25.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
16.12.00 Die Zarinnen Rußlands und ihr Gefolge

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. Dezember 2000


Hofdamen und Goldschmiedinnen
Die Zarinnen Rußlands und ihr Gefolge

Im Mittelpunkt aller bisherigen Betrachtungen über die Herrschaftsgeschichte Rußlands standen stets die regierenden Zaren, deren Reich durch den Willen des Herrschers autokratisch regiert wurde. Daneben haben die Zarinnen oft ein relatives Eigenleben geführt; sie standen zu jeder Zeit einem eigenen Hofstaat mit konkreten Verantwortlichkeiten vor; sie waren Regentinnen für minderjährige Thronfolger oder regierten selbst als Kaiserinnen.

In der Zeit Iwans IV. bis Peter I. kamen die Zarinnen Rußlands ausschließlich aus dem eigenen Land, doch in dem Maße, wie Rußland zur europäischen Großmacht aufstieg, änderte sich auch das Heiratsverhalten. Das Haus Romanow verschwägerte sich unter personal-, finanz- und kulturpolitischen Aspekten mit der westeuropäischen Aristokratie. Dabei wurden die Methoden dynastischer Heiratspolitik nach Peter I. vor allem durch Frauen geprägt, die direkten Einfluß auf die Reichspolitik ausübten, sofern sie nicht selbst regierten. Professor Detlef Jena beschäftigt sich in seinem Werk mit der Geschichte der russischen Zarinnen, die bisher nur in Ausschnitten als historischer Gegenstand behandelt wurden. Er kommt zu dem Ergebnis, daß das Leben der Zarinnen keine einzige emanzipatorische Idee produzierte. Sie waren sozial und wohltätig wirksam, sie verbreiteten Kultur und Bildung im aufklärerischen Sinne, aber dies stets im "patriarchalisch-autokratischen" Geiste. Eine differenzierte Beschäftigung mit dem Leben der Zarinnen setzt nach Meinung des Autors dort neue und ungewohnte Akzente, wo sich die russische Geschichte ausschließlich auf Leben und Wirkung der Autokraten selbst, egal ob männlich oder weiblich, beschränkt.

Bereits zur Zeit Iwans IV. – des Schrecklichen –, der sieben Frauen als Ehefrau, Geliebte, Verstoßene hielt, erlangte ein Mädchen aus dem Hause Romanow als einziger Mensch sein Vertrauen – Anastassja. Durch sie erhielt die Familie Romanow eine respektable Stellung am Hofe. Schon im 17. Jahrhundert trug eine Zarin im Alltag große Verantwortung. Sie unterhielt einen eigenen Hofstaat, der Frauen unterschiedlicher Schichten Lohn und Brot verschaffte. Die Zarin war von Pagen und Hofdamen aus der Verwandtschaft umgeben, zumeist Witwen, die unmittelbar in den Gemächern der Zarin lebten. Eine herausgehobene Stellung nahmen jene Hofdamen ein, die als Betreuerinnen für die Zarenkinder eingesetzt waren. Meist erhielten vor allem die Ehemänner der Ammen Privilegien. Eine Schatzmeisterin verwaltete den Besitz der Zarin und den gesamten Hofstaat. Sie herrschte über ein ganzes Heer sozial differenzierter Handwerkerinnen – von Goldschmiedinnen bis zu Näherinnen –, die für die materiellen Dinge des Hofes zuständig waren. Daneben beschäftigte die Zarin an ihrem Hof auch eine besondere Richterin, die für den inneren Frieden unter den vielen Damen verantwortlich war. Die Größe des Hofstaates umfaßte etwa dreihundert Personen, die einer stark gegliederten Rangordnung unterstanden.

Normalerweise verschwanden Zarentöchter meist schon kurz nach ihrer Geburt aus dem öffentlichen Bewußtsein. Sie erhielten eine Elementarbildung und endeten gewöhnlich als Nonnen im Kloster. Eine Ausnahme bildete die Regentin Sofija Alexejewna (1682–1689 Zarin), die aufgrund Rußlands Aufbruch in die westliche Welt schon früh bedeutende Staatsmänner kannte und die gleiche Bildung wie ihre Brüder erhielt. Nachdem beide Brüder starben, übernahm Sofija die Regentschaft im Mai 1682.

