17.10.2021

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23.12.00 C. Johnsons Thesen über das Ende des US-Jahrhunderts

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Vereinigte Staaten von Amerika:
Verfällt das Imperium?
C. Johnsons Thesen über das Ende des US-Jahrhunderts

In der im März beim Metropolitan-Verlag in New York erschienenen Originalausgabe mit dem Titel "Blowback: The Costs of the American Empire" von Chalmers Johnson erscheint bereits im Titel ein Zentralbegriff des Buches: "Blowback". "Blowback" bedeutet auf deutsch Rückstoß. Dieser Begriff ist von dem amerikanischen Geheimdienst CIA geprägt worden und bezieht sich auf die unbeabsichtigten Folgen amerikanischer Hegemonialpolitik. Oder anders gewendet: "Rückstoß" bedeutet die Kurzform des Prinzips "Keine Wirkung ohne Ursache". Die Auswirkungen der US-Hegemonialpolitik, von Johnson oft als "US-Imperialismus" bezeichnet, ist Gegenstand der Betrachtungen des Autors.

Johnson, Jahrgang 1931, geht kritisch wie bisher kaum ein anderer amerikanischer Autor mit der Hegemonialpolitik der USA ins Gericht. Johnson weiß, wovon er redet: Er hat während drei Jahrzehnten bis 1992 Politikwissenschaften an der Universität von Kalifornien in Berkeley gelehrt, ist durch zahlreiche Publikationen in den USA bekannt geworden und leitet inzwischen ein Forschungsinstitut mit dem Namen "Japan Policy Research Institute".

Johnson sieht die Außen- und Militärpolitik der USA vor einer Wende, die er als Konsequenz der Gefahr einer "imperialen Überdehnung" der US-Politik beschreibt: "Auf lange Sicht ist die amerikanische Bevölkerung weder militaristisch noch wohlhabend genug, die ständigen Polizeiaktionen, Kriege und finanziellen Rettungsmanöver hinzunehmen, welche die Fortsetzung der hegemonialen Politik Washingtons nach sich ziehen muß." Bereits heute seien "die Vereinigten Staaten außerstande, die Kosten ihrer globalen militärischen Präsenz und ihrer Kriseninterventionen alleine zu tragen, und fordern von den ,Gastländern‘ ein immer höheres Maß an Unterstützung oder sogar direkte Subventionen von ihren ,Alliierten‘". So wurde allein Japan für den Krieg am Persischen Golf, das "Unternehmen Wüstensturm", mit 13 Milliarden Dollar zur Kasse gebeten. Den noch höheren deutschen Beitrag von zirka 17 Milliarden Dollar nennt der Autor in diesem Zusammenhang leider nicht. Er verengt den Blick auf den südostasiatischen Raum und versucht anhand ausgewählter Beispiele (Indonesien, die beiden koreanischen Staaten, Taiwan und Japan) die Prinzipien der US-Hegemonialpolitik darzustellen. Dabei arbeitet er heraus, daß das US-Militär "auf dem besten Wege sei, sich in ein autonomes System zu verwandeln". Dieses habe es geschafft, daß der riesige Militäretat aus der Zeit des Kalten Krieges bis heute mehr oder weniger unangetastet geblieben ist. Dieser riesige Verteidigungsetat ist ein entscheidendes Instrument, "ohne das sich das amerikanische Imperium nicht aufrechterhalten läßt". Die US-Armee sei, so Johnson, auf dem Weg, ein Staat im Staate zu werden: "Gewöhnt an das Leben in einem mittlerweile ein halbes Jahrhundert alten, fest im Sattel sitzenden Imperium, hat das Militär angefangen, seine eigenen Interessen höher zu bewerten als das alte Ideal, da es nur eines von mehreren Mitteln ist, welcher sich eine demokratische Regierung zur Umsetzung ihrer Politik bedienen kann."

