17.10.2021

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30.12.00 Aderlaß seit 1991 von rund 25 Prozent

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Dezember 2000


Gewerkschaften:
Aderlaß seit 1991 von rund 25 Prozent
Insbesondere jüngere Arbeitnehmer sehen ihre Interessen durch den DGB nicht mehr vertreten

Die deutschen Gewerkschaften befinden sich in der größten Krise seit ihrem Bestehen. Der Grund: Immer weniger Arbeitnehmer fühlen sich bei den gewerkschaftlichen Organisationen gut aufgehoben und treten aus. Nur noch jeder vierte Beschäftigte in Deutschland ist heute noch gewerkschaftlich organisiert. Seit 1991 haben die deutschen Arbeitnehmerorganisationen einen Aderlaß von rund 25 Prozent zu verzeichnen. Das Interesse der deutschen Beschäftigten, sich von den Gewerkschaften einbinden zu lassen, scheitert zunehmend an der Konzept- und Ideenlosigkeit der Gewerkschaftsfunktionäre. Denn: In der Arbeitnehmerschaft finden billige Polemik und das Herunterbeten ausgeleierter Kampfparolen kaum noch Widerhall.

Es kann nicht mehr länger verdrängt werden: Seit Jahren leiden die  deutschen Gewerkschaften an Auszehrung, denn ihr Mitgliederschwund ist beträchtlich. So ging von 1991 bis 1998 die Zahl der in deutschen Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer von 13,75 auf 10,28 Millionen zurück. Der Anteil der Beschäftigten, die Mitglied einer Gewerkschaft sind, sank somit von 40,6 auf 32,2 Prozent. Die größte Einbuße unter allen gewerkschaftlichen Organisationen hatte dabei der  Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zu verzeichnen, dessen Mitgliederzahl um rund ein Drittel von 11,8 auf 8,3 Millionen sank. Es folgte die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG), die rund ein Sechstel ihrer Mitglieder verlor und deren Zahl auf 480 000 zurückging. Lediglich der Christliche Gewerkschaftsbund steht seit Jahren unverändert bei rund 300 000 Mitgliedern, während sich der Deutsche Beamtenbund seit 1991 um rund 130 000 auf 1,2 Millionen Mitglieder verstärken konnte. Damit fiel insgesamt der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Deutschland von 1991 bis 1998 von fast 41 auf nur noch 32 Prozent.

Bei den sinkenden Mitgliederzahlen der deutschen Gewerkschaften fällt insbesondere der dramatische Schwund von Mitgliedern beim DGB auf. So zählten die zwölf DGB-Gewerkschaften Ende 1999 nur noch 8,02 Millionen Mitglieder und liegen somit im negativen Dauertrend der Jahre zuvor. Wie kaum einer anderen Organisation schlagen bei den DGB-Gewerkschaften zunehmend  die dramatischen Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesamtverhältnisse durch. Dem DGB macht dabei die abnehmende Bereitschaft der Arbeitnehmer, sich gewerkschaftlich zu binden, schwer zu schaffen. Insbesondere das fortlaufende Abbröckeln der Mitgliedschaft bringt den "harten Gewerkschaftskern" des DGB immer mehr zum Schmelzen und schwächt die Gewerkschaftskassen. Dabei ist augenscheinlich, daß die Gewerkschaften zunehmend Schwierigkeiten haben, neu ins Erwerbsleben Eintretende zu gewinnen. Denn immer mehr junge Arbeitnehmer wollen von einer gewerkschaftlichen Mitgliedschaft nichts wissen. Beweis: Der Anteil der unter 25jährigen Gewerkschaftler ist seit 1991 allein bei den DGB-Gewerkschaften um über 50 Prozent gesunken.

Man sollte wissen: Wer heute in Deutschland noch Mitglied einer Gewerkschaft ist, kann nur hoffen, arbeitnehmerfreundlich vertreten zu werden. Den Funktionären der Gewerkschaften gelingt es immer weniger, Antworten auf die Fragen zu finden, die sich für die gewerkschaftliche Vertretung von Arbeitnehmerinteressen stellen. Kein Wunder, denn der Apparat der deutschen Gewerkschaften ist nicht nur schwerfällig und unbeweglich geworden – auch das politische Engagement der Gewerkschaftsfunktionäre in den Parteien und politischen Organisationen ist von einer hochgradigen politischen Abhängigkeit geprägt. Da die parteiliche Einbindung der gewerkschaftlichen Kader nicht ohne Einfluß auf die "Gewerkschaftspolitik" bleibt, betrachten immer mehr Arbeitnehmer die Gewerkschaften nicht mehr als unabhängige Interessenvertretungen und verlassen die Gewerkschaften.

Und in der Tat: Die Arbeit der Gewerkschaften wird weitgehend von der SPD bestimmt, zumal auch nahezu alle Funktionäre der DGB-Einzelgewerkschaften SPD-Mitglieder sind. Während die gewerkschaftlichen Basis-Funktionäre ausschließlich auf unterer Ebene parteipolitisch agieren, sitzen inzwischen nicht wenige Gewerkschaftsfunktionäre als SPD-Abgeordnete im Deutschen Bundestag und vertreten mehr oder weniger die Politik der rot-grünen Regierung. So sind vier von fünf SPD-Bundestagsabgeordneten im DGB, und satte 238 der 298 SPD-Parlamentarier zahlen Beiträge an eine Mitgliedsgewerkschaft des DGB. Aber auch die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) und die Behördengewerkschaften des Deutschen Beamtenbundes (DBB) werden von SPD-Abgeordneten gefördert, die einen Sitz im Deutschen Bundestag haben. Es ist offensichtlich: Die deutschen Gewerkschaften – insbesondere die des DGB – haben sich von ihrer Unabhängigkeit weitgehend verabschiedet.

Für die kommenden Jahre kündigen sich enorme Macht- und Mitgliederverluste bei den deutschen Gewerkschaften an. Insbesondere die vom DGB beabsichtigte Gründung der künftigen "Super-Gewerkschaft ver.di" sorgt bei den noch organisierten Gewerkschaftsmitgliedern für große Unruhe. Viele Gewerkschaftler sind empört darüber, daß ihre eigenständigen Organisationen aufgelöst werden sollen. Die Arbeitnehmer fürchten, daß schon wegen der Verschiedenartigkeit der in ihr vertretenen Arbeitnehmerinteressen "ver.di" keine wirksame und schlagkräftige Gewerkschaft werden könne. Georg Bensch