17.10.2021

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23.12.00 Ostpreußen-Seminar erkundete neben Memel auch Litauen und Lettland

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Ostpreußen-Seminar erkundete neben Memel auch Litauen und Lettland
Blick über den Tellerrand

Einen Blick über den Tellerrand – sprich die ostpreußischen Landesgrenzen – wagte die Landesgruppe Nordrhein-Westfalen auch bei ihrem Ostpreußen-Seminar 2000. Wurde bei den vorausgegangenen sieben Reisen bereits polnisches und litauisches Territorium beschnuppert, wollte man sich in diesem Jahr noch ein wenig weiter gen Osten wagen und auch auf den deutschen Spuren in Lettland wandeln. Doch zunächst hieß es, Station in Memel zu machen, denn ein Ostpreußen-Seminar ohne Ostpreußen ...? Nein, das nun doch nicht! Indiz dafür, daß die von Alfred Nehrenheim, Bundesschatzmeister der Landsmannschaft Ostpreußen, organisierten und von Volker Schmidt, ehemals Kulturreferent der LO, geleiteten Fahrten längst (zum Leidwesen vieler, die den Sprung von der Warteliste nicht geschafft haben) kein Geheimtip mehr sind, war der starke Teilnehmerzuspruch, lange bevor die Reiseplanungen überhaupt abgeschlossen waren.

Nach den guten Erfahrungen der "Stammbesetzung" vor zwei Jahren, als es erstmals mit der Lithuanian-Airlines von Frankfurt/Main nach Wilna ging, gab es diesmal keine Befürchtungen, den Flieger zu besteigen. Das Vertrauen wurde belohnt: Start, Flug und Landung erwiesen sich wiederum als problemlos. Auch beim abendlichen Einchecken in den Memeler Hotels "Godune" und "Lugne" gab es keine unangenehmen Überraschungen: Dem Unternehmen Memel, Litauen und Lettland stand nichts mehr im Wege. Doch bevor man in die Ferne schweifte, wollte zunächst die Stadt Memel selbst, die ihre Einwohnerzahl seit dem Kriege nahezu verfünffacht hat und mittlerweile gut 200 000 Einwohner zählt, erkundet werden. Über den neu gestalteten Theaterplatz mit dem Ännchen-Brunnen und einer kurzen Stippvisite in der Altstadt fand Volker Schmidt (welch Wunder?) als Archäologe schnell den Weg zur Mümmelburg oder, besser, zu dem, was davon übriggeblieben ist und jetzt in äußerst mühevoller und zeitraubender Kleinarbeit wieder zu Tage gebracht wird. Vor fünf Jahren stand man schon einmal hier, doch wirklich großartige Fortschritte konnte wohl auch das geübte Auge nicht ausmachen. Die sich anschließende Visite im Simon-Dach-Haus hinterließ da schon einen hoffnungsfroheren Eindruck; Kompliment an den Deutschen Verein, der hier ein rege besuchtes Zentrum deutsch-litauischer Begegnung geschaffen hat. Viel hatte man an diesem Tag gesehen, doch das Programm entließ die Teilnehmer noch nicht zum wohlverdienten "Feierabendbier". Auch der Kunst wurde als Novum in diesem Jahr mit dem Besuch eines Klavierkonzerts zum Thema "Bach und Leipzig in Klaipeda" in der Universität Memel gefrönt.

Zu einer echten Geduldsprobe entwickelte sich am nächsten Tag das erstmalige Überschreiten der litauisch-lettischen Grenze bei Mazeikiai, die man über Kröttingen und das Findlingsdorf Mosedis, in dessen "Museum der Steine" über 5000 Findlinge rund um die Wassermühle ausgestellt sind, erreichte. Argwöhnisch bewacht von den Grenzbeamten verharrte man geschlagene zweieinhalb Stunden mehr oder weniger auf einem Fleck, bevor sich der Schlagbaum öffnete. An einer Überlastung des Personals kann es wohl kaum gelegen haben, da gerade einmal zwei Fahrradfahrer in der gesamten Zeit ebenfalls Einlaß ins Nachbarland begehrten. Eine zweite neue Erfahrung folgte auf dem Fuß: Um weitere zeitliche Verzögerungen bei den Banken zu vermeiden, übernahm Alfred Nehrenheim das Geldwechseln. Doch beim Nachzählen kam manch einer ins Grübeln: nur fünf lettische Lat für 20 DM? Kann man einem Schatzmeister der Landsmannschaft Ostpreußen eigentlich wirklich trauen? Trotz der Zweifel: Alles hatte seine Richtigkeit: Man befand sich, wie leidvoll festgestellt werden mußte, in einem "Hochpreisland"; billige Urlaube im Baltikum gehören wohl endgültig der Vergangenheit an.

