17.10.2021

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23.12.00 Eine unwirklich schöne Kulisse: Im Flug über das Samland

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Eine unwirklich schöne Kulisse: Im Flug über das Samland
von Peer Schmidt-Walther

Neugierde und Heimweh treiben sie ins nördliche Ostpreußen, ins Königsberger Gebiet – abgeschnitten vom Rest des Landes. Sie, das sind Passagiere des Passagierschiffes "Akademik Sergej Vavilov": "1988 in Finnland gebaut, 6231 Bruttoregistertonnen groß, 107 Meter lang, 18,2 Meter breit, 45 Besatzungsmitglieder für 75 Passagiere. Im Frühjahr und Sommer legt das schmucke Schiff von Lübeck-Travemünde aus zu einwöchigen Törns nach Königsberg ab. Das Forschungsschiff wurde zum komfortablen Kreuzfahrer mit Restaurant, Bar, Sauna und Pool umgerüstet.

Am übernächsten Morgen erste Blicke auf Frische Nehrung und Samlandküste. Nach 32 Stunden Seefahrt kommt vor Pillau der Lotse an Bord. Er bringt das Schiff in vierstündiger Fahrt durch den Seekanal nach Königsberg: vorbei an landseitig abgeschirmten Marineanlagen mit Kriegsschiffen aller Art (gute Fotogelegenheit für Fans der grauen Dampfer), Wracks, rostigen Fischereifahrzeugen, Werften, Fabriken und backsteinernen Speichern aus deutscher Zeit. Dann die "Skyline" Königsbergs aus sozialistischen Plattenbauten. Zoll-, Visa- und Paßkontrolle ganz genau.

Ausflugsziele in Königsberg werden organisiert oder können selbst geplant werden: per Taxi, Bahn – oder sogar Hubschrauber. In die Lüfte mit "Balt Aero". Nach der obligaten Stadtrundfahrt schaukelt uns der Ikarus-(!)-Bus am Nachmittag durch die nordöstlichen Vororte nach Königsberg-Devau. Abgestellte Antonov-Doppeldecker und zwei abgewrackte MiG-Jagdflugzeuge signalisieren "Flugplatz". Die Piste grasüberwuchert. Kühe weiden ungestört darauf. Die blau-weiße Mi-8 vor uns, ehemals Aeroflot-zugehörig wie alles fliegende Gerät, ist heute privatisiert. Ihre Piloten, gleichzeitig Gesellschafter, haben den devisenträchtigen Zug der Zeit schnell erkannt.

Sitzanordnung wie in einem Passagierflugzeug. Ich erwische einen Platz am Kunststoffenster, das man sogar öffnen kann. Die Chance für kratzer- und verzerrungslose Luftaufnahmen. Der Rotor peitscht das Flugplatzgras und nebenan die Kleingartenidylle. Im großen Bogen schwenkt der Pilot über Königsberg. "Viel ist von unserer alten deutschen Stadt ja nicht übriggeblieben", brüllt mir Siegfried zu, der da tief unten seine alte Straße ausfindig zu machen versucht. Die alliierten Bomberverbände haben 1945 hier "gründlich aufgeräumt". Was blieb, sind Ruinen wie der Dom und weite Freiflächen. Wo einst architektonisch reizvolle Bürgerhäuser standen, ziehen sich gesichtslos-häßliche Plattenbauten am Pregelufer entlang. Die frühere Schönheit von Königsberg läßt sich nur noch erahnen an einigen stehengebliebenen Gebäuden wie beispielsweise der Börse. Später behauptet mein Sitznachbar Kurt: "Als die Rote Armee einmarschierte, hatten die Kommandeure zuvor die Villen verschont, denn die wollten sie ja für sich."

Über das stark verschmutzte Frische Haff, den engen Seekanal zwischen Ostsee und Königsberg knattern wir weiter stadtwärts. Unter uns spielzeugklein die "Vavilov" im Handelshafen. Sie besticht gegenüber den übrigen Rostdampfern durch ihr makelloses Weiß.

