17.10.2021

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30.12.00 Die Fratze des "Fortschritts"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Dezember 2000


Klonen von Menschen:
Die Fratze des "Fortschritts"
Wie die Folge einer verqueren Ideologie deren eigene Anhänger überrollt

Haben wir den Rubikon endgültig überschritten? Die britische Entscheidung, das Klonen von bis zu zwei Wochen alten menschlichen Embryonen zu erlauben, ließ wohl den meisten von uns den Schreck in die Glieder fahren.

Die Gegner jenes umstrittenen Fortschritts stammen aus sehr unterschiedlichen Lagern, die sich in anderen, den Umgang mit menschlichem Leben betreffenden Fragen geradezu feindselig gegenüberstehen. Den nachhaltigsten Widerstand üben die religiös Motivierten: Der Mensch dürfe nicht gleichsam Gott spielen und sich selbst erschaffen.

Andere, profanere Kritik kommt indes aus Kreisen, deren Empörung eher reflexhaft erscheint. Abermals geht es um die Verhinderung einer Zukunftstechnologie, wie es scheint. Denn dieselben Gruppierungen gingen bereits – man mag es kaum noch glauben – vor Jahren gegen den Computer in Stellung, weil dieser Arbeitsplätze vernichte. Oder gegen die Raumfahrt, weil die ja nur Geld koste und nichts einbringe. Beides hat sich als barer Unsinn erwiesen. Der Protest ist längst verhallt, der angelernte Alarmismus aber blieb. Und so geht es jetzt gegen Genmanipulation, bei Menschen ebenso wie bei Mais.

Was den Sturmlauf gerade linker Gruppen gegen die britische Entscheidung so unglaubhaft macht, ist deren sehr selektive Ansicht zum Thema Schutz menschlichen Lebens. Was soll man davon halten, daß hier Demonstranten gegen das Klonen zweiwöchiger Embryonen trompeten, die gleichzeitig fanatisch dafür kämpfen, daß derselbe werdende Mensch noch Monate später abgetrieben werden darf, so die Mutter es nur wünscht ("Mein Bauch gehört mir!")?

Die Befürworter des Klonens menschlicher Stammzellen führen phantastische neue Möglichkeiten in der Heilung schlimmer Krankheiten an. Die sind allerdings noch umstritten. Überdies wird gewarnt, es ändere global gar nichts, wenn Deutschland sich der neuen Technik verschließe. Nur daß wir abermals den Anschluß verpaßten, kluge Köpfe der deutschen Forschung ins Ausland abwanderten wie schon so oft.

Indes: Forschung ist in aller Regel nur dann wirtschaftlich reizvoll, wenn sich die Ergebnisse anschließend patentieren, also vor ungebetener Nachahmung schützen lassen. Genau dies ist in der EU aber verboten: Menschliche Gene sind (bislang) nicht patentierbar.

Doch an der ethischen Dimension ändert das alles nicht das geringste: Menschliche Organe sollen als Ersatzteile oder Versuchsobjekte produziert werden. Zur "Herstellung" kompletter genetisch gleicher Menschen ist es da nur noch ein kurzer Schritt. Oder zur Schaffung grotesker Mischwesen, dumpfer, menschenähnlicher Kampfmaschinen etwa.

Dem platten Argument, man könne sich dem "Fortschritt" sowieso nicht in den Weg stellen, darf nicht alles einfach untergeordnet werden. Wie Konservative wissen, gibt es "Fortschritt" als immerwährende Verbesserung unseres Lebens sowieso nicht. Eher schon gleicht die Entwicklung der Menschheit einer Wanderdüne, die hinten ungefähr ebensoviel an Altem verliert wie sie vorn an Neuem hinzugewinnt. Und es ist mehr als fraglich, ob der Zugewinn an medizinischer Fertigkeit durch das Klonen menschlicher Stammzellen den gewaltigen Verlust an bewährten ethischen Werten jemals wird rechtfertigen können.

Die Debatte über jene unheilschwangere Botschaft aus England sollte nicht im Detail steckenbleiben, denn sie ist nur ein Aspekt einer viel größeren, weit tiefergehenden Misere. Im Glauben an den "Fortschritt", ja an die Notwendigkeit, daß Altes schon deshalb weg muß, weil es schon so lange da ist, ging unser Blick, unser Empfinden für den tagtäglichen Verlust fast gänzlich verloren.

In kaum einem Jahrhundert wurde so lustvoll Hergebrachtes sinnlos vernichtet wie im abgelaufenen – und wie es scheint, in keinem Land des Globus derart radikal wie in Deutschland. Ganz wie Bertolt Brecht es forderte: "Lieber das schlechte Neue als das gute Alte!"

So wurde abgeräumt und planiert unter der herrischen Phrase, das Hergebrachte sei eben nicht mehr "zeitgemäß". Dieses Niederwalzen umfaßte alle Bereiche und dringt nun – beinahe zwangsläufig – in den Kern unserer ethischen Fundamente vor: den Respekt vor dem menschlichen Leben, seiner göttlichen Abkunft und Einmaligkeit.

Viele, die jetzt entsetzt aufschreien, müssen sich fragen lassen, wie lange sie eben diesen Prozeß lustvoll, ja aggressiv vorangetrieben haben, vor dessen schauriger Konsequenz sie jetzt erstarren. Hans Heckel