17.10.2021

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23.12.00 Spurensuche – am Himmel und auf Erden

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Weihnachten 2000:
Spurensuche – am Himmel und auf Erden
Betrachtungen zum Fest 
Von Hans-Jürgen Mahlitz

Alle Jahre wieder erzählt uns irgendein kluger Mensch, daß wir Weihnachten zum völlig falschen Zeitpunkt feiern. Das Datum stimmt nicht, die Jahreszahl erst recht nicht, und der Schnee wollte damals in Bethlehem wohl auch nicht rieseln.

In diesem Jahr kommt die unfrohe Botschaft von Michael R. Molnar. Der amerikanische Physiker tat, was zweitausend Jahre zuvor drei Kollegen von ihm namens Kaspar, Balthasar und Melchior ebenfalls getan hatten: zum Himmel schauen und darüber nachdenken, wie das, was man dort sieht oder zu sehen wähnt, wohl zu deuten ist.

Die drei Weisen aus dem Morgenland – sie waren keine "Könige", sondern "magoi", also Naturwissenschaftler – sahen eine Himmelserscheinung, die ihnen, so überliefern es uns die Evangelien, dermaßen außergewöhnlich erschien, daß sie daraus die Geburt einer ebenfalls ganz außergewöhnlichen Persönlichkeit ableiteten, vermutlich eines mehr oder weniger göttlichenWesens. Seither zerbrechen sich Theologen, Künstler und Astronomen den Kopf darüber, um welche Himmelserscheinung es sich da gehandelt haben könnte.

In der Malerei setzte sich der Komet durch, was wohl auch daran lag, daß nach dem jahrhundertelang vorherrschenden Kunstverständnis der Schweifstern über dem Stall von Bethlehem ein besonders harmonisches Bild gab.

Die Himmelsforscher setzten sich erst ab dem 15. Jahrhundert ernsthaft mit der Frage auseinander, was der "Stern von Bethlehem" denn nun wirklich war: Jakob von Speyer tippte 1465 auf eine spektakuläre Konstellation der Planeten Saturn, Jupiter und Mars. Johannes Keppler berechnete 1604, angeregt durch eine Supernova während einer "großen" Planetenkonstellation, das Jahr 6 v. Chr. als das wahre Geburtsjahr Jesu. Der Däne M. Munter schloß 1827 aus chinesischen Aufzeichnungen auf das Jahr 4 v. Chr., die Engländer David Clark, John Parkinson und Richard Stephenson verlegten 1977 die Geburt des Heiland auf Ende 5 v. Chr. (übrigens ebenfalls gestützt auf chinesische Chroniken!) Seitdem konzentrieren sich die alljährlich publizierten Neuberechnungen auf die Jahre 5 und 6.

Zumindest steht damit fest, daß der Mönch Dionysos Exiguus sich vor knapp eineinhalb Jahrtausenden gründlich verrechnet hat. Der römische Theologe hatte – aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen – 533 die Geburt des Herrn auf den 25. Dezember 1 v. Chr. datiert. Die neue Zeitrechnung ließ er eine Woche später, am 1. Januar 1 n. Chr., beginnen – wie man heute weiß, ein paar Jahre zu spät.

Wie viele Jahre genau, glaubt Michael Molnar nun endlich ganz exakt zu wissen. Der Physiker und Computerexperte ließ die Rechner der Rutgers University in New Jersey so lange rotieren, bis sie eine höchst seltene Konstellation errechnet hatten: Venus, Saturn, Neumond, Jupiter, Sonne, Mars und Merkur in einer Reihe, und das auch noch im Sternzeichen Widder, dem Symbol des Stammes Judäa, aus dem nach den Weissagungen Jesajas der Heiland kommen sollte.

Stattgefunden hat dieses Ereignis (zeitgemäß nachzulesen im Internet unter www. eclipse.net/molnar) am 17. April im Jahre 6 v. Chr., morgens um 8 Uhr 26 Ortszeit. Damit wäre auch geklärt, warum laut Neuem Testament weder Herodes im nahen Jerusalem noch die Menschen in Bethlehem selbst den "Stern von Bethlehem" sahen: Die Sonne überstrahlte natürlich alles, was sich da sonst noch am Firmament versammelt hatte.