Wie an einem Ariadne-Faden hangelt sich die Mi-8 über der ehemaligen Reichsstraße 143 nach Nordosten. Für mich eine optimale Orientierungslinie, zusammen mit einer 300 000er Generalstabskarte aus der Vorkriegszeit. In zügigem ICE-Tempo gleiten wir über das Samland. Meine Fensterluke ist geöffnet. Teppiche weiten Wald- und Wiesenlandes breiten sich aus – bis hin zur Ostsee, die als schmales blaues Band schon auszumachen ist. Nur vereinzelt größere Gehöfte, Güter mit Herrenhäusern – Relikten aus deutscher Zeit. Aus 200 bis 300 Meter Höhe sieht alles recht propper aus, doch wehe man kommt näher …

Schlenker von der 143 nach Westen auf Palmnicken zu: eine riesige graue Tagebaugrube an der Küste – das größte Bernsteinwerk der Welt. Aus dem tiefen Loch wird das ostpreußische Gold vor allem zu industriellen Zwecken wie Chemie und Farbe gegraben. Kraxtepellen, Kreis Samland – ein Ortsname, der einige von uns zum Lachen reizt – kenne ich aus den Erzählungen von Siegfried Lenz. Das Nordkap des Samlandes, Brüsterort, bleibt weit an Backbord im Dunst. Parallel zur Küste schrauben wir uns Rauschen entgegen. Nicht enden wollender Strand und Steilküste in Augenhöhe. Wanderern kann ich zuwinken. Manch einer reagiert mit Verzögerung – anscheinend erstaunt über den Arm, der sich da aus der Maschine reckt.

Plötzlich packt der Luftzug meinen Kopfhörer. Der Fahrtwind reißt ihn mit. Zum Glück ist das Gerät an der Decke befestigt. Schreck in der Nachmittagsstunde. Die Villen zeugen vom verblichenen Charme des vormals mondänen Seebades. Mit ihrer Brandung wütet die See gegen ein Fischdampferwrack. Seebad Cranz kommt auch schon in Sicht. Schneller Vorbeiflug neben der Promenade über Strand und See. Für ein paar Augen-Blicke reicht’s zunächst. Per Taxi sollen die vorbeihuschenden Eindrücke am nächsten Tag vertieft werden.

Hinter Cranz nur noch Wald, menschenleer. Der Pilot präsentiert uns die Kurische Nehrung, dreht über das Haff mit seinem dichten Schilfsaum. Seeseitig Traumstrände, die zum Baden herausfordern. Kaum daran gedacht, setzt die Maschine neben dem Steilufer auch schon zur Landung an. Aussteigen zum Wandern und Baden, wer Lust hat. Durch ein lichtes Birkenwäldchen geht’s an den Strand, auf den die Brandung nordseereif donnert. Runter mit den Sachen und textilfrei hinein in die Wellen. Die Wald-Steilufer-Strand-Kulisse erscheint fast unwirklich schön, vor allem unzerstört und nicht verbaut. So exklusiv – per Heli – bin ich auch noch nicht Baden gewesen. Eine russische Familie, von dem Spektakel angelockt, lädt uns mit großer Herzlichkeit zum Grillen ein. Immer wieder beeindruckend, die Gastfreundschaft dieser armen Menschen!

25 Minuten braucht die Mi-8 von unserer Nehrungsbadestelle bis nach Königsberg. Lässig überholen wir unterwegs einen Breitspur-Personenzug. Die Flugplatz-Kühe galoppieren wieder panikartig davon. Wir dagegen wären gern noch länger geblieben. Ein herrliches Fleckchen Erde, trotz der nicht zu übersehenden Spuren sozialistischer Mißwirtschaft.

Die zwei Stunden über Ostpreußen sind (wie) im Fluge vergangen.