rolle spielt. So widersprachen denn auch viele Leser, und immerhin spricht es für die Redaktion, diesen Stimmen in einer ihrer folgenden Ausgaben gebührenden Platz eingeräumt zu haben.

Schließen sich doch Christ und Deutscher (oder Franzose, Spanier, Italiener) zu sein nicht aus. So schrieb ein empörter Leser an die "Neue Bildpost" zu Recht: "Schon Paulus wollte den Griechen ein Grieche, den Römern ein Römer und den Juden ein Jude sein, um des Evangeliums willen", und fügte hinzu, die Missionswissenschaft spreche von der "Inkulturation des Christentums in den verschiedenen Völkern".

In anderen Ländern als Deutschland würde eine Diskussion über die eigene "Leitkultur" auf Unverständnis und bestenfalls Kopfschütteln stoßen. Selbstbewußte Völker diskutieren nicht das Selbstverständliche. Handelt es sich doch bei der "Leitkultur" um die Gesamtheit der historisch geprägten und allgemein verbindlichen Regeln des alltäglichen Lebens eines Landes.

Wer, warum auch immer, in dieses Land hinzukommt, hat sich in diese so bestimmten Lebensformen einzufügen und zu ihnen im Rahmen dieser bestehenden Regeln das Seine beizutragen. Die Amerikaner sagen in diesem Fall: "Steh zu unserem Land oder verlaß es", wie denn die USA auch von Einwanderern bei der Einbürgerung einen Treueid verlangen, bei dem der neue Bürger auch jeglicher Treue zu dem Staat, dessen Bürger er zuvor gewesen war, abschwören muß.

Der in der "Neuen Bildpost" behauptete Unsinn, daß "es für Christen keine deutsche Leitkultur geben" könne, ist Ausfluß der Geschichtsklitterung vom deutschen "Sonderweg" in der europäischen Geschichte und der Reduzierung deutscher Geschichte auf die zwölf Jahre der Untaten des Nationalsozialismus. Dieser Sonderweg, der "von Luther zu Hitler" geführt habe, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Schweizer Theologen Karl Barth ebenso behauptet wie vom kommunistisch gesteuerten Antifa-Block und ist auch in Teilen der amerikanischen und englischen zeitgeschichtlichen Literatur vertreten. Hinter dieser Geschichtspolitik haben die deutsche Kultursprache mit Dichtern wie Goethe und Schiller, die Musik von Bach und Beethoven, die Architektur mit ihren Kirchenbauten auf deutschem Boden, der deutsche Erfindergeist in vielen Wissenschaften ebenso zurückzustehen, wie die freiheitlichen Traditionen von Luther über die Städtefreiheiten des Mittelalters zu Kants "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" mit allen seinen großen Wirkungen auf europäische Geistesleben. Ernest Renan, der große bretonische Religionshistoriker, sagte dazu 1870: "Deutschland hat die bedeutendste Revolution der neueren Zeiten, die Reformation, gemacht."

Auch die preußischen Reformer um den Reichsfreiherren vom und zum Stein, die Patrioten der schwarz-rot-goldenen Bürgerbewegung zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die Reformen im "Bismarck-Reich", die kulturelle Vielfalt der Weimarer Republik, der konservative Befreiungsversuch vom 20. Juli 1944, der Volksaufstand gegen die Kommunisten am 17. Juni 1953, der deutsche Beitrag zum Aufbau und zur Verteidigung des freiheitlichen Europas nach dem Weltkrieg sowie die Revolution von 1989 mit ihren spürbar christlichen Elementen, besonders aber ihrem friedlichen Charakter, beweisen den deutschen Weg pflichtgebundener Rechte in der Demokratie.

Dieser Weg ist insofern Ausdruck deutscher Kultur, weil er die Freiheit der Persönlichkeit bejaht, allerdings ohne deren Gottesbindung und die verantwortungsvolle Bindung zum Volk zu leugnen. Damit steht deutsche Kultur allerdings schrankenloser Selbstverwirklichung im Wege, die vielerorts, auch im heutigen Deutschland, als Inbegriff der "Freiheit" mißverstanden wird. Weil deutsche Kultur solche "Freiheit" kritisch betrachtet, die zur Libertinage verkommt, fühlt sich der in vielen Medien herrschende Zeitgeist verpflichtet, seine Konsumenten zur Flucht aus dieser deutschen Kultur zu verführen, wobei es zu solchen Kurzschlußreaktionen kommen kann, nach denen "Christen keine deutsche Kultur haben".