17.10.2021

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30.12.00 Seit fünf Jahren: Das "Deutsche Theater" in Königsberg

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Dezember 2000


"Wir sind die letzten Mammute …"
Seit fünf Jahren: Das "Deutsche Theater" in Königsberg
Von York Freitag

Als der Kleinbus nach zweieinhalbstündiger Rüttelfahrt über notdürftig geflickte Straßen im 163-Seelendorf Uhlenhorst/Lenkimmen, Kreis Angerapp ankommt, ist es früher Abend. Die Schauspieler werden bereits erwartet. Neugierig herzugelaufene Halbwüchsige umlagern die sich reckenden Königsberger. Doch Frieda, das aus Sibirien stammende resolute Oberhaupt der jetzt rußlanddeutschen Siedlung, mahnt: "Wo habt Ihr die Fahrräder? Los, holt die Kühe von der Weide. In einer Stunde beginnt die Vorstellung!"

Bald trotten vereinzelt Kühe über den Sandweg, finden von selbst ihren Stall. Und schon pilgern die ersten Schaulustigen, Kind wie Greis, zu Friedas Scheune. Hier gibt der hohe Besuch aus der Gebietshauptstadt, das "Deutsche Theater" in Königsberg, punkt acht den Auftakt zu seinem mitreißenden Programm: "Kein schöner Land in dieser Zeit", klingt es versonnen trotz grotesk anmutender Nachbarschaft von Traktor, Kreissäge und Misthaufen. "Schaffenstreffen" nennen die Mitwirkenden ihr Potpourri aus deutschen Liedern, Tänzen und Schwänken, und ihre auf rohen Holzbänken sitzenden Landsleute, aus Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Sibirien übergesiedelte Rußlanddeutsche, lauschen gebannt.

Der Kontrast zwischen den liebevoll gefertigten farbenfrohen Nationaltrachten und der prosaischen Kulisse kommt Viktor Pretzer, Intendant des Deutschen Theaters, nicht ungelegen: Vorherbestimmtes meidet er wie der Teufel das Weihwasser, er schwört auf das Überraschungsmoment, die Improvisation. Wohl auch deshalb setzt der deutschstämmige Theatermacher mit der russischen Seele auf solche Auftritte in den provinziellsten Ecken des Königsberger Gebiets, deren Besuch übrigens kostenfrei ist. Doch auch Rußland selbst steht auf dem alljährlichen Gastspielplan der seit fünf Jahren aktiven Truppe: so Moskau, Saratow, Wolgograd, Nowosibirsk, verschiedene Nationalrayons. Auch im Altaigebiet mit dem deutschen Rayon Halbstadt, in Baschkirien, Polen, Litauen und in der Bundesrepublik ist man bereits mit Erfolg aufgetreten.

Und  überall wird konsequent auf  deutsch agiert. Natürlich weiß das Theater  um die Besonderheit seiner Zuschauer, die die deutsche Sprache nicht immer perfekt beherrschen. Indes der Erfindungsreichtum der Mimen, die mit den verschiedenen audiovisuellen Möglichkeiten, die die Bühne bietet, souverän und aktionsreich umgehen, wie auch die eingesprochene russische Übersetzung helfen, die in schwäbischer Mundart artikulierte Botschaft zu verstehen. Daß der Funke der Begeisterung aufs Publikum überspringt, bedingt auch das Bewußtsein der gemeinsamen wolgadeutschen Herkunft, das trotz der Komik, die den meisten Stücken anhaftet, stets durchschimmert und eine imaginäre Verbindung zwischen Akteuren und Zuschauern schafft.

"Und wir werden nie vergessen dieses deutsche Wolgaland, wo die Väter einst gesessen, wo sie rührten ihre Hand", klagt das "Lied der Wolgadeutschen". Die Sehnsucht nach den Landstrichen der Ahnen durchzieht Spiel wie Alltag gleichermaßen. So daß sich der Verdacht aufdrängt, der Hang zur Komödie sei im Grunde clownhaft maskierte Tragik kollektiv ererbten Emigrantenschicksals. Denn mehr als zwei Jahrhunderte gelebtes Deutschtum im Ausland bedeutet längst nicht mehr das Bewahren des Deutschen schlechthin, sondern einer speziell gewachsenen Identität, die an das Rauschen der Wolga und den Verzehr von Schnittsup, eines traditionellen rußlanddeutschen Gerichts, genauso gebunden ist wie an die Pflege spezifischer Folklore und eigener Bühnenstücke.

Dabei ist die Geschichte der rußlanddeutschen Theaterkultur überraschend jung. Als Zarin Katharina II. im Jahre 1763 die ersten deutschen Kolonisten ins Zarenreich holt, kann von planmäßiger kultureller Entwicklung keine Rede sein. Die Urbarmachung der ihnen zugewiesenen Wolgagebiete und deren Verteidigung vor feindlichen Übergriffen nomadisierender Stämme erfordern sämtliche Kräfte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wird der Wunsch nach eigenen künstlerischen Ausdrucksformen wach: Laienschauspieler finden sich zusammen, und in fast jeder deutschen Kolonie entwickeln sich Liebhaberbühnen.

