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10.02.01 "Preußen – diese Idee lebt fort" / Grußwort des Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Februar 2001


"Preußen – diese Idee lebt fort"
Grußwort des Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber

Herzlich grüße ich die Teilnehmer der Veranstaltung, mit der die Landsmannschaft Ostpreußen an die Krönung des ersten preußischen Königs erinnert. Leider muß ich Sie enttäuschen: Die Bitte nach einem kurzen Grußwort kann ich allerdings beim besten Willen nicht erfüllen. Mit dem Phänomen Preußen in all seiner Vielschichtigkeit kann man sich eben nicht nur kurz und knapp auseinandersetzen.

Preußen hat Vergangenheit, vielleicht auch Zukunft, aber leider keine Gegenwart. So sehr ich mich darüber freue, daß diese Veranstaltung an Preußen erinnert, so deutlich müssen wir doch erkennen, daß wir Deutsche heute mit diesem Land zu wenig zu tun haben: Preußen ist uns fremd geworden, vielleicht auch lästig – ein Thema für Feuilletonisten und das Nachtprogramm. Der Zugang zu Preußen wird uns erschwert durch Vorstellungen von Pickelhauben und Säbelgerassel. Daß diese Vorstellungen wenig mit preußischer Realität zu tun haben, mindert nicht ihre Wirksamkeit.

Aber obwohl Preußen immer wieder gescholten und schließlich gar verboten wurde, bleibt die Faszination dieses Landes, das vom Großen Kurfürsten bis zu König Wilhelm I. eine Dialektik von Disziplin und Freiheit, von Strenge und Toleranz, von Kriegsbereitschaft und Friedfertigkeit entwickelt hat. Preußen läßt in seiner Deutung und Beurteilung bis auf den heutigen Tag beinahe alles zu – nur nicht Gleichgültigkeit.

Als Bayer von Geburt und Neigung liegt mir Preußenverherrlichung fern. Gerade als Bayer aber denke ich daran, daß wir ohne Preußen und ohne den Einsatz Friedrichs des Großen gegen den annexionswilligen Kaiser Joseph II. schon seit zweihundert Jahren Österreicher wären – gewiß nicht das schlimmste aller Lose, aber doch der Verlust der bayerischen Identität. Und was wäre aus Deutschland geworden ohne Preußen? Sicher nicht die Großmacht, die – nach vierzig Jahren des Friedens – in den Ersten Weltkrieg zog, aber gibt es wirklich Grund zur Annahme, ein nicht von Preußen geeintes Deutschland hätte ein ruhigeres zwanzigstes Jahrhundert erlebt? Schließlich muß man bei jeder Betrachtung Preußens und Deutschland, sei sie wohlwollend, sei sie ablehnend, immer doch im Blick behalten, daß es auch noch einen Rest der Welt gibt: Preußen ist eben nicht nur ein schwieriges Subjekt, sondern auch ein Objekt der Geschichte.

Deshalb meine ich, daß wir dreihundert Jahre nach der Krönung Friedrichs I. sine ira et studio an dieses Phänomen herangehen dürfen: Was an Preußen kritikwürdig war – und niemand hat Preußen schärfer kritisiert als die Preußen, die es liebten, wie etwa ein Theodor Fontane –, soll gern vergangen sein, aber insgesamt bot Preußen doch mehr: eine eigene, unverwechselbare und faszinierende Idee von Pflichten, Tugenden und vor allem der Rechtsstaatlichkeit. Und diese Idee lebt fort.