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10.02.01 Preußens Erbe – Deutschlands Zukunft

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Februar 2001


Preußens Erbe – Deutschlands Zukunft
Aus dem Festvortrag von Prof. Dr. Klaus Hornung

Wieder einmal ist Preußen in diesen Wochen durch die Erinnerung an den 18. Januar 1701 in vieler Munde, Berufener wie Unberufener. 1981 hatte im Gropius-Bau die große Ausstellung unter dem Titel "Versuch einer Bilanz" stattgefunden. 1986 erinnerte man sich an den 200. Todestag Friedrichs des Großen, und die damalige DDR holte das herrliche Reiterstandbild aus der Hand Christian Daniel Rauchs aus dem Versteck im Sanssouci-Park wieder an den angestammten Platz "Unter den Linden" als Versuch einer freilich ideologisch begrenzten Identitätsbildung.

Doch ist im Blick auf diese Ver-suche skeptisch zu fragen: Was haben sie für unser politisches Bewußtsein erbracht? Hans-Joachim Schoeps hat dazu mit Recht gesagt: "Geschichte ist keine Gemäldegalerie, in der ich mich beim Anschauen schöner Bilder in ästhetischem Wohlgefallen ergehen kann, sondern nur da wird Geschichte für mich lebendig, wird Vergangenheit zur Gegenwart, wo ein Wirkungskonnex stattfindet, wo echte Begegnung geschieht, ein Gespräch anhebt über die Zeiten hinweg, daß Kräfte auf mich hinüberstrahlen", um dann den Grafen Paul Yorck von Wartenburg zu zitieren: "Echte Begegnung mit geschehener Geschichte ist immer eine virtuelle Kraftübertragung." Zu einem solchen Versuch möchten die folgenden Überlegungen anregen.

Ein amerikanischer Historiker, Prof. R. G. Walton, hat in einem Vortrag zum 108. Jahrestag der Reichsgründung am 18. Januar 1979 vor dem Arbeitskreis Preu-ßen in Münster die Rolle des preußischen Erbes in der neueren Geschicht Deutschlands das "wahrscheinlich schwierigste Problem" genannt, das deutsche Historiker zu bewältigen haben. Es gilt in der Tat zwischen Scylla und Charybdis hindurchzusteuern, zwischen kritikloser Verklärung Preußens einerseits, die auch in einer Stunde wie dieser durchaus unpreußisch wäre, wie andererseits ebenso unkritischer Abneigung.

Gerade gegenüber Preußen ist, in den Worten Nietzsches, eine nur antiquarische Geschichtsbetrachtung ebenso unangemessen wie eine monumentalisch heroi-sierende, der kaum jemand zuhören würde. Es geht um eine ebenso kritische wie engagierte Urteilsweise.

Ein in mancher Hinsicht nicht falsches, manchmal aber auch recht bequemes Urteil über Preußen geht auf eine berühmte Äußerung der Madame de Stael in ihrem Buch "De l’Allemagne" (1810) zurück, die das "Doppelgesicht" und den "Januskopf" Preußens hervorhob, eines militärischen und eines philosophischen, wie sie sagte.

Diesem Urteil sind bis heute viele gefolgt: Militärstaat und Kulturstaat, Absolutismus und Aufklärung stehen oft seltsam unverbunden nebeneinander, schon etwa in der Person des großen Königs selbst, eine Dichotomie von Militärstaat und Prinzipien und Praxis des Rechtsstaats, reformerischem Elan und blinder Reaktion, wirtschaftlichem und industriellem Fortschritt bis ins 20. Jahrhundert hinein neben politischer und gesellschaftlicher Stagnation. Dieses Doppelgesicht ließe sich bis in unvereinbare Spannungen fortsetzen, hat sich doch der durchaus unpreußische Nationalsozialismus immer wieder propagandistisch auf das preußische Erbe berufen und ist andererseits der deutsche Widerstand gegen Hitler unleugbar vor allem aus preußischer Wurzel entstanden.

Und eine historische Binsenwahrheit sei gleich noch hinzugefügt: Auch dieses Preußen hat sich in den 200 Jahren vom Großen Kurfürsten bis zu Kaiser Wilhelm II. geschichtlich gewandelt. Das Preußen Friedrichs des Großen und dasjenige Friedrich-Wilhelms IV., obwohl durch kaum ein Jahrhundert getrennt, sind weitgehend unvergleichlich, desgleichen etwa das Preußen der friederizianischen Reitergenerale Ziethen und Seydlitz und das des bürgerlichen Artilleristen und Militärreformers Gerhard von Scharnhorst. Man wird daher stets sagen müssen, von welchem Preußen und welcher Epoche man spricht.

Das eigentliche preußische Erbe mit seiner kraftvollen Ausstrah-lung erblicke ich zwischen etwa 1713, dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I., und dem Ende der Epoche Kaiser Wilhelms I. und Bismarcks 1890. (…)

Versteht man mit Kurt Kluxen Geschichte als "kritische Hand-lungswissenschaft", also als eine unerläßliche Voraussetzung poli-tischen Denkens, Urteilens und Handelns, dann kommt man über das dümmliche "Wie weit haben wir es gebracht!" hinaus. Dann belehrt uns die Geschichte über die Fülle menschlicher Möglichkeiten in ihren Höhen und Tiefen, über die Vielfalt auch der politisch-gesellschaftlichen Gestaltungen, der Menschen- und Staatsvorstellungen. Dann lehrt sie uns nicht nur, was damals falsch, schief, gefährlich war, sondern auch heute und hier bei uns. Dann verlassen wir den Umgang mit Geschichte als einer Einbahnstraße auf dem Weg eines angeblich unablässigen Fortschritts, sondern dann betreten wir eine Zweibahnstraße, auf der nicht die Heutigen den Altvorderen den unbarmherzigen Prozeß machen, sondern sich auch die Gegenwart ins kritische Licht der Vergangenheit stellt.

