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06.01.01 Chronisch leere Kassen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Januar 2001


Chronisch leere Kassen
Junge Russen versuchen die Insterburger Burg zu erhalten

Insterburg war eine blühende kreisfreie Stadt gut eine Autostunde östlich von Königsberg. Das war einmal. Heute haben Armut und Verfall auch diese Stadt fest im Griff, obwohl sie als eine der besterhaltenen im Königsberger Gebiet gilt. Vom einstigen Stadtzentrum rund um die Lutherkirche und den alten Markt ist nichts geblieben außer einer öden Pflaster- und Betonplattenwüste, kaum vorstellbar, daß hier einmal das pralle Leben pulsierte.

Auch die Schloßruine bröckelte jahrzehntelang immer weiter ab. Doch nun ist es auch bei oberflächlichem Hingucken nicht mehr zu übersehen – es tut sich was im Insterburger Schloß.

Rundherum wirkt das Gelände aufgeräumt, ein ordentlicher Zaun mit hellgrünem Metalltor umgibt es.

Und es hat seinen Namen wieder. Samok Insterburg steht in kyrillischer Schrift auf dem grünen Tor – Insterburg, nicht "Tscherniakhowsk".

Schloß Insterburg, wie das Projekt auf deutsch heißt, soll also leben.

Am Ende des Weges kann es heißen: "Auferstanden aus Ruinen", aber Auferstehungen dauern etwas länger, vor allem, wenn das Geld fehlt.

Die vielen jugendlichen Gesichter fallen gleich beim Betreten des Hofes auf. Die Begeisterung ist ansteckend, mit der sich ein junger Mann auf jeden Besucher stürzt und fragt, ob er das Museum zeigen dürfe.

Andrej Nikolajewitsch Smirnow heißt er und ist in Insterburg geboren. Er hat eine Kunstakademie absolviert und seine Malereien und Grafiken nicht nur im Königsberger Gebiet ausgestellt. Werke von ihm waren schon in Ausstellungen, Galerien und privaten Sammlungen in Europa, den USA und Australien zu sehen.

Jetzt arbeitet er im Schloß, wo ein Teil seiner Bilder ausgestellt ist, als Kunstmaler, aber eigentlich ist er so etwas wie ein Kustos oder künstlerischer Leiter.

Jeder, der mitarbeitet, dürfe auch eigene Werke ausstellen, erzählt er von den vielen jungen Mitarbeitern und Praktikanten, die zum Teil im Schloß wohnen. Ein fröhlicher Hauch von Jugendherberge liegt über allem – das Schloß lebt, sagt Andrej.

Sein Bernsteinbildnis zweier Frauen, für das er fast ein ganzes Kilo Bernstein verwandte, zeigt er noch schnell, dann kommt er schon zum nächsten Vorhaben, bei dem die Schloßgruppe mitmacht. Noch in diesem Herbst wird das Ehrenmal für das 12. Litthauische Ulanenregiment vor dem Schloß wieder hergestellt und feierlich enthüllt.

Andrejs Optimismus scheint grenzenlos, wenn er in einer mit englischen Sprachbrocken angereicherten deutsch-russischen Sprachmelange von "seinem" Schloß und allen Aktivitäten erzählt. An Aktionen wie mittelalterlichen Burgfesten und Ritterspielen habe die ganze Schloßgruppe schon etliche Male teilgenommen, erklärt er einige Fotos und hofft, daß das Projekt dadurch etwas bekannter wird.

Im nördlichen Ostpreußen wächst die Zahl der Menschen, die nach der Geschichte ihrer Heimat fragen. Sie wollen wissen, was fünfzig Jahre totgeschwiegen wurde. Sie hoffen, diesem geschundenen Land mit der Vergangenheit auch sein Gesicht zurückzugeben.

Alwina Iwanowa ist so ein Mensch. Sie hat schon während ihrer Zeit als Kulturamtsleiterin angefangen, sich für die Ruine der Insterburg zu interessieren, damals ein einsturzgefährdetes Ensemble von Mauerresten, Geröllbergen und überwuchertem Schutt.

Schon 1997 horchte man auf, als Grabungsarbeiten in der Gegend das Siegel des Amtsgerichtes zutage förderten, aber richtig in Schwung kam der Wiederaufbau erst, als Alwina Iwanowa 1998 die Leitung übernahm.