Nach dem ersten Staunen genoß man dann aber doch die Eindrücke in Priekule mit dem Anwesen und Erbbegräbnis der Familie von Korff, in Embute, einem der schönsten und interessantesten Orte im Kurland mit den Ruinen der Ordenskirche und der Bischofsburg, im deutschen Kolonistenort Rudbarzi wie auch in Katzdangen mit dem Schloß des Barons von Manteuffel; vor allem aber in einer der ältesten Städte Lettlands, Hasenpoth. Vom 13. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war die Hansestadt Sitz des Domkapitels des kurländischen Bistums und bis zum 17. Jahrhundert ein wichtiges Handelszentrum mit Seehafen, der jedoch versandete.

Ein Aufenthalt im Memelland ohne Besuch der Kurischen Nehrung? Nein, das hätte selbst Volker Schmidt seinen Leuten nicht antun können. Und auch das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Klapperten ziemlich genau vor zwei Jahren zur gleichen Jahreszeit in einem ungeheizten Hotel in Marijampole vor Kälte noch die Zähne, entledigte man sich nun flink seines Schuhwerks und stapfte barfuß über die herrlichen Dünen zum Wasser. Doch wärmende Sonnenstrahlen und ein erfrischendes Fußbad reichten einem Reiseteilnehmer nicht aus: Schwups, zog er seine Bahnen in der Ostsee – ganz so wie ihn der liebe Gott geschaffen hat. Auch Volker Schmidt zeigte sich hier von einer ganz anderen Seite. Redselig erzählte er – sonst ganz der sachliche Historiker – von persönlichen Erlebnissen: Familie Schmidt, einschließlich ihres Mopses, auf der Kurischen Nehrung umringt von frei laufenden, aber doch friedfertigen Wildschweinen, die als Wegezoll Futter verlangten ... (Wer’s glaubt ...!). Letztlich wurde vom Strand Abschied genommen, schließlich war man ja nicht nur zur Erholung da.

Das Thomas-Mann-Haus in Nidden wartete schon auf die Besucher, und – als hätte man sie bestellt – eine echte Überraschung: Quasi als lebendiger Geschichtsunterricht saß Prof. Frido Mann, Enkel des Literaten, auf der Terrasse und überarbeitete ein Manuskript. Im Lichte der Abenddämmerung wurde die Rückfahrt angetreten. Doch was war das? Große Steine auf der Straße? Nein, leibhaftig stand da die von Volker Schmidt beschriebene Familie Wildschwein und wartete auf Entlohnung. Also wurden schnell die letzten Brot- und Kuchenreste zusammengesammelt und den Wegelagerern durch die geöffnete Bustür dargeboten. Zufrieden grunzend machten die "Streichelschweine" daraufhin den Weg frei. Tags darauf wurde Memel mit Ziel Wenden/Lettland verlassen. 17 Kilometer nördlich von Schaulen ein erster Zwischenstop am litauischen Wallfahrtsort, dem Berg der Kreuze. Tausende von Kreuzen der unterschiedlichsten Materialien symbolisieren hier den Unabhängigkeitswillen wie auch die Volksfrömmigkeit der Litauer. Vermutlich stand an dieser Stelle im 14. Jahrhundert eine Holzburg. Das massenweise Aufstellen von Kreuzen begann nach den Aufständen von 1831 und 1863 zu Ehren der Opfer. Von der sowjetischen Besatzungsmacht seit 1961 immer wieder vernichtet, lebte der Kreuzberg nach jeder Zerstörung wieder auf.