So haben wir gerade auch heute allen Anlaß, die tiefen Schatten unserer ach so emanzipierten Gegenwart zu beachten, die so oft auf die Gefahren eines totalitären Nihilismus und neuen Despotismus hindeuten. Es hat ja nicht mit einem angeblichen konservativen "Kulturpessimismus" zu tun, wenn man auf den ständig anschwellenden Pegel der Gewalt in den Gesellschaften des so hochgelobten "westlichen Zivilisationsmodells" aufmerksam macht, auf Kriminalität, Drogensucht und egoistische Kälte unter uns oder auf die wachsenden Erfolge der Manipulation einer geschichtslosen Spaßgesellschaft durch die Kommandohöhen in Medien und Politik, die an Zynismus oft kaum zu überbieten ist.

Vor diesem aktuellen Hinter-grund wird "Preußen" in der Tat –wie Frank-Lothar Kroll soeben gesagt hat – zum "Kontrastprogramm" zur modernen Massendemokratie mit ihrem Primat radikaler individueller Selbstverwirklichung und ihrem ausfransenden gesellschaftlichen Pluralismus, ein wahres Antidot unserer Wohlstands- und Konsumgesellschaft der Gefälligkeit und Bequemlichkeit.

Natürlich kann man nicht die vielbeschworenen preußischen Tugenden einfach sozusagen umtopfen in einen ganz anderen gesellschaftlichen moralischen und religiösen Boden.

Aber gerade wem die Stabilität und Dauer unserer eigenen Staats- und Gesellschaftsordnung am Herzen liegt, wer ihre Defizite an Gemeinsinn, Verantwortungsbewußtsein, Autorität erkennt, der wird wenigstens in ein ganz realistisches Kalkül ziehen müssen, daß im Erbe Preußens unverzichtbare, geradezu lebensnotwendige Kräfte enthalten sind, die Anworten zu geben vermögen auf die zentrale Frage "Was hält eigentlich unsere liberale Gesellschaft zusammen?". Hier finden wir Quellen von Tugenden, also gelebten Haltungen, die wir wahrlich bitter nötig haben.

Ralf Dahrendorf hat einmal die politischen und wirtschaftlichen Prinzipien der "freien Gesellschaft" "cold projects" genannt, die aber letztlich niemand ergreifen und den einzelnen nicht veranlassen, mit seinen Interessen und Egoismen zurückzutreten und doch Erfüllung zu finden in dem "In Freiheit dienen", wie Theodor Fontane den Kern des preußischen Erbes so unvergeßlich formuliert hat.

Die Fundamente dieses Erbes gehen bis auf die Deutschen Or-densritter und die frommen Zisterzienser zurück, die so unvergeßliche Bauzeugen gerade hier in Brandenburg geschaffen haben. Ohne dieses Erbe wird auch unsere heutige Ordnung nicht überdauern: Ein Dienstethos für das bonum commune, die Hingabe für das Ganze, die auch durch Mißbrauch nicht als Tugend zerstört werden kann und darf, Askese und Zucht, Bindungen des Glaubens und der Gottesfurcht, die vor Machtmißbrauch bewahren, maßvolle Nüchternheit statt wilhelminische Großmannssucht, die heute ja bei uns die Gestalt des Turbokapitalismus im Zeichen der Globalisierung angenommen hat.

In unserer sehr realen Gegenwart von Korruption und Selbstbedienung in Wirtschaft, Politik, Medien sind eben saubere Verwaltung, unparteiische Justiz, korruptionsarme  Wirtschaft Richtmarken, über die unsere Spaßgesellschaft nur zu ihrem eigenen Schaden und eventuellen Untergang spotten kann. Der antipreußischen Propaganda im In- und Ausland seit 1918, heute bei uns vor allem im Gewand des sogenannten "Antifaschismus", der nichts von Geschichte begreift und begreifen will, soll es nicht gelingen, dieses preußische Erbe als notwendiges Kontrastprogramm madig zu machen.

Lassen Sie mich schließen mit einem Zeugnis aus und über den deutschen Widerstand als einem wahrlich großen Zeugnis über das Erbe Preußens in extremis, dem Moabiter Sonnett Albrecht Haushofers:

 

Gefährten

Als ich in dumpfes Träumen heut versank,

sah ich die ganze Schar vorüberziehn:

Die Yorck und Moltke, Schulenburg, Schwerin,

die Hassell, Popitz, Helferich und Planck –

nicht einer, der des eignen Vorteils dachte,

nicht einer, der gefühlter Pflichten bar,

in Glanz und Macht, in tödlicher Gefahr,

nicht um des Volkes Leben sorgend wachte.

Den Weggefährten gilt ein langer Blick:

Sie hatten alle Geist und Rang und Namen,

die gleichen Ziels in diese Zellen kamen –

und ihrer aller wartete der Strick.

Es gibt wohl Zeiten, die der Irrsinn lenkt.

Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt.