17.10.2021

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30.12.00 Ostpreußen und seine humanistischen Gymnasien

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Dezember 2000


Der Untergang einer privilegierten Schulform
Ostpreußen und seine humanistischen Gymnasien
von Bruno Hantel

Während es diesen Schultyp heute gar nicht mehr gibt, berechtigte einst nur der Besuch einer altsprachlichen Lehranstalt zur Aufnahme an eine Universität. Seit 1870 durften schließlich Absolventen der "griechischlosen" Realgymnasien Mathematik, Naturwissenschaften oder neuere Sprachen studieren. Immer größerer Beliebtheit erfreuten sich die seit 1882 bestehenden "lateinlosen"  Oberrealschulen. Doch erst die Schulkonferenz von 1900 brachte die Gleichstellung der drei vorhandenen Typen. 82 Prozent aller Abiturienten kamen in dem Jahr aber noch von einem Gymnasium; 1920 war es nur noch jeder zweite. Zur gleichen Zeit wurden die technischen Hochschulen durch Verleihung des Promotionsrechtes den Universitäten gleichgestellt. Die höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend, die Oberlyzeen, existierten erst ab 1908. Fünf Jahre später konnten die "Oberlyzeistinnen" durch eine Nachprüfung die volle "Maturität" (Hochschulreife) erwerben. Nachdem die letzten Seminaristen 1926 die Erste Lehrerprüfung für das Lehramt an Volksschulen abgelegt hatten, wurden aus den Lehrerseminaren vielerorts die sogenannten Aufbauschulen ins Leben gerufen. Die zwölf- und dreizehnjährigen Jungen und Mädchen wurden in dieser neuen Schulform nach sieben Jahren zum Abitur geführt.

Außer den bisher erwähnten Schultypen gab es noch etliche "Mischformen". Ausgiebig Gebrauch gemacht wurde beispielsweise von der Möglichkeit, in der Mittelstufe (Untertertia bis Untersekunda) statt des Griechischen nach Latein und Französisch als dritte Fremdsprache Englisch zu wählen.

Den vorletzten "Todesstoß" erhielten die humanistischen Gymnasien dann 1937. Die bunten Schülermützen wurden verboten und die Schuldauer von neun auf acht Jahre reduziert. Die Mädchenschulen traf letztere Maßnahme erst 1940. Nach vier Grundschuljahren kam man nicht mehr in die Sexta, sondern in die Klasse 1.

In den beiden ersten Klassen stand Latein sechs- und danach viermal auf dem Stundenplan. Über sechs Jahre hin wurde ab der 3. Klasse in fünf Wochenstunden Griechisch vermittelt. Die alten Sprachen waren also um je eine Stunde gekürzt worden. Das Fach Religion fiel ab Klasse 5 ganz fort. Dafür erfuhren die "Leibeserziehung", Geschichte und Biologie eine Aufwertung.

Englisch war fortan ab der 5. Klasse mit drei Wochenstunden Pflicht- und Französisch ein Jahr später Wahlfach. So brachten es viele Schüler in 14 Fächern auf 37 Stunden in der Woche. Wenn man dann noch den obligatorischen Dienst in der Hitlerjugend an zwei Nachmittagen oder Abenden bedenkt, war das schon eine unzumutbare Belastung. Viel einschneidender als die Kürzung im altsprachlichen Bereich war die Umwandlung der meisten Gymnasien in Oberschulen. Per Gesetz betraf das alle Orte, wo das Gymnasium die einzige höhere Knabenlehranstalt war. Zu nennen wären hier umter anderem die Städte Osterode, Deutsch Eylau, Rößel und Lötzen; in Königsberg verlor das Wilhelm-Gymnasium seinen altsprachlichen Charakter. Die bisherigen Oberrealschulen und Realgymnasien nannten sich nun Oberschulen. Die erste Fremdsprache war Englisch. Von Klasse 3 an war Latein verbindlich. In der Oberstufe konnte man zwischen Französisch oder verstärktem naturwissenschaftlichem Unterricht wählen. Die Provinzhauptstadt behielt das seit 1698 existierende "Friedrichskolleg" und das noch 400 Jahre ältere Altstadt-Kneiphof-Gymnasium am Großen Domhof als humanistische Bildungsstätten mit zunächst 500 Jungen (Mädchen blieben ihre Tore nahezu völlig verschlossen). Als Oberstudiendirektoren wirkten bis zum Untergang Königsbergs Dr. Schumacher und Dr. Mentz.

Die Gründung des Elbinger Gymnasiums wurde auf das Jahr 1535 und die des Tilsiter auf 1586 datiert. Die Leiter dieser Schulen waren die Herren Skrey und Dr. Abernetty.

Weit jünger als ihre "hehren Schwestern" waren die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründeten Gymnasien Insterburgs und Allensteins. Ersteres war nach und nach zu einem schwachen einzügigen Zweig unter dem Dach der größeren Oberschule geschrumpft. Während nicht nur in Ostpreußen die altsprachlichen Schulen zumindest zahlenmäßig in den Hintergrund traten, wuchs das staatliche Gymnasium Allensteins zu Anfang des Krieges auf 16 Klassen mit etwa 400 Schülern an. Doch das war vorrangig auf die Auflösung der Missionsschulen in Mehlsack und danach in Oberschlesien zurückzuführen. Diese Doppelzügigkeit wiesen im deutschen Osten nur noch die Gymnasien in Breslau, Gleiwitz, Oppeln und Stettin auf. Die letzten Direktoren des bis heute noch fast unverändert gebliebenen Klinkerbaus hießen Dr. Friebe, Wilhelm Bock (vorher in Lyck) und Walter August (davor Wilhelms-Gymnasium in Königsberg).