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06.01.01 Gedenken an den Historiker und Schriftsteller Ferdinand Gregorovius

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Januar 2001


Die Gemüter bewegt
Gedenken an den Historiker und Schriftsteller Ferdinand Gregorovius

Die alte Burg der Neide/ Der Heimat Stolz und Freude,/ Sie will ich preisen hoch,/ Ich bin aus ihrem Turme/ Ein Falk, der sich im Sturme/ Ins weite Land verflog", rühmte einst Ferdinand Gregorovius, der Historiker und Dichter aus dem ostpreußischen Neidenburg seine Vaterstadt. Das "weite Land" waren für den Ostpreußen, der vor 180 Jahren, am 19. Januar 1821, das Licht dieser Welt erblickte, die Länder am Mittelmeer, Griechenland, aber vor allem Italien mit seiner Hauptstadt Rom. 1854 schrieb er an seinen Königsberger Lehrer Karl Rosenkranz: "Hier nun in Rom steht der Mensch vor der Geschichte still wie vor der göttlichen Notwendigkeit und legt stumm seine Waffen und auch seine Schmerzen nieder... Rom hat mich, so darf ich sagen, in das Menschliche gefördert, und wenn ich auch nichts mehr leisten sollte, als diese innere Welt zu veredeln, so waren diese Jahre schon Ewigkeit und ein Kultus, da der Mensch aus dem Profanen in das Mysterium aufgenommen wird ..."

Man schrieb den 2. Oktober 1852, da der Neidenburger, der sich selbst als einen historische Studien treibenden Schriftsteller sah, seinen Fuß auf römischen Boden setzte. – Heute erinnert eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus in der Via Gregoriana an den Ostpreußen und Verfasser der "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter". Aus Enttäuschung über die gescheiterte 48er Revolution in seiner Heimat und um seinen Freund, den Maler Ludwig Bornträger, in Italien zu besuchen, hatte sich Gregorovius am 2. April 1852 auf den Weg gemacht. Bornträger allerdings war drei Tage später in Pisa gestorben, und so ging Gregorovius zunächst nach Korsika. – "Korsika", so der Ostpreuße in seinen Tagebuchaufzeichnungen, "entriß mich meinen Bekümmernissen, es reinigte und stärkte mein Gemüt; es befreite mich durch die erste Arbeit, deren Stoff ich der großen Natur und dem Leben selbst abgewonnen hatte, es hat mir dann den festen Boden unter die Füße gestellt …"

Als Ferdinand Gregorovius dann am 2. Oktober 1852 ("4 1/2 nachmittags") Rom erreichte, wo er im Hotel Cesari am Corso abstieg, führte ihn sein erster Weg auf das Kapitol und auf das Forum – "noch spät ins Kolosseum, darüber der Mond stand. Worte habe ich nicht zu sagen, was da alles auf mich einstürmte …"

Nahezu auf den Tag genau zwei Jahre später trifft der Ostpreuße einen folgenschweren Entschluß: "Ich beabsichtige, die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter zu schreiben ... Ich faßte den Gedanken dazu, ergriffen vom Anblick der Stadt, wie sich dieselbe von der Inselbrücke S. Bartolomeo darstellt. Ich muß etwas Großes unternehmen, was meinem Leben Inhalt gäbe …"

Zwei Jahrzehnte später war diese Arbeit abgeschlossen. Vom Vatikan allerdings wurde sie nicht begeistert aufgenommen, sondern vielmehr auf den Index gesetzt – "ein Pfeil, weniger gegen mich als gegen Preußen", wie Gregorovius erkannte. "Ich bedachte alle meine Mühen, meine Leiden und Freuden, meine große Leidenschaft, was alles ich in mein Werk versenkt hatte, und ich pries die guten Genien, welche über mir gewacht zu haben schienen, daß ich es ungestört vollendete ... Hätten die Priester meine ,Geschichte‘ nach dem Erscheinen der ersten Bände mit dem Interdikt belegt, so existierte das Werk heute nicht, denn dann verschlossen sich mir alle Bibliotheken Roms ... Mein Werk ist vollendet und breitet sich in der Welt aus; der Papst macht ihm jetzt Reklame …"

Am 25. Dezember 1872 notiert er in seinem Tagebuch: "Mit dem Jahre 1872 schließt sich eine runde Zeitepoche von 20 Jahren römischen Lebens für mich ab. Ich blicke mit Befriedigung auf diesen langen Weg zurück, wo ich mich unter unsagbaren Mühen ans Licht emporgearbeitet habe. Meine Lebensaufgabe ist vollendet …"

22 Jahre bleibt der Neidenburger in Rom; neben seinem Hauptwerk schreibt er dort auch die Lebensgeschichte einer berühmt-berüchtigten Frau, der Lucrezia Borgia. 1874 kehrt Gregorovius nach Deutschland zurück. Am 14. Juli 1874 ist sein letzter Tag in Rom. Er notiert: "Mein Entschluß steht fest: mit meinen Geschwistern in Deutschland mich wieder zu vereinigen. Meine Mission in Rom ist beendigt. Ich war hier ein Botschafter in bescheidenster Form ... Ich kann von mir sagen, was Flavius Blondus von sich gesagt hat: ich schuf, was noch nicht da war, ich klärte elf dunkle Jahrhunderte der Stadt auf und gab den Römern die Geschichte ihres Mittelalters. Das ist mein Denkmal. So darf ich ruhig von hinnen gehen ... Ich könnte wohl auch noch bleiben. Aber es sträubt sich ein selbstbewußtes Gefühl in mir gegen die Vorstellung, hier mich in Einsamkeit zu überleben und in Rom zu altern, wo alles neu wird und sich verwandelt und ein neues zudringliches Leben mir bald alte liebgewordene Pfade bedecken und unkenntlich machen wird …"

Er läßt sich in München nieder, besucht aber immer wieder in den nächsten Jahren den Mittelmeerraum. Seine Münchener Wohnung ist geprägt von seinen römischen Jahren. So schildert er einer Freundin in Rom seine neue Umgebung: "Wenn Sie meinen Salon sähen, würden Sie Genugtuung empfinden, denn wie einfach er auch ist, so weht doch durch ihn ein Hauch der Künste Italiens ... Und so lebe ich hier inmitten der römischen Illusionen und Erinnerungen …"

Wie sehr Gregorovius doch von seiner Heimat, von Ostpreußen und von Neidenburg geprägt war, zeigt eine Tagebuchnotiz vom 11. Dezember 1864. Er erwähnt darin Pauline Hillmann, eine Jugendfreundin aus Nordenthal. "Pauline schickte mir in diesen Tagen das Bild des Neidenburger Schlosses auf Pergament, als Lichtschirm geformt. Das ehrwürdige Schloß war ein großer Faktor in meiner kleinen Lebensgeschichte – es geht davon ein Bezug auf die Engelsburg in Rom. Ohne jene Neidenburger Rittertürme hätte ich vielleicht die ,Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‘ nicht geschrieben."

Im Frühherbst 1860 hatte er noch einmal seine Heimat Ostpreußen ("So hat mich nicht Pompeji bewegt, als es dieser Garten meiner Jugendspiele tat") besucht, und als Gregorovius am 1. Mai 1891 in München starb, hinterließ er seiner Vaterstadt Neidenburg sein Vermögen und die Honorare aus seinen Schriften zur Ausbildung armer Kinder ohne Ansehen ihrer konfessionellen Zugehörigkeit. – 1912 wurde seine Asche entgegen seinem Wunsch nicht in alle Winde zerstreut, sondern am Neidenburger Burgberg im Sockel eines Denkmals für seinen Vater Ferdinand Timotheus Gregorovius beigesetzt. Noch heute ist dieses Monument erhalten – allerdings in einem äußerst desolaten Zustand. Die Kreisgemeinschaft Neidenburg bemüht sich seit langem, das Denkmal wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen zu lassen.