Am 7. September 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. den Berg der Kreuze und segnete von hier aus Litauen und ganz Europa. Vom Anblick der mindestens 50 000 Kreuze förmlich erschlagen, ging es – nach einem diesmal zügigen Grenzübertritt – weiter zum Schloß Ruhenthal, in der Nähe von Bauske gelegen. Das größte und vollkommenste Barockensemble in Lettland, errichtet nach französischem Vorbild in den Jahren 1735 bis 1769, entstand als Sommerresidenz für Ernst Johann Biron, Günstling der Zarin Anna Iwanowna und nachmaliger Herzog von Kurland. 1795 schenkte Katharina II. das Schloß ihrem "Favoriten" (Geliebten?) Graf Subow, später ging es in den Besitz der Grafen Schuwalow über. Seit 1972 wird das Schloß, das im Ersten Weltkrieg als deutsches Lazarett diente, stetig restauriert und zeigt sich heute fast in altem Glanze. Ein Besuch kann – trotz des hohen Eintrittspreises – uneingeschränkt empfohlen werden.

Als Nobelherberge herausgeputzt ist das unweit entfernt gelegene Schloß Mesothen, das um 1800 für Fürst Lieven im klassizistischen Stil erbaut wurde. Das 1944 teilweise zerstörte Schloß wurde bereits in den siebziger Jahren restauriert und diente lange Zeit als Jugendherberge. Darf man den Mitreisenden, die es bis ins Innere des nunmehrigen Hotels geschafft haben, glauben, ist die Bezeichnung Luxushotel nicht übertrieben. Alle anderen begnügten sich mit einem Spaziergang durch den gepflegten Park, in dem am Flußufer eine Grabstätte aus dem Ersten Weltkrieg mit der deutschen Inschrift "Hier ruhen 7 tapfere Russen, Aug. 1915" steht.

Nachdem man mit dem "Cesis" in Wenden, eine der ältesten und dank ihrer Altstadt mit der Johanneskirche und der Burgruine wie auch dem Neuen Schloß schönsten Städte Lettlands, ein durchaus ansprechendes Hotel gefunden hatte, konnte das Abenteuer Riga, Hauptstadt Lettlands und größte Stadt des Baltikums, in Angriff genommen werden. Unübersehbar sind in der Hansestadt die Spuren und Hinterlassenschaften der jahrhundertelangen Anwesenheit der Deutschen, die die Stadt als Bischöfe, Ordensmeister, Bürgermeister und Kaufleute beherrschten. Ende des 18. Jahrhunderts waren 46 Prozent der Einwohner Deutsche und auch 1930 waren es immerhin 13 Prozent. Überwältigende Bauten hat auch der Jugendstil hinterlassen, was Volker Schmidt veranlaßte, Riga als "kleine Schwester Hamburgs" zu bezeichnen. Die Begeisterung über die zweifellos faszinierende Stadt an der Düna bekam allerdings einen nicht unerheblichen Dämpfer: Fast unbemerkt wurde einer Mitreisenden im Stadtzentrum die Handtasche samt Papieren entwendet, und spätestens nachdem eine weitere Mitreisende an der Kasse eines Schnellrestaurants in ihrer Manteltasche eine fremde Hand spürte, war das Maß voll. Auch beim erneuten Besuch am Folgetag konnten diese Erlebnisse nicht so recht abgeschüttelt werden, und so war man größtenteils mehr mit der Sicherung seines Eigentums als dem Genießen der Sehenswürdigkeiten beschäftigt. Schade!

Von dem Schrecken erholen konnte sich die 44köpfige Reisegruppe beim Besuch im Gasthaus von Dunte, wo ein kleines Museum an den "Lügenbaron Münchhausen" erinnert, wie auch bei der abschließenden Fahrt durchs Memelland. Eine deutsche Bäckerei in Kinten, die Vogelfangstation in Windenburg am Kurischen Haff, das idyllische Moorhufendorf Minge, das herrlich im Delta der Memel liegende Städtchen Ruß, Matzicken mit dem Hermann-Sudermann-Museum sowie Heydekrug vermittelten nochmals unvergeßliche Eindrücke oder waren – mit Volker Schmidts Worten ausgedrückt – wie "Buttercremetorte mit Schlagsahne und mit Baumkuchen unterfüttert". B. G. / M. M.

Wer mehr über das Baltikum erfahren möchte, dem sei der ausführliche Baedecker Allianz-Reiseführer Baltikum (mit großer Reisekarte) empfohlen. ISBN 3-87504-566-1, 39, 80 DM.