28.10.2021

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30.12.00 Wilfried Böhm über Grundfragen des auslaufenden Jahrhunderts

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Dezember 2000


Gedanken zur Zeit:
Der Adler braucht zwei Flügel ...
Wilfried Böhm über Grundfragen des auslaufenden Jahrhunderts

Das in diesen Tagen zu Ende gehende zwanzigste Jahrhundert wurde von den schrecklichen Folgen totalitärer sozialistischer Ideologien geprägt, deren Ursprung das unheilvolle Wirken des Kommunisten Karl Marx oder Reaktionen darauf waren. Der Mythos Marx und der Marx-Kult waren Herrschaftsinstumente der Kommunisten nach Lenins tumbem Motto: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist." Das "Schwarzbuch des Kommunismus" zeigt die grausige Bilanz dieser Ideologie auf. In vergleichbarer Weise, einander bedingend und in unheilvoller geistiger Verwandtschaft erhob auch der Nationalsozialismus einen Alleinvertretungsanspruch auf die Lebensgestaltung der Menschen, der in der Vernichtung vieler Millionen Menschenleben endete. Beide Totalitarismen standen gegen Europas Kultur, gegen christliche und sokratische Traditionen, gegen Freiheit und Ordnung in abendländischer Überlieferung.

Der Sozialdemokrat Otto Wels erkannte schon 1924, "daß Bolschewismus und Faschismus ein Hexensabbat zweier angeblich spinnefeindlicher, in Wahrheit aber Hand in Hand arbeitender Parteien" seien. Kurt Schumacher, der unvergessene Vorsitzende der SPD, nannte 1946 die Kommunisten "rotlackierte Nazis". Mit Haß und Gewalt hatten Kommunisten und Nationalsozialisten die Weimarer Republik zerstört, beide unter der roten Fahne, die einen zeigten darauf Hammer und Sicher, die anderen das Hakenkreuz. Die Freiheit unterlag dem Sozialismus.

In ihrem Kampf gegen die Freiheit fanden und finden die Kommunisten immer wieder viele "nützliche Idioten", die mit ihnen kollaborieren. Albert Camus listete schon in seinem "Tagebuch 1951 bis 1959" auf, was solche Kollaborateure gutheißen, verschweigen oder für unvermeidlich halten: die physische Vernichtung der russischen Bauernklasse, Millionen Insassen von Konzentrationslagern, politische Entführungen, beinahe tägliche Hinrichtungen hinter dem Eisernen Vorgang, Antisemitismus, Dummheit, Grausamkeit. Camus schließt: "Die Liste ist nicht vollständig. Aber es genügt mir." Hinzuzufügen ist heute auf Deutschland bezogen: Über vierzig Jahre SED-Terror durch Stasi-Herrschaft und Politjustiz, Mauerbau mit vielen Toten und Freiheitsberaubung sowie Zerstörung der Lebenschancen von Millionen deutscher Menschen. Das alles geschah im Zeichen des "Antifaschismus".

Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wurde der "Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt" nur durch das Bündnis "des Westens" verhindert, das den Kommunisten das Risiko eines dritten Weltkrieges als zu groß erscheinen ließ. Die Bundesrepublik Deutschland leistete zur Bewahrung des Friedens und zur Erhaltung der Freiheit einen entscheidenden Beitrag. Diesmal siegte die Freiheit über den Sozialismus.

