17.10.2021

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23.12.00 Computerbranche: Deutscher Nachwuchs blockiert

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Computerbranche: Deutscher Nachwuchs blockiert
36 Prozent mehr Informatikstudenten: Unis machen die Pforten dicht – kein Lehrpersonal

Im vergangenen Jahr erst schlug Bundeskanzler Schröder (SPD) Alarm. Die zukunftsweisende Informationstechnologie-(IT-)Branche Deutschlands drohe den internationalen Anschluß zu verlieren. Grund: Es gebe viel zu wenig junge Menschen, die sich für ein Informatik-Studium entschieden.

Das Ergebnis war die "Green-Card"-Debatte des vergangenen Frühjahrs und Sommers. Wenn die deutsche Jugend nicht flexibel genug ist, auf die Herausforderungen der Zukunft schnell zu reagieren, müsse man die Fachleute eben von woanders importieren, hieß es allenthalben – aus Indien beispielsweise. Dort soll es ja IT-Spezialisten en masse geben.

Doch die angeblich so träge deutsche Jugend reagierte blitzschnell. Mit 27 000 Studienanfängern verzeichnet das Fach Informatik im laufenden Jahr bundesweit einen historischen Rekord. Gegenüber 1999 stieg ihre Zahl um satte 36 Prozent.

Doch wer von den Neulingen gehofft hatte, jetzt mit offenen Armen empfangen zu werden, sieht sich bitter getäuscht. Sofort begannen die Universitäten, per Zugangsbeschränkung möglichst viele der studierwilligen Abiturienten abzuwehren. Den Anfang machte Berlin. Die Humboldt-Universität etwa schuf einen internen Numerus Clausus. Will heißen: Nur Abiturienten mit einem guten Notendurchschnitt bekommen einen Informatik-Studienplatz.

An  anderen  Hochschulen herrscht indessen der blanke Notstand. Mancherorts müssen sich drei oder mehr Studenten einen Informatikplatz teilen. Es gibt viel zu wenig Lehrkräfte und Assistenten, um einen sachgerechten Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten.

Der Fakultätentag Informatik fordert nun mindestens 500 neue Professuren, um der katastrophalen Lage abzuhelfen. Doch Kanzler Schröder hat außer symbolischen Gesten und großspurigen, aber inhaltslosen Ankündigungen offenbar nichts zum Thema beizutragen. Schnell versprach er ein "100-Millionen-Mark-Programm" zur Schaffung von mehr Studienplätzen. Daraus läßt sich nur schließen, daß der Regierungschef entweder das Ausmaß des Problems nicht begriffen hat oder aber, daß es ihn – schlimmer noch – in Wahrheit überhaupt nicht interessiert.

Was sich nämlich auf den ersten Blick als große Summe ausmacht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als schlechter Scherz. Die hundert Millionen sollen auf fünf Jahre gestreckt werden. Demnach ließen sich – bundesweit! – gerade einmal 200 zusätzliche Assistentenstellen schaffen. Auf die 43 Universitäten und zusätzlich die Fachhochschulen, die Informatik anbieten, verteilt, blieben so ein oder zwei Assistentenplätze pro Hochschule. Von Professuren ganz zu schweigen.

Das ist eigentlich beinahe weniger als nichts. Doch für die Fernsehkameras hat’s gereicht. Der Kanzler verpackte sein faktisches Nichtstun großmäulig als "Sofortprogramm". Die Medien haben das kritiklos hingenommen, der propagandistische Erfolg war erzielt und das Problem schon vergessen.

Dabei war die Entwicklung keineswegs überraschend. "Das Problem Fachkräftemangel ist seit Jahren bekannt", kritisierte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, schon im März. Aber weder die derzeitige Regierung noch seinerzeit Kohls "Zukunftsminister" Jürgen Rüttgers (CDU) scherte das. Schröder selbst ließ noch als niedersächsischer Ministerpräsident den Fachbereich Informatik an der Uni Hildesheim 1996 einfach dichtmachen. Den Protest von Professoren und Studenten überging er.

Und das Problem geht noch tiefer: Die westdeutschen Bundesländern klagen über einen eklatanten Lehrermangel in naturwissenschaftlichen Fächern (die sind Grundlage für ein Informatik-Studium). Das führt natürlich zu mehr Stundenausfällen und somit zu einer Verminderung des Niveaus. Die – ohnehin rettungslos überlasteten – Universitäten werden es also künftig mit immer mehr Studienanfängern zu tun bekommen, denen zunächst Grundfertigkeiten vermittelt werden müssen, die sie eigentlich auf der Schule hätten mitbekommen sollen.

Die Abiturienten studierten eben zu "prozyklisch", lautet der selbstgerechte Vorwurf aus der Politik nun. Die Nachfrage nach Lehrern vollzieht sich in Wellen, mal hoch, mal niedrig – gleichsam in einem Zyklus. Die Schulabgänger wählen ihr Studienfach indes nicht selten danach aus, was zum Zeitpunkt ihres Abiturs gerade besonders am Arbeitsmarkt gefragt ist. Sind sie dann aber fertig, ist jene Welle längst abgeschwollen, das vor Jahren gefragte Fach führt sie in die Arbeitslosigkeit oder Umschulung. "Antizyklisch" zu studieren hieße die Lösung: Fange immer gerade das Fach an, welches zur Zeit nicht gefragt ist und gehe davon aus, daß es genau deshalb in sechs oder sieben Jahren der Renner sein wird.

Das muß kein Hasard sein, denn: Solche Zyklen sind beispielsweise in Sachen Lehrerbedarf über viele Jahre im voraus berechenbar – so man über die entsprechenden Prognosen verfügt. Doch auch hier versagt die Politik in geradezu verantwortungsloser Weise. Die Länder rücken ihre Zahlen über den Lehrerbedarf in sechs oder sieben Jahren nicht heraus. Niemand geht an die Schulen und erklärt den Abiturjahrgängen, welche Fachlehrkräfte im Jahre 2007 aller Voraussicht nach benötigt werden. So bleiben die Studienanfänger vom aktuellen Eindruck abhängig, alles andere gleicht dem Blick in die gläserne Kugel.

Hessen hat jetzt damit begonnen, Lehrer und Referendare in den gefragten Fächern offensiv aus anderen Ländern abzuwerben. "Wildwestmethoden" schimpfen benachbarte westdeutsche Landesregierungen, die um ihren knappen Lehrkräftebestand bangen.

So hat die Politik über Jahre hinweg die heimische Nachwuchsförderung für Zukunftstechnologien verrotten lassen. Und nicht einmal jetzt, wo die Krise offensichtlich ist, sieht sich die Bundesregierung zu irgendwelchen nennenswerten Maßnahmen veranlaßt. Statt dessen wird hastig auf dem internationalen Arbeitsmarkt per "Green Card" ausländischer Ersatz gesucht. Derweil werden dem deutschen Nachwuchs von der Schulbank ab die Chancen verbaut. Hans Heckel