Die drei Weisen hingegen brauchten an diesem Aprilmorgen gar nicht mehr zum Himmel blicken. Sie gehörten zu den wenigen Wissenden, die eine solche Konstellation exakt berechnen konnten. Und daraus auch entsprechende Schlüsse auf bevorstehende große Ereignisse ziehen konnten – schließlich galten zu jener Zeit Astronomie und Astrologie als wissenschaftliche Einheit. Sie folgten also nicht einem konkret sichtbaren "Stern von Bethlehem", sondern in Wirk-lichkeit einem durch astronomische Berechnungen gestützten Horoskop.

Eine kühne Theorie, die immerhin einige Unstimmigkeiten in den Evangelien aufklärt, im übrigen weder eindeutig zu beweisen noch zu widerlegen ist. Vermutlich wird uns im nächsten Jahr wieder ein anderes Rechenergebnis auf den vorweihnachtlichen Gabentisch gelegt. Vergessen wir also Michael Molnars 17. April samt der durchaus reizvollen Möglichkeit, doch einmal Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallenzulassen! Nicht vergessen sollten wir hingegen die Frage nach dem tieferen Sinn von Weihnachten in unserer Zeit. Mit anderen Worten: Nicht wann wir feiern, sondern was wir feiern ist entscheidend.

Weihnachten 2000 – bleiben wir entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen doch einfach bei dieser schönen runden Zahl! – das ist zunächst einmal ein gigantisches Umsatzplus in der Elektronikbranche, vor allem beim Verkauf von Handys, das sind zwei zusätzliche Urlaubstage, was wiederum einen Boom bei Fernreisen bewirkt, das versetzt ganze Völkerscharen in kollektiven Kauf- und Schenkrausch: Süßer die Kassen nie klingen …

Aber wenn im Weihnachtsstreß dann doch noch etwas Ruhe und Muße ein-kehren, dann erinnern wir uns: Es begab sich zu jener Zeit (ob vor 2000 oder vor 2005 Jahren, ist auf einmal nicht mehr so wichtig!), da ward zu Bethlehem ein Kind geboren. Dieses Kind hieß Jesus, und es war, so haben wir wohl alle einmal in dem meistgedruckten und meistgelesenen Buch der Menschheitsgeschichte gelesen, ein ganz besonderes Kind: Sohn Gottes, wiewohl seine Eltern Maria und Josef aus Nazareth waren – ganz zweifellos eine geschichtliche Figur, von der dennoch keine exakten historischen Daten übermittelt sind – seit uralten Zeiten geweissagter Heiland und Retter des Volkes Gottes, und von eben diesem Volk ans Kreuz geschlagen – Ursprung des Christentums, das zwei Jahrtausende Religions- und Kulturgeschichte schrieb, zugleich aber jahrhundertelang mitbeherrschender Faktor der Weltpolitik war.

Wenn wir uns Mühe geben, könnte uns zu diesem Jesus noch vieles einfallen – den Älteren etwas mehr, den Jüngeren immer weniger, denn etwas zu glauben, ohne alles "kritisch" zu hinterfragen, das lernt man heute kaum noch, von den Eltern nicht, von der Lehrern nicht, und auch von den Pfarrern immer seltener – Rudolf Bultmanns "Entmythologisierung" des Glaubens ist längst kein Fachterminus protestantisch-theologischer Theorien mehr, sondern bittere Realität auf unseren Kanzeln und an den Kathedern des Religionsunterrichts – sofern es den überhaupt noch gibt.

