25.10.2021

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16.12.00 Die Ausstellung "After the Wall" signalisiert Wunsch nach Selbstvergewisserung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. Dezember 2000


Berlin:
"Die Worte wieder neu finden"
Die Ausstellung "After the Wall" signalisiert Wunsch nach Selbstvergewisserung

Eine nicht mehr ganz junge Frau starrt ungläubig auf den Bildschirm, über den zwanzig Jahre alte Fernsehaufnahmen flimmern. Darin sieht sie sich selber als kommunistische Jugendfunktionärin, die an der Seite des albanischen Parteichefs Enver Hodscha posiert und euphorisch die Phraseologie über die historische Mission des Marxismus-Leninismus ins Mikrophon spricht. Die Filmrolle ist zufällig ihrem Sohn in die Hände gefallen, allerdings ohne die dazugehörige Tonspur. Die verlorengegangene Sprache zu rekonstruieren – können oder wollen der Journalist und der Kameramann von damals ihm nicht helfen, so daß er auf eine Expertin für die Taubstummensprache zurückgreift. Seine Mutter bestreitet zuerst, was die ihr von den Lippen gelesen hat, ehe sie sich unter großen Anspannungen ihrer Vergangenheit öffnet.

Der Film "Intervista – Die Worte finden" des 1974 geborenen albanischen Videokünstlers Anri Sala wirkt wie eine Parabel über die Verstörung, die seit 1989 durch den Fall der Ideologien und Machtsysteme über die osteuropäischen Gesellschaften hereinbrach, und drückt einen wichtigen Impuls des neueren Kunstschaffens aus: Den Wunsch nach Erinnerung, Selbstvergewisserung, Orientierung und – wenn möglich – Katharsis.

Die Ausstellung "After the Wall. Kunst und Kultur im postkommunistischen Europa", an der über hundert osteuropäische Künstler beteiligt sind, ist zur Zeit in der Berliner Nationalgalerie im "Hamburger Bahnhof" und im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor zu sehen: Sinnfällige Orte unmittelbar am ehemaligen Mauerstreifen, die damit den geschichtlichen Umbruch hervorrufen, der auch den Hintergrund der hier ausgestellten Kunstwerke bildet. Die Künstler sind fast alle in den sechziger oder siebziger Jahren geboren: jung genug, um den Wechsel der gesellschaftlichen Ordnung konsequent als Chance anzunehmen, zu reif und zu erfahren, um sich länger mit kritikloser Begeisterung darüber aufzuhalten.

Der 28jährige bulgarische Künstler Rassim Kristev präsentiert sich auf einem großformatigen Brustbild mit nacktem Oberkörper. Ein Modeltyp, der die Statussymbole des postsozialistischen Aufsteigers vorzeigt: das Kreuz für die Abkehr von der alten Ideologie, das Handy für die zeitgemäß-mobile Lebenseinstellung, das massive Armband zum Beweis des Wohlstands. Seine sieghafte Erscheinung ist das Ergebnis wohlkalkulierter "Korrekturen" am eigenen Körper. Auf zwei Fernsehapparaten sind die per Video dokumentierten Phasen seines Bodybuilding-Trainings zu besichtigen. Flankiert wird Kristevs Installation von zwei Gemälden des Petersburger Malers Georgy Guryanov: durchtrainierte Sportler, kraftvoll und seelenlos, "Ohne Titel", als Signum der modernen Existenz.

Generell fällt in dieser Ausstellung die Betonung der Körperlichkeit auf. Einer Körperlichkeit, die sich nach einer kurzen Phase der Befreiung neuen Reglementierungen und gesellschaftlichen Codes unterworfen sieht. Der "Moderne Held" des polnischen Fotokünstlers Piotr Jaros erhält die heilige Kommunion auf der Sonnenbank. Das katholische Ritual ist in den Sog des Konsums geraten, die künstlichen UV-Strahlen haben das biblische Licht ersetzt, und der avisierte "Neue Mensch" entpuppt sich als Abziehbild aus einem Schönheitskatalog. Ähnlich die Installation "Neo-Golgatha" von Luchezar Boyadjiev (Bulgarien): Drei leere Anzüge, die Uniform der Geschäftsleute, sind mit ausgebreiteten Ärmeln nebeneinander an der Wand befestigt. Die verpönte Frömmigkeit ist als Religion des Geldes zurückgekehrt, die Menschen sind statt ans Kreuz der Ideologen an das der Kapital- und Waren-Zirkulation geschlagen. Verblüffend auch das "Sweet girl" von Zuzanna Janin (Polen): Das süße Mädchen besteht aus einem Drahtgestell, das mit Zuckerwatte gewickelt ist. Die falsche Süßlichkeit schmilzt dahin und läßt ein unansehnliches Gerippe zurück.

In der Foto-Allegorie "Wir sprechen deutsch" schlägt der weißrussische Fotokünstler Igor Savchenko den Bogen zurück in die Vergangenheit. Eine Reihe retuschierter Kriegsfotos von Sowjetsoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die in Deutschland aufgenommen wurden. Darunter sind jeweils simple deutsche Redewendungen gestempelt, wie man sie in der Anfangsphase des Fremdsprachenunterrichts erlernt. Ein Verfremdungseffekt, der auf die historische Vielschichtigkeit und die weiterhin wirksame Befangenheit im deutsch-russischen Verhältnis verweist.

Heiterkeit kommt auf beim Betrachten des "Islam-Projekts" der aus drei Protagonisten bestehenden Moskauer Künstlergruppe AES. Mittels Computertechnik haben sie die Wahrzeichen großer Städte wie Moskau, Paris, Berlin, Rom und New York mit islamischen Symbolen und Szenerien versehen. Auf dem Petersplatz wird ein Basar veranstaltet, den Reichstag bekrönt eine riesige goldene Kuppel mit Halbmond, und die Freiheitsstatue bedeckt ihr Gesicht mit einem Schleier und hält in der Linken den Koran. Ein "visueller Scherz", der grassierende Phobien benennt und zugleich ironisch unterläuft, der als "pro"-, aber auch "anti-islamisch" kritisiert wurde. Dermaßen zwischen den Stühlen zu sitzen ist schon eine Leistung für sich. Thorsten Hinz

"After the Wall". Kunst und Kultur im postkummunistischen Europa." Berlin, Nationalgalerie im "Hamburger Bahnhof" und Max-Liebermann-Haus. Die Ausstellung ist bis zum 4. Februar 2001 geöffnet. Eintritt 12 Mark. Der englischsprachige Katalog kostet 70 Mark. Ein informativer Ausstellungsführer enthält Erklärungen zu jedem Künstler und ist für 5 Mark erhältlich.