Die resolute Frau hat es sich zum Ziel gesetzt, die 1336 von Dietrich von Altenburg, dem Hochmeister des Deutschen Ordens, gegründete Schloßburg zu restaurieren. Mit ihrer Fähigkeit, Menschen zu begeistern, hat sie eine Gruppe von tatkräftigen Mitarbeitern an das Projekt gebunden.

Jugendliche Arbeitskräfte bestimmen das Bild, viele machen hier gerne ihre Praktika, und internationale Jugendlager im Sommer bringen die Arbeit weiter voran.

Bei der chronischen Ebbe in russischen Stadtkassen ist es ein Wunder, daß überhaupt etwas passiert. Nach mittlerweile gut sechzig Jahren ungebremsten Verfalls ist der Zustand der meisten Gebäude aus deutscher Zeit bedenklich, auch bisher scheinbar noch ganz gut erhaltene Gebäude sind plötzlich fast rettungslos baufällig. Jedes Jahr zählt nun, die Zeitbombe tickt, mehr über kurz als über lang verrottet die alte Substanz gänzlich. Mit staatlichen Hilfen ist für den Schloßaufbau kaum zu rechnen, und von internationaler Förderung, kann man hier nur träumen. Allen Beteiligten ist klar, daß der für den kompletten Wiederaufbau auf sieben Millionen Mark veranschlagte Investitionsbedarf nie zu finanzieren sein wird.

So wird auch künftig russische Improvisationskunst bestimmend sein.

Trotzdem herrscht hier unerschütterlicher Optimismus, alle sehen das fertige Schloß schon in den verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten vor sich.

Über alle Schwierigkeiten hinweg bauen sie an ihrer Vision einer Begegnungsstätte für alle Menschen, die in dieser Stadt leben, aus ihr stammen und hier zu Gast sein wollen oder sie einfach nur lieben.

Im Erdgeschoß ist ein großzügiges Büro und Clubzimmer mit ostpreußischen Erinnerungsstücken entstanden. Die ersten Räume im Obergeschoß sind auch schon halbwegs fertig und werden als Museum genutzt. Alle Exponate sind Zeugnisse deutscher Geschichte, aus dem Schutt zusammengesammelt, mühsam aufgearbeitet und liebevoll drapiert.

Nachdem die jungen Enthusiasten 1998 als erstes den Schloßhof von meterhohem Schutt gesäubert hatten, zogen sie auf die Walze, um in Stadt und Landkreis zusammenzusuchen, was für ein Museum nur irgend brauchbar sein könnte. Ihre Sammlung wurde dann bald von Historikern der Königsberger Universität gesichtet und bewertet, denn offiziell ist das Museum ein Teil der Universität.

Alte Stadtansichten, durchschossene Stahlhelme, ein Kasten voll Interburger Bierflaschen, ein Kleiderbügel des alten Bekleidungshauses Brendel, Alltagsgegenstände findet man dort, Dinge, die fast unwirklich erscheinen, Zeugnisse einer Zeit, die so gründlich ausgelöscht wurde, als ob es sie nie gegeben hätte.

Man ist froh, daß die Stadtkreisgemeinschaft von Anfang an Feuer und Flamme für dieses Projekt war und im Oktober 1998 auch formell ihre Unterstützung zusagte. Sogar Teile der Insterburger Stuben in Krefeld, die sich auf das Leben in Insterburg beziehen, sollen in die Heimat zurückkehren.

Auch Andrej Smirnow sieht die Zusammenarbeit so, wie es der Insterburger Kreisausschuß formulierte: das Schloß soll ein gemeinsames Museum für die alten und die heutigen Bewohner werden und ein lebendiges Stück Völkerverständigung und Aussöhnung sein. Die Insterburger würden ihnen sehr helfen, lobt er, nur ein wenig mehr Publizität in Deutschland wünscht er sich für das Schoß schon.

In Insterburg gibt es wieder Menschen, die erkannt haben, daß es Zukunft ohne Vergangenheit nicht gibt. Unverdrossen setzen sie ihren Traum in winzigen Schritten in die Tat um. Ein Luftschloß ist es nicht, woran sie bauen. Es ist ein Schloß der Hoffnung, dieser Stadt mit ihrer Geschichte auch ihr Gesicht zurückzugeben. BJD