17.10.2021

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23.12.00 Die kontinentale Wertegemeinschaft und was aus ihr geworden ist

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Von Karl dem Großen bis zur EU
1200 Jahre deutsche und europäische Geschichte:
Die kontinentale Wertegemeinschaft und was aus ihr geworden ist
von JÜRGEN LIMINSKI

Weihnachten 2000 fällt mit einem europäischen Jubiläum zusammen. Vor 1200 Jahren wurde in Rom Karl der Große von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Diese Koinzidenz war für den Vatikan Anlaß, eine Ausstellung über das Werk des großen Karolingers zu veranstalten. Am vergangenen Samstag wurde sie mit einem Festakt unter Vorsitz von Kardinal Antonio Maria Javierre Ortas eröffnet. Papst Johannes Paul II. sandte der Festversammlung einen Brief, in dem er einige Gedanken äußerte über die Bedeutung des Reformwerks von Karl dem Großen auch für unsere Zeit und dieses Werk in Beziehung setzte zu den jüngsten Bemühungen der Europäer, eine neue Synthese ihrer Grundwerte zu schaffen.

Der große Beitrag, den Karl für die "Gestaltwerdung des Kontinentes geleistet hat", schreibt Johannes Paul II., "besteht in der großartigen Synthese zwischen der Kultur der klassischen, vorwiegend römischen Antike und den Kulturen der germanischen und keltischen Völker. Diese Synthese hat ihre Grundlage im Evangelium Jesu Christi. Denn Europas Einheit wurde nicht vom geographischen Standpunkt aus umschrieben. Nur durch die Annahme des christlichen Glaubens wurde Europa ein Kontinent. Diesem Kontinent gelang es über Jahrhunderte hinweg, seine Werte in fast alle Teile der Welt auszubreiten und so dem Wohl der Menschheit zu dienen". Indem Ideologen in Europa sich von Gott lossagten und "die christlichen Wurzeln vergessen wollten" kam es zu "Strömen von Blut und Tränen". Vor diesem Hintergrund sieht der Papst die "Mühe, die die Europäische Union auf sich nahm, um eine Charta der Grundrechte festzuschreiben", um an der Schwelle des dritten Jahrtausends "eine neue Synthese der Grundwerte zu schaffen". Aber er bedauert es ausdrücklich, daß "man in den Wortlaut der Charta nicht einmal einen Bezug auf Gott eingefügt hat. Doch in Gott liegt der höchste Quell der Würde der menschlichen Person und ihrer grundlegenden Rechte". Aus den unglücklichen Ereignissen, die über das zwanzigste Jahrhundert hereinbrachen, könne man schließen: "Die Rechte Gottes und des Menschen stehen oder fallen gemeinsam."

Der Gipfel von Nizza war wie eine vorweggenommene Bestätigung dieser Worte. Für die unverbindliche geistige Standortbestimmung Europas, die Verabschiedung der EU-Charta, brauchte man gerade mal eine halbe Stunde, bei der machtpolitischen Standortbestimmung dauerte es Tage, und wenn man es rückblickend genauer betrachtet, so ist bei diesem Punkt nicht viel herausgekommen. Man könnte diese Dramaturgie des längsten Gipfels der EU-Geschichte auch mit einem Wort des er- sten Bundespräsidenten Theodor Heuss umschreiben. Der meinte zur Identität Europas: "Von drei Hügeln ging Europa aus: von der Akropolis, dem Capitol und Golgotha", und er definierte damit Europa als das Ergebnis von hellenistischer Philosophie, römischem Rechtsdenken und christlichem Glauben. Soweit der erste Akt. Beim zweiten aber ging es um die Feldherrnhügel der Zukunft und die Frage, welcher Hügel darf etwas höher sein als der andere? Das Ergebnis: Die politische Landschaft der EU ist nun übersät mit lauter Maulwurfshügeln. Sie machen es schwer, das karolingische Erbe noch zu erkennen.