Über das Denkmal, das Stadtbaumeister Neuhaus entwarf, schrieb Hans Lippold 1963 im Ostpreußenblatt: "Dieser Gedenkstein verdankte seine Entstehung Ferdinand Gregorovius. Er hatte nämlich in seinem Testament bestimmt, daß seinem Vater auf dem Schloßberg ein Ehrenmal gesetzt werden sollte mit der Angabe, daß die Stadt den Bemühungen seines Vaters Erneuerung und Erhaltung der Burg zu verdanken habe. Nach Ferdinands Wunsch sollte es sich um eine steinerne Säule handeln. Die Stadt erfüllte als Universalerbin erst einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg den Wunsch ihres großen Sohnes, wenn auch in anderer Form, und errichtete ein Denkmal, in dem auch die Urnen der Söhne Ferdinand und Julius beigesetzt wurden und an dem die Tafeln auf diese drei Namensträger hinwiesen.

Die Haupttafel erinnerte an den Vater Ferdinand Timotheus Gregorovius. Er, dessen Vorfahren schon vor 300 Jahren in Masuren ansässig waren, entstammte einer Pfarrerfamilie und wurde 1780 in Gonsken, Kreis Treuburg, geboren. Nach seinem Studium in Königsberg war er Justizbeamter im damaligen preußischen Neuostpreußen. Im Jahre 1805 heiratete er dort in Mariampol seine erste Frau, eine im Kreise Tilsit geborene Tochter des späteren Kreisrats Kausch, war dann Justizamtmann in Tapiau und kam 1809 als Kreisjustizrat nach Neidenburg. Den Zeitgenossen erschien er dort in silbergestickter Uniform mit silbernen Epauletten, den Roten Adlerorden auf der Brust. Sie schätzten ihn als einen beherzten und pflichtbewußten Mann. Eines Augenleiden wegen legte er 1835 sein Amt nieder, trat zwei Jahre später in den Ruhestand und starb 1848 in Neidenburg. Auf seinen Antrag hin wurde die Neidenburg mit Unterstützung des Oberpräsidenten Theodor von Schön, des später zum Burggrafen von Marienburg ernannten Staatsministers, durch die preußische Regierung von 1828 bis 1832 wiederhergestellt und als Gerichtsgebäude eingerichtet. 1833 bezog die Familie Gregorovius dort ihre Dienstwohnung.

Die zweite Gedenktafel trägt den Namen des größten Sohnes der Stadt, des Ehrenbürgers von Rom, des Geschichtsschreibers, Schriftstellers und Dramatikers Dr. Ferdinand Gregorovius (1821–1891).

Die dritte Tafel erinnert an Julius Gregorovius (1819–1891). Er war Artillerieoffizier in Graudenz, machte den Krieg 1870/71 mit Auszeichnung mit und nahm 1874 als Oberst und Regimentskommandeur seinen Abschied ... Er lebte zuletzt unverheiratet wie sein Bruder Ferdinand, in dessen Münchner Häuslichkeit, wo er nach schwerer Krankheit noch vor des Bruders Tod starb."

Ferdinand Gregorovius hat einmal über sich selbst gesagt: "Ich suche Forschung und künstlerische Darstellung zu vereinigen und wünsche auch, daß man mir zugäbe, die Kunst des Erzählers zu besitzen, welche in Deutschland nicht häufig ist." – Wie kaum ein anderer seiner Zeit hat der Neidenburger mit seinem Werk, das auch heute noch interessierte Leser findet, die Gemüter bewegt. Historiker oder Dichter? Oder gar beides gemeinsam? Über diese Fragen wurden sich selbst Experten nicht einig. Zweifellos aber hat der Ostpreuße mit seinem Werk das Italienbild der Deutschen ebenso nachhaltig beeinflußt wie Johann Wolfgang von Goethe. Silke Osman