Das Jahr 1930 gilt als offizielle Geburtsstunde des rußlanddeutschen Theaters: In Engels (bis 1932 Pokrowsk – d. Red.), der Hauptstadt der einstigen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD), wird das Deutsche Staatstheater, das erste Theater in der Geschichte der Deutschen Rußlands und der Sowjetunion, gegründet. Dies geht de facto auf einen Erlaß Lenins von 1918 zurück, der die Entwicklung der Nationalkulturen der kleinsten Völker Rußlands ausdrücklich forderte. Die zwölfjährige Verzögerung hängt vor allem mit den Problemen in Politik und Landwirtschaft zusammen, denen sich die autonome Wolgarepublik in jenen Jahren des kommunistischen Aufbaus ausgesetzt sieht.

Aber nun ist das Eis gebrochen, nun geht es Schlag auf Schlag: 1931 eröffnet die Musik- und Theaterfachschule Dnjepropetrowsk in der Ukraine eine deutsche Abteilung, die bald als eigenständiges Deutsches Gebietstheater in Erscheinung tritt. 1933 organisiert sich auf Beschluß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine und des Volkskommissariats für Bildungswesen in Odessa ein deutsches Theaterstudio,  das aufgrund der Nachfrage bald in das Deutsche Arbeiter-Kolchos-Theater umstrukturiert wird. Aus den besten Amateurkünstlern sowie Angehörigen des Deutschen Staatstheaters geht zwei Jahre darauf im Kanton Marxstadt an der Wolga das erste interkantonale Kolchos-Sowchos-Theater hervor, das sich, wie das ebenfalls 1935 ins Leben gerufene Kolchos-Sowchos-Theater in Balzer, als Wanderbühne versteht.

Diese fünf Ensembles touren in den Folgejahren durch die deutschen Nationalrayons. Ihre fruchtbare Tätigkeit trägt entscheidend zur Anhebung des Kulturniveaus sowie zur Stärkung des Nationalbewußtseins der Rußlanddeutschen bei. Die größten Schwierigkeiten bereitet die begrenzte Auswahl an entsprechenden Stücken. Eigene Dramatiker gibt es kaum. So greift man auf russische Autoren zurück oder inszeniert Klassiker wie Lessing, Schiller, Shakespeare, Molière, aber auch deutsche Zeitgenossen. Hierbei erfahren die noch unbewanderten Bühnenpioniere Unterstützung von berühmten russischen Schauspielern und Regisseuren sowie von Politemigranten aus dem Deutschen Reich.

Obwohl gerade letztere vehemente Gegner des sogenannten Hitlerfaschismus sind und die deutschen Bühnen mit ihrem Repertoire (wie etwa mit Friedrich Wolfs Vierakter "Das trojanische Pferd"; Deutsches Staatstheater Engels) offen gegen den Status quo im Reich Front machen, geht der Kelch der einsetzenden stalinistischen Repressalien gegen alles Deutsche auch an ihnen nicht vorüber. Bereits 1936 muß das Gebietstheater Dnjepropetrowsk seine Pforten schließen.  Mehr und  mehr Künstler  emigrieren, dennoch setzen die übrigen  deutschen Spielstätten ihre Arbeit mit unvermindertem Engagement fort.

Dann kommt das Jahr 1941. Bereits im Frühling wird das Marxstädter Wandertheater liquidiert, die restlichen drei sowjetdeutschen Bühnen in Engels, Odessa und Balzer ereilt Stalins völkerverachtender Rundumschlag mitten in ihren Sommergastspielen. Nach einem Jahrzehnt der friedlichen künstlerischen Entfaltung folgen Vertreibung, Hunger und Tod. Die meisten werden nach Kriegsende und Jahren der Zwangsarbeit in der Arbeitsarmee nie wieder eine Bühne betreten.

Erst die Tauwetter-Nachwirkungen des Poststalinismus bewirken eine Lageverbesserung auch der deutschen Minderheit in der UdSSR. Am 26. Juni 1974 beschließt das ZK der KPdSU, in einer der Hauptstädte der Sowjetrepubliken oder in einem der Gebietszentren ein deutsches Schauspielhaus zu eröffnen. Doch läutet dies keineswegs eine Trendwende ein. Denn zur Realisierung kommt es erst am 26. Dezember 1980 – und zwar in Temirtau im Karagandinskaja Oblast in Kasachstan, was nicht nur in geographischer Hinsicht ein Vorsichhindümpeln am Rand jeglichen Geschehens bedeutet: Es bleibt bei dieser einen deutschen Bühne, der so gesehen lediglich eine Alibifunktion zukommt.