Nachdem Peters I. Ehe mit seiner ersten Frau Jewdokija Lopuchina scheiterte, verstieß er auch den Thronfolger aus erster Ehe, seinen Sohn Alexej. Die litauische Magd und spätere Katharina I. hatte ihm bereits einen weiteren Sohn geschenkt. Bisher waren Brautwahl und Lebensweisen russischer Zarinnen traditionell geregelt. Umso ungewöhnlicher ist die Tatsache, daß die erste russische Kaiserin ihrer Herkunft nach eine litauische Dienstmagd war. Katharina I. wurde nach Peters Tod Zarin mit Unterstützung des Adels. Ihre Regierungszeit brachte eine Reihe staatsrechtlicher Veränderungen, die dem Erbe Peters des Großen entsprochen haben. 1725 eröffnete Katharina die Akademie der Wissenschaften.

Mit Zarin Elisabeth I. Petrowna, der Tochter Peters des Großen, regierte von 1741 bis 1761 erstmals tatsächlich eine Frau selbst, wenn auch gemeinsam mit vielen Beratern. Sie war insgesamt eine politisch bewußt und zielstrebig agiernde Herrscherin.

Als bedeutendste Persönlichkeit auf dem Zarenthron galt nach Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Großen Katharina II. Sie wurde zunächst als überragende Aufklärerin und Reformerin gefeiert, später jedoch wegen ihres selbsüchtigen Egoismus und der Halbheit iher Reformbemühungen getadelt. Ihr Lebenswerk ist bis heute umstritten.

Nachdem es zuvor weitere – weniger bedeutende – Zarinnen aus deutschen Adelsgeschlechtern gegeben hatte, heiratete der letzte Zar Nikolaus II. abermals eine deutsche Prinzessin, Alix von Hessen, die er liebte und mit der er eine vorbildliche Ehe führte. Doch gehörte die Ehe mit Prinzessin Alix aus Hessen-Darmstadt auch zu den problematischen Seiten des Zaren, denn sie hatte Eigenschaften, die von patriotischen Russen stets an deutschen Prinzessinnen kritisiert wurden, nämlich angebliche Kälte, Steifheit, Unzulänglichkeit. Während des Ersten Weltkriegs konnten die Gegner der Monarchie, Kritiker an der Politik des Zaren, Neider und um größeren Einfluß am Hofe ringende Würdenträger die politischen und menschlichen Handlungen der Zarin zu scharfen Angriffen gegen die regierende Dynastie nutzen. Alexandra Fjodorowna mischte sich wie keine andere nichtregierende Zarin mit stark subjektiven Ansichten in die Regierungspolitik, wodurch sie ihren Gegnern so viele Angriffsflächen bot, daß es nicht schwer war, ihr die Verantwortung für Fehlentscheidungen des Gemahls zu übertragen. Da Nikolaus keine starke Persönlichkeit war, neigte er dazu, sich den Wünschen der Gemahlin anzupassen. Die dramatische Seite der Geschichte war, daß die letzte Kaiserin ihr Streben mit dem Wirken des obskuren Wunderheilers Rasputin verband; diese unglückliche Kombination konnte mit Leichtigkeit als Symptom für den Niedergang der Dynastie gewertet werden.

Detlef Jena hat sich in mehreren Werken den Lebensbildern russischer Zarinnen gewidmet. Das vorliegende Buch gibt einen Überblick der Zarinnen von 1547 bis 1918. In 16 Kapiteln, die jeweils einer Zarin gelten, wird chronologisch zurück- bzw. vorausgegriffen, da manche Entwicklungen parallel verliefen. Eine abschließende Betrachtung, in  der rückblickend die wichtigsten Strömungen zusammengefaßt dargestellt werden, läßt das vorliegende Werk jedoch vermissen. MRK

Detlef Jena, Die Zarinnen Rußlands (1547–1918). Verlag Friedrich Pustet/Styria. 372 Seiten, Leinen, 58 Mark