Der russische Dissident Wladimir Bukowski hat unlängst darauf hingewiesen, daß in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Kommunisten ihre schon früher praktizierte Politik scheinbarer Annäherung an die Sozialdemokraten systematisch betrieben. "Wandel durch Annäherung" wurde zu einer durchaus populären Politik, bei deren Praktizierung für die Kommunisten die Schwächung der Verteidigungsbereitschaft des Westens das hauptsächliche Ziel war. Die "faschistische" Bundesrepublik galt als "Friedensfeind", gegen die der "antifaschistische" Kampf geführt wurde. So nutzten zu allen Zeiten die Kommunisten systematisch den "Antifaschismus" als Herrschafts- und Agitationsinstrument. Heute, nach ihrem weltweiten moralischen, wirtschaftlichen und politischen Desaster, ist er für sie das Instrument zu ihrer Rückkehr in die Geschichte. Die berechtigte Abscheu vor dem nationalsozialistischen Unrecht und die latent vorhandene Bereitschaft zur Kollaboration im Zeichen der Bruderschaft sozialistischer Ideologien werden von den Kommunisten für dieses Ziel instrumentalisiert. Hinzu kommt, daß im politischen Alltag die zweihundert Jahre alten, zutiefst reaktionären Begriffe "links" und "rechts" zu einer Schubladisierung geführt haben, die geradezu groteske Züge angenommen hat, obwohl sie zur Orientierung in einer von Internet und Globalisierung geprägten Zeit absolut untauglich sind. Im zu Ende gehenden Jahrhundert dienten sie den totalitären Massenbewegungen als Schlagwaffen, um sich selbst voneinander abzugrenzen. Dabei sortierten sich viele Nationalsozialisten selbst "links" ein, um ihre sozialistische Herkunft auszudrücken. Goebbels sprach noch in seiner berüchtigten Rede, in der er den "Totalen Krieg" ausrief, vom sozialistischen Krieg des ganzen Volkes. Die Kommunisten hingegen ordneten die Nationalsozialisten "rechts" ein und nannten sie "Faschisten" oder "Nazis", um sie verbal vom Sozialismus zu trennen.

So unsinnig das "Rechts-links-Schema" heute auch ist, die politische Realität wird von ihm beherrscht. Es ist gewissermaßen "amtlich anerkannt" und wird von allen praktiziert, die über die Deutungshoheit in den Medien verfügen. Die politische Strategie der rot-grünen Sozialisten ist bemüht, alle in den europäischen Traditionen verwurzelten Konservativen christlicher, liberaler, nationaler und sozialer Prägung als "Rechte" politisch zu kriminalisieren. Die sozialistische Strategie der Machterhaltung und Machterweiterung instrumentalisiert die Gewalt brutaler Glatzköpfe und Extremisten, deren Bekämpfung für jeden Demokraten selbstverständliche Pflicht ist, zum "Kampf gegen Rechts" und gegen "rechte Gewalt". Damit werden alle, die nicht links, sprich sozialistisch sind, zum Gegner im "antifaschistischen Kampf" nach dem Motto: "Wer rechts ist, bestimmen wir." Diese perfide Strategie unterstellt, daß der nationalsozialistische Teufel mit dem kommunistischen Beelzebub ausgetrieben werden könne, und nimmt in Kauf, die Kommunisten in einer Art Volksfront an die Macht zu bringen, was genau deren Ziel ist. Doch auch wenn man das nun einmal allgemein verbindliche "Rechts-links-Schema" akzeptiert, würde eine "Rechte", ebenso wie die Linke, zur Funktionsfähigkeit einer freiheitlichen Demokratie gehören, es sei denn, man sei zum Verzicht auf die parlamentarische Demokratie bereit. Eine Demokratie ohne "Rechte" verkäme nämlich zur "Volksdemokratie" unseligen Angedenkens mit einem antifaschistischen Block unter Führung einer Einheitspartei.

Um es ganz anders auszudrücken: Der Adler, deutsches Staatssymbol, seit Karl der Große die Figur des vergoldeten Adlers über der Kaiserpfalz zu Aachen anbringen ließ, hat zwei Flügel, einen rechten und einen linken. In unterschiedlicher Form führten ihn Reichsfürsten und Reichsstädte durch die Jahrhunderte. Das Deutsche Reich 1871 und die Weimarer Republik zeigten ihn ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland seit 1949 als Symbol ihrer Souveränität. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages im Berliner Reichstag haben ihn in jeder Sitzung vor Augen. Immer hat der Adler zwei Flügel, nur so kann er fliegen, heute und auch in der Zukunft. Auch eine lebendige Demokratie braucht einen rechten und einen linken Flügel, sonst stürzt sie ab.

Freiheit oder Sozialismus? Diese Grundfrage des zu Ende gehenden Jahrhunderts ist damit beantwortet. Nach den Erfahrungen der deutschen Geschichte kann die Antwort nur lauten: Freiheit!