26.01.2022

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27.01.01 Die 68er und die klugen Köpfe

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Januar 2001


Gedanken zur Zeit:
Die 68er und die klugen Köpfe
Legendenbildung einer radikalen Minderheit / Von Wilfried Böhm 

Ein kluger Kopf soll hinter der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) stecken, heißt es. Auf die Leser mag das in ihrer Mehrheit zutreffen. Kluge Leute denken konservativ, liberal, sind freiheitlich-demokratischen Werten verpflichtet und bejahen das staatliche Gewaltmonopol. Darum sind sie auch bedächtig abwägend, nicht impulsiv und ganz gewiß nicht bereit, auf den Putz zu hauen, kurz: sie sind vernünftige Zeitgenossen.

Hingegen sind kluge Köpfe in der Redaktion des FAZ-Feuilletons seltener als bei der Leserschaft. Hat dieses Feuilleton doch unlängst seine Seiten mit einer engagierten Verteidigung des Joseph Fischer aufgemacht. Florian Illies hat sie verzapft und darin zugleich versucht, die Kritiker Fischers gnadenlos herunterzuputzen. Diese Kritiker, so Illies, hätten im Bundestag "mit gnadenlosem Anständigkeitspathos" den Außenminister "für den Rest seines Lebens unter Sittlichkeitsverdacht stellen wollen". Angesichts solcher Majestätsbeleidigung wurde dem Gutmenschen Illies "wirklich ganz sonderbar zumute." Offenbar in diesem Zustand bemühte er Gottfried Benn, der gewußt habe, "daß es die Brüche sind, die Irrtümer, die Diskontinuitäten – und die Reflexion darüber – die einen Menschen und seinen Politiker ausmachen. Und seine Glaubwürdigkeit". Auf den konkreten Fall bezogen heißt das, daß der Steine werfende und randalierende Revoluzzer von 1968 "einen Menschen ausmacht", wenn er denn nur durch die Institutionen marschiert ist. Argwohn hingegen, so Illies, sei angebracht gegenüber den selbstgerechten Tugendwächtern, die aus "Langeweile und Mutlosigkeit eine moralische Legitimation ableiten" und über die sich der Herr Feuilletonist mokiert, weil sie ihre Karriere nicht in Straßenkämpfen, sondern in der Jugendorganisation einer demokratischen Partei begonnen haben.

Die konzertierte Aktion zur Legendenbildung durch eine Art Heiligsprechung der 68er läuft auf vollen Touren. Die Zielrichtung ist eindeutig. Fischer selbst hat sie im Bundestag angegeben, als er voller Selbstüberschätzung sagte: "1968 und das Folgende hat zu mehr Freiheit und nicht zu weniger Freiheit in diesem Lande geführt." Derselbe Fischer hat nach eigenem Bekenntnis in den 70er Jahren die Schriften von Manès Sperber oder Solschenizyn, in denen die marxistische Realität entlarvt wurde, "sofort wieder weggelegt". Erst später will er sie dann "verschlungen" haben.

Die reale Gefahr für die deutsche und europäische Freiheit erwuchs aus der Ignoranz der 68er gegenüber dem vom hochgerüsteten Moskau gesteuerten real existierenden Sozialismus. In dem auf Atombomben gestützten "Kampf für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt" waren die 68er hochwillkommen als "nützliche Idioten", ideologisch und materiell steuerbar, sowie verwendbar bei der Ablenkung von Freiheitsbestrebungen im kommunistischen Ostblock. So wurde die freie Universität in West-Berlin systematisch zum marxistischen Stützpunkt entwickelt, um Unruhe in die "Fronststadt" zu bringen, damit der Westen ihrer überdrüssig werde und die Kommunisten sie übernehmen könnten.

Im Kalten Krieg waren die 68er ein durchaus gefährliches trojanisches Pferd, angefüllt mit Klassenkämpfern, Halbgebildeten, die kluge Bücher "sofort wieder weglegten", Narren und solchen, die mit jugendlichem Übermut einfach nur auf den Putz hauen wollten. Zu mehr als zur Besatzung eines trojanischen Pferdes reichte es aber glücklicherweise schon von der Zahl her nicht. Es gehört zur Legendenbildung um die 68er, wenn es heißt, es habe sich bei ihnen "um die damalige junge Generation" gehandelt. Es war "eine kleine radikale Minderheit" der Studenten und erst recht der gesamten jungen Menschen unseres Landes, die Mao-Bibeln schwenkend und mit Ho-Chi-Minh-Rufen im Sturmschritt über die Straßen hüpften, die blutige kommunistische Diktatoren hochleben ließ und die Universitäten terrorisierten. Weit unter einem Prozent jener jungen Generation mochte dazu gehören, die jetzt von Fischer und Co. in Anspruch genommen wird.

Es war die "fehlende Massenbasis", die Deutschlands Freiheit rettete, nicht etwa die spätere bessere Einsicht einiger Revoluzzer. Insbesondere aber waren es die deutschen Erfahrungen mit allen Formen des real existierenden Sozialismus, des braunen rassistischen wie des roten marxistischen, die den Wahn der 68er stoppten.

Politisch überlebt hat ein Teil der Revoluzzer durch Annahme der Aufforderung Willy Brandts zum "Marsch durch die Institutionen" mit Hilfe der SPD, die strategisch geschickte Usurpation des Umweltschutzes und das Eindringen von K-Gruppen in die Grüne Partei.

Anfang der achtziger Jahre reichte es den Deutschen. Helmut Kohl versprach eine geistig-moralische Wende, was die Wähler als Auseinandersetzung mit den 68ern, ihren Mitläufern und ihren Helfershelfern verstanden. Doch diese Wende blieb aus. Im Gegenteil, mit Hilfe ihres Einflusses auf viele Medien haben sich die 68er (in freier Anlehnung an Bertolt Brecht) "einfach ein anderes Volk erzogen", das es mittlerweile gewohnt ist, die Ereignisse in den sechziger und siebziger Jahren durch die Brille der damaligen "kleinen radikalen Minderheit" zu sehen. Je mehr Medien an dieser Umerziehung leichtfertig oder bewußt teilnehmen, umso weniger wissen die Deutschen, daß sie ihre Freiheit nicht dank, sondern trotz der 68er bewahrt und gefestigt haben. Diese aber haben gewiß viel Spaß dabei, wenn sie derweil singen:

"Bullenputzer war der Vater im Frankfurter Staatstheater, heute sitzt er mit Genossen in den schweren Staatskarossen".