Trotz allem, soviel wissen wir noch: Weihnachten feiern wir den Geburtstag Jesu Christi. Unter anderem mit immer aufwendigeren Geschenken. Aber wen beschenken wir? Das Geburtstagskind? Oder – da dies nach 2000 (oder 2005?) Jahren ja nicht mehr geht – wenigstens seine Nachfolger auf Erden? Die traurige Antwort geben christliche Sozial- und Wohltätigkeitsorganisationen: Das vorweihnachtliche Spendenaufkommen ist bei ihnen dramatisch eingebrochen; der barmherzige Samariter der Neuzeit zückt sein Portemonnaie oder Scheckheft kaum noch zur Unterstützung christlicher Nächstenliebe – heute überweist man, möglichst online, seinen Obulus für die Aids-Hilfe, die Rettung eines Indianerstammes am Amazonas, ein Sozialprojekt bei Australiens Aboriginals oder sonstigen möglichst fernen Minderheiten. Zur Einstimmung sollten aber schon mindestens drei Tenöre "Merry Christmas" schmettern …

Es scheint, als sei die Geburt Christi für das Fest nur noch ein Vorwand – in Wirklichkeit feiern wir uns selbst. Ist also Weihnachten heute gar kein christliches Fest mehr? Und was würde Jesus selbst wohl sagen zu dem, was wir aus seiner Geburtstagsfeier gemacht haben?

Nun, vielleicht würde er mir jetzt sagen: Sei doch – bei aller berechtigten Kritik – nicht ganz so pessimistisch! Auch wenn das Pendel gerade wieder einmal zur falschen Seite auszuschlagen scheint, auch wenn die alten Werte und Wertvorstellungen verfallen und viele Menschen schon gar nicht mehr wissen, warum wir diese Werte noch als "christlich" bezeichnen – vielleicht ist die Weihnachtsbotschaft ja doch stärker als alle zerstörerischen Kräfte; immerhin hat sie zwei Jahrtausende überlebt. Zwei Jahrtausende, in denen Gott und seine Botschaft oft genug für "tot" erklärt wurden. Aber "Lebenszeichen" gibt es genug, man muß sie nur sehen wollen. Und sie kommen oft von Seiten, von denen man sie gar nicht erwartet.

Ein Beispiel, das ganz gut in unser Medienzeitalter paßt: die Gesprächsrunde (Pardon: Talkshow) von Sabine Christiansen am dritten Adventssonntag. Da ging es, pünktlich zum Fest, um die christlichen Werte. Mit dabei Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der leider so sehr mit dem Spagat zwischen Papst und "Pro Familia" beschäftigt war, daß er zum eigentlichen Thema kaum noch Wesentliches beitragen konnte.

Einen dennoch gelungenen Fernsehabend hatten wir vor allem Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sowie Friedhelm Farthmann zu verdanken. Der gestandene Sozialdemokrat sprach über Menschenwürde und Wert des menschlichen Lebens mit einer Eindringlichkeit, wie man sie früher eher von kämpferischen Kirchenmännern zu hören pflegte; Ihre Durchlaucht schließlich beeindruckte mit mutigen Worten wider den Zeitgeist – kein noch so politisch korrektes Tabu, über das sie sich nicht vehement hinwegsetzte.

Ich bin sicher: Viele der Zuschauer werden von diesen Gedanken einiges mit in die Feiertage hinübernehmen. Und wenn dann endlich die letzte Ladentür geschlossen, die letzte Online-Shopping-Seite abgeschaltet ist, wenn endlich Ruhe einkehrt, die Lichter am Weihnachtsbaum aufleuchten und das uralte Lied von der Stillen Nacht erklingt – dann werden sie sich daran erinnern, daß es mehr gibt im Leben als Spaß und Aktienkurse. Daß dieses Kind, das damals geboren wurde und dessen Geburtstag wir heute feiern, eine ewig gültige Botschaft auf diese Welt gebracht hatte: die Botschaft von Liebe, von Freiheit und Verantwortung, von Menschenwürde und Lebensrecht.

Vielleicht erinnern sie sich auch der drei Weisen: kluge Menschen, die an das, was sie sahen und erkannten, auch ganz fest glaubten und danach handelten. Jesus von Nazareth, der Stern von Bethlehem und die Weisen aus dem Morgenland, sie sind heute, zwei Jahrtausende danach, so aktuell wie eh und je. Und deshalb kann das "letzte Wort" auch heute nur lauten: Frohe und gesegnete Weihnacht!