Das hat Europa eigentlich nicht verdient, und es ist sehr fraglich, ob das Parlament in Straßburg diese Maulwurfslandschaft akzeptiert oder nicht vielmehr verlangt, diverse Hügel einzuebnen. Der Nizza-Gipfel ist noch nicht zu ende, er wird vermutlich in Straßburg fortgesetzt. Der kühle Empfang, den die Abgeordneten dem EU-Ratspräsidenten Chirac ein paar Tage später bereiteten, läßt eine Vorahnung darüber aufkommen, daß es um Europa heute nicht gut bestellt ist. Und das hat auch damit zu tun, daß das wahre Erbe verkannt wird. Der Papst drückt das so aus: "Der Schutz der Rechte der Person und der Familie hätte mutiger ausfallen können. Mehr als berechtigt ist daher die Besorgnis, was den Schutz dieser Rechte anbelangt", und er nennt konkret die Abtreibung, "die fast überall legalisiert ist", die Euthanasie und die Gentechnologie, "die den Embryo nicht genügend als Menschen achten". In ungewöhnlicher Schärfe schreibt der Papst: "Es genügt nicht, die Würde der Person mit großen Worten zu beschwören, wenn man sie dann in den Vorschriften der juristischen Ordnung schwer verletzt".

Auf der Suche nach seiner Identität dürfe Europa nicht darauf verzichten, mit aller Kraft das kulturelle Erbe zurückzugewinnen, das von Karl dem Großen hinterlassen und mehr als tausend Jahre hindurch bewahrt worden sei. Vor dieser Mahnung nimmt sich das Geschachere in Nizza armselig aus. Noch unglücklicher erscheinen die Versuche, Nizza im nachhinein zum Erfolg zu erklären. Dabei war allen Beteiligten klar, daß der wirkliche Erfolg oder Durchbruch dieses Gipfels eigentlich nur einen Namen hatte: die Reform der Institutionen. Das war machtpolitisch das Eingemachte. In den entscheidenden Fragen der Reform – Stimmgewichtung im Rat, künftige Größe der Kommission und Ausweitung der Mehrheitsentscheidungen – wurde einiges ins Glas geträufelt, halbvoll ist es nicht geworden. So ist es eher leer geblieben. Aber das totale Scheitern wurde durch partielle Erfolge immerhin verhindert. Freilich könnte man sich fragen, ob es nicht klüger gewesen wäre, die Entscheidungen zu vertagen. Das komplizierte Abstimmungsverfahren erfreut wohl nur Mathematiker, eine europäische Lösung im Sinn von mehr Einheit und Integration ist es noch nicht. Vielleicht ergibt die Praxis eine Vereinfachung, aber dann auch nur bei den Fragen, die vom Veto-Recht nicht berührt sind. Unter dem Strich ist festzuhalten: Die Beharrungskräfte der Staaten und Nationen haben standgehalten, der Fortschritt in Richtung Einheit bleibt vorerst eine Hoffnung. Und die geistig-kulturelle Einheit, das eigentliche Fundament Europas, ist durch die Verabschiedung der Charta zwar nicht beschädigt, aber auch nicht befruchtet worden.

Jean Monnet, einer der geistigen Väter des neuen Europa, gibt den Europäern in seinen Erinnerungen folgenden Rat: "Diejenigen, die nichts unternehmen wollen, weil sie nicht sicher sind, daß die Dinge so laufen, wie sie es im voraus festgelegt haben, verdammen sich zur Immobilität ... Man muß seinen Weg Tag für Tag gehen, wesentlich ist dabei, ein so klares Ziel zu haben, daß man es nicht aus dem Blick verliert." Was war das Ziel der Europäer von Nizza? Sicher nicht die Einheit und Wertegemeinschaft des alten Kontinents. Man darf sogar vermuten, daß die Zielvorstellungen zu Europa erheblich zwischen Staatenbund und Bundesstaat, zwischen Binnenmarkt und Freihandelszone, zwischen Wertegemeinschaft und Währungsgemeinschaft divergieren. Nein, eine klare gemeinsame Vorstellung von Europa gibt es zur Zeit nicht, und deshalb konnte auf dem kleinen Hügel des Konferenzzentrums in Nizza auch nicht viel mehr herauskommen. So ist das mit der Macht und dem Willen zur Macht, wenn sie geteilt sind und nicht getragen werden von einem gemeinsamen Ziel.

Dieses Ziel kann nur der Mensch sein, seine geistige Verfassung. Hier liegt zu viel im argen. Wie immer erfüllte Johannes Paul II. die Rolle des Wächters, Mahners und Hoffnungspenders, als er die wissenschaftliche Initiative unter Leitung des Präsidenten des Päpstlichen Komites für Geschichtswissenschaften, Professor Walter Brandmüller, dem er namentlich dankte, als "wertvollen Beitrag" bezeichnete, "um jene Werte wiederzuentdecken, in denen die tiefere Seele Europas erkennbar wird". Ohne eine Belebung dieses Geistes des christlichen Humanismus dürfte es den Europäern schwerfallen, Erweiterung und Vertiefung des alten Kontinents sinnvoll anzugehen.