Auch die mit der Perestroika einsetzende Werteorientierung am westlichen Ausland ändert nichts an dieser Situation, im Gegenteil, sie macht sie noch diffuser. Nun beginnen nämlich die Deutschstämmigen in Richtung Westen zu streben, sie wollen, nicht zuletzt von aufkommenden Nationalitätenkonflikten getrieben, heim ins gelobte Mutterland. Das Publikum schmilzt rasant, für Kunst hat man in diesen Zeiten radikaler politischer Umwälzungen ohnehin weder Sinn noch Geld. So brechen auch die Künstler ihre Zelte ab, von neuem desillusioniert, aber zugleich voller neuer Hoffnungen. Nicht alle kommen bis Deutschland. Das nördliche Ostpreußen, nach dem Zerfall des Sowjetimperiums russische Exklave, gilt von nun an als Auffangbecken für Abenteurer jeglicher Couleur, zudem als Hort friedlichen Nebeneinanders – wie auch als Sprungbrett in den Westen.

Und hier, in der Gebietshauptstadt Königsberg, formiert man sich neu. Die aus Kasachstan stammenden Rußlanddeutschen Viktor Pretzer und Katharina Schmeer, beide Absolventen der Moskauer Schtschepkin-Theaterhochschule, heben am 28. November 1995 das "Deutsche Theater" in Königsberg aus der Taufe. Die nunmehr einzige deutsche Bühne Rußlands sieht sich – wie schon ihre Schwester in Kasachstan – in der Tradition der rußlanddeutschen Theater der 30er Jahre. "In unseren Herzen haben die Träume und Erwartungen unserer älteren Bühnenkollegen heißen Widerklang gefunden", so Viktor Pretzers Credo.

Nicht zuletzt deshalb zieht es den Idealisten nicht wie die meisten seiner Landsleute in die BRD. "Alles, was ich tue, tue ich für mein Wolgaheimatland und als Erinnerung an unsere Vorfahren", bekennt der 34jährige Theaterdirektor, und etwas bitter fügt er hinzu: "Wir sind die letzten Mammute. Falls irgendwann der letzte Zug mit Rußlanddeutschen nach Berlin fährt, nehmen wir den allerletzten Waggon."

Oder – falls einst niemand mehr über Viktors Clownerien Tränen lacht – wie Tante Frieda aus Lipki das Feld bestellen und Kühe züchten? Dies wäre dem Hobbybotaniker, der zudem einen medizinischen Abschluß in der Tasche hat, denn doch zu arg gegen den Strich gebürstet: "Ich bin der erfüllte Wunsch meines Großvaters, der immer einen Schauspieler in der Familie wollte. Auch meine Mutter hätte das Zeug dazu gehabt, aber der Krieg hat aus ihr eine Melkerin und Schweinemagd gemacht." Nun ist wenigstens der Enkel, der schon als Erstkläßler ein Kurzdrama verfaßte, "etwas Besonderes" geworden. Heute freilich hat er Größeres im Sinn, von dem allerdings vieles wegen akuter Finanzierungssorgen auf Eis liegt. Ganz oben steht die ursprünglich für das diesjährige Jubiläum geplante Herausgabe der Chronik "Geschichte der deutschen Theater in der Sowjetunion von 1930 bis 1941" sowie von "Mei’ Wolgaland, mei’ Heimatland", einer Sammlung von 200 rußlanddeutschen Liedern und Tänzen, zu der bereits zwei Musikkassetten vorliegen. Zudem sollten die Tagebücher Helene Zweiningers, die ein authentisches rußlanddeutsches Frauenschicksal nachzeichnen, publiziert werden. Immerhin ist deren von Katharina Schmeer verfaßte Bühnenversion "Die Greisin" am 28. November, pünktlich zum Theatergeburtstag, zur Uraufführung gelangt.

Aber es spricht noch mehr für Königsberg, Viktors erklärtes Sprungbrett an die Wolga: Hier am Theater hat man Verpflichtungen wie etwa die Arbeit im ethnographischen Zentrum, das alles zum Thema Rußlanddeutschtum sammelt. Hier leisten das hauseigene Tonstudio und der Schneidersalon "Wolgaer Trachten" ihren Beitrag zur Bewahrung der (rußland)- deutschen Folklore. Hier soll ein entsprechendes Museum entstehen. Und: Hier leitet Viktors Frau Ludmilla, Deutschlehrerin am "Gymnasium Nr. 1", die Kindertheatergruppe "Die Glöckchen". Für das Gedeihen der Jungmammuts scheint also gesorgt. Denn die Unterweisung des Nachwuchses, das haben die Nationalvisionäre erkannt, ist auch und gerade hier die wichtigste Zukunftsinvestition.