17.10.2021

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23.12.00 Wettstreit der Bäume – Eine weihnachtliche Erzählung von Amanda Pfeiffer

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Wettstreit der Bäume – Eine weihnachtliche Erzählung von Amanda Pfeiffer
von AMANDA PFEIFFER

Von drauß vom Walde komm ich her,/ich muß Euch sagen, man zeterte sehr, all überall gab es Streiterei, wer wohl der beste sei. - Nun aber genug der Reimerei ...

Doch tatsächlich: im Wald gab es einst eine lebhafte und laute Diskussion. Die Bäume stritten sich, wer unter ihnen der schönste, der beste, der nützlichste sei.

Die mächtige Eiche reckte sich hoch empor und sagte mit tiefer Stimme: "Seht mich an! Kein Zweifel, ich bin der mächtigste Baum hier im Wald. Meine Zweige reichen bis in den Himmel hinauf. Mein Stamm ist so gewaltig, daß vier starke Männer ihn kaum umfassen können. Ich biete den Menschen mit meinem breiten Blätterdach Schutz vor Regen und Sturm, und die Kinder können aus meinen Früchten die lustigsten Figuren basteln."

Da meldete sich ein Fruchtbaum, der durch einen gnädigen Zufall im Wald gewachsen war: ein Tier hatte, nachdem es die Frucht verzehrt hatte, den Stein mit den Samen achtlos liegen lassen, und nach einiger Zeit war ein zartes Pflänzchen daraus erwachsen. Nun aber hatte sich dieses Pflänzchen zu einem stattlichen Baum entwickelt.

Der Fruchtbaum blickte auf die Eiche und sagte ein wenig mitleidig: "Sicher bist du an Größe und Kraft nicht zu überbieten in diesem Wald. Aber bedenke, daß deine Früchte ziemlich nutzlos sind. Die Schweine und andere Tiere mögen sich daran laben, aber die Menschen kommen zu mir.

Bei mir finden sie, was ihr Herz begehrt. Meine Früchte sind süß und erfrischen sie nach einer langen Wanderung. Sie können sie ohne Mühe pflücken, reichen meine Zweige doch hinab bis auf den Erdboden. Deine Zweige hingegen recken sich hochmütig bis in den Himmel. Ich bereite den Menschen, den großen und den kleinen, eine besondere Freude."

"Papperlapapp", brummelte die Kiefer. "Ich bin es, die den Menschen wichtig ist. Aus meinem Holz können sie die herrlichsten Möbel zimmern. Außerdem bin ich das ganze Jahr über grün – nicht so wie ihr, die ihr eure Blätter jedes Jahr im Herbst verliert und sie dann mühsam im Frühjahr wieder sprießen lassen müßt. Freude? Was ist schon Freude? Nützlich muß man sein heutzutage!"

"Aber Freude ist doch wichtig – gerade heute. Schaut doch nur, wie die Menschen durch unseren Wald wandern oder joggen. Richtig verbissen sehen sie aus manchmal. Freude, das ist es, was ich den Menschen alle Jahre wieder beschere!" meldete sich da ein kleiner Tannenbaum.

Man konnte ihn kaum entdecken, so sehr versteckte er sich hinter seinen großen Gefährten. Die beugten sich erstaunt zu ihm herab und blickten ihn an, als wollten sie sagen: Was willst du denn, du Zwerg!

"Ja schaut nur, es kommt nicht immer auf die Größe an", sagte da der kleine Tannenbaum. "Meine Schwestern und Brüder haben sich eins vorgenommen: Jedes Jahr zu Weihnachten wollen sie – ganz gleich ob groß oder klein – die Menschen erfreuen. Sie wollen den harzigen Duft mit in ihre Häuser bringen, wollen sich schmücken lassen mit allerlei Glitzerzeug und süßen Leckereien. Und dann sitzen die Menschen ihnen zu Füßen, singen schöne Lieder oder erzählen sich Geschichten. Überall sieht man leuchtende Augen und frohe Gesichter. Und vielleicht erzählen sie sich an solch einem Abend auch davon, wie einst die Bäume sich stritten, wer denn der schönste sei unter ihnen."