Johnson stellt die These auf, daß Imperien kostspielige Gebilde seien, die, je länger sie existierten, desto teurer würden. An dieser Regel sei bereits die Sowjetunion gescheitert. Ähnliches könnte den USA widerfahren, sollten sie sich weiterhin so kaltschnäuzig wie bisher in die Politik ihrer "Satellitenstaaten" einmischen. Was hier gemeint ist, entfaltet Johnson anhand einer Reihe von Beispielen. Diese reichen vom Fehlverhalten amerikanischer Soldaten auf dem Marinestützpunkt Okinawa und anderen Militärbasen rund um den Globus bis hin zur Rolle der Vereinigten Staaten in der südostasiatischen Finanz- und Wirtschaftskrise, mittels derer die USA die "Tigerstaaten" wieder auf Normalmaß zurückgestutzt hätten. Dieser Abschnitt gehört im übrigen zu den aufschlußreichsten Ausführungen dieses Buches. Johnsons Ausführungen über Hintergründe und Ursachen der Südostasienkrise zeigen, daß der "Mythos der Globalisierung" ein Deckmäntelchen ist, unter dem die Vereinigten Staaten mit Hilfe ihrer überlegenen Militärtechnologie und ihrer einzigartigen Finanzkraft die Integration der globalen Wirtschaft zu erzwingen suchen. Daß die Amerikaner den "Globalisierungsprozeß" weitgehend nach ihren Vorstellungen und Bedingungen betreiben, belegt Johnson mit einer Reihe von aufschlußreichen Argumenten, deren Anführung bereits alleine die Anschaffung dieses Buches lohnen.

Neben dem Buch "Die einzige Weltmacht" des Mentors der derzeitigen US-Außenministerin Madeleine Albright und ehemaligen Sicherheitsberaters der Regierung Carter, Zbigniew Brzezinskis, ist Johnsons Werk mit Sicherheit die aufschlußreichste Abhandlung, die bisher über die geopolitischen Prinzipien der USA veröffentlicht worden ist. Wie oben bereits erwähnt, krankt die Analyse allerdings daran, daß Westeuropa in den Ausführungen Johnsons keine seiner Bedeutung entsprechende Rolle spielt. Darüber hinaus verliert Johnson bedauerlicherweise auch kein Wort über Mittel- und Südamerika. Gerade dort aber entfaltete und entfaltet sich der US-Imperialismus (von dem Johnson bemerkenswert oft spricht).

Dafür wird das aufstrebende China einer intensiven Betrachtung unterzogen. Johnson liefert eine interessante Einschätzung der Entwicklung Chinas unter Mao und speziell der Kulturrevolution, Chinas "brutalstem Regime seit Beginn des 20. Jahrhunderts", die "bald stark an Stalins brutale Säuberungspolitik der späten dreißiger Jahre" erinnerte und "zu einem Schauspiel des Schreckens ausgeartet war". Daß China in den nächsten zwei Jahrzehnten zum Konkurrenten der USA heranwachsen wird, daran läßt Johnson keinen Zweifel.

Kritikwürdig sind allerdings Johnsons Thesen zum Aufstieg Japans zur modernen Industrienation: "Eine Ministerialbürokratie lenkt die Wirtschaft und setzt soziale Ziele", behauptet Johnson. Auf eine derart einfache Formel kann der Aufstieg Japans nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht reduziert werden. Ebenso reduktionistisch ist die Überschätzung des Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie (MITI) als "Urheber des Wirtschaftswunders" durch Johnson. Schon eher zutreffend ist die Feststellung, daß der gewaltige bürokratische Staatsapparat "die japanische Wirtschaft in ganz ähnlicher Weise unterstützte und lenkte wie das amerikanische Verteidigungsministerium den ,militärisch-industriellen Komplex‘ in den Vereinigten Staaten".

Am überzeugendsten sind, versucht man ein Fazit zu ziehen, die Kapitel über die amerikanische Außenpolitik gegenüber China und Taiwan, Japan und den beiden Teilen Koreas ausgefallen. Hier brilliert Johnson durch große Sachkenntnis. Diese Kapitel dokumentieren sehr anschaulich die Ignoranz der amerikanischen Politik gegenüber den kulturellen und ökonomischen Eigenarten der ostasiatischen Länder. Ob diese Bestandsaufnahme allerdings hinreichend für die These Johnsons ist, daß die Vereinigten Staaten an ihrer imperialen Machtüberdehnung scheitern werden, wie es nach der These des US-Historikers Paul Kennedy für alle großen Mächte der Fall war, wird die Zukunft zeigen müssen. Stefan Gellner