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10.02.01 "Scharnhorst" durchbrach den Ärmelkanal

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Februar 2001


Das historische Kalenderblatt: 12./13. Februar 1942
"Scharnhorst" durchbrach den Ärmelkanal
Zusammen mit "Gneisenau" und "Prinz Eugen" gelang dem Schiff der strategische Rückzug

Das Auffinden des deutschen  Schlachtschiffes "Scharnhorst" im Nordmeer durch das norwegische Marine-Expeditionsschiff "H.U. Sverdrup II" im letzten Sommer hat den Herausgeber der Reihe "Schiffe, Menschen, Schicksale" Uwe Greve bewogen, dieses Schiffsschicksal vor andere, eigentlich geplante zu setzen und es bereits jetzt in der Nummer 84/85 zu thematisieren. In einem Kapitel wird dabei auch eines der gewagtesten Unternehmen in der Geschichte der deutschen Kriegsmarine beschrieben, "Cerberus", der Durchbruch der "Scharnhorst", ihres Schwesterschiffes "Gneisenau" und des Schweren Kreuzers "Prinz Eugen" durch den Ärmelkanal.

Nach erfolgreichen Atlantikoperationen im Rahmen des Handelskriegs waren "Scharnhorst" und "Gneisenau" am 22. März 1941 zu Überholungsarbeiten im deutschen Stützpunkthafen an der französischen Atlantikküste Brest eingelaufen, zu denen später dann auch noch "Prinz Eugen" stieß. Während des durch pausenlose Bombenangriffe sich in die Länge ziehenden Hafenaufenthaltes der Schiffe geriet das Deutsche Reich zunehmend in die Defensive. Deutschland verlor die sogenannte Luftschlacht um England, der Stolz seiner Flotte, die "Bismarck", wurde versenkt, und die Vereinigten Staaten von Amerika stärkten nach ihrem Kriegseintritt noch stärker seine Gegner, als sie es vorher schon getan hatten.

Adolf Hitler beschloß hierauf einen Rückzug der schweren Einheiten in die Heimat. Hier schienen sie weniger gefährdet und konnten zudem von hier aus gegen die von ihm nun befürchtete Invasion in Norwegen eingesetzt werden. Nach langen, reiflichen Überlegungen entschloß sich die deutsche Seekriegsleitung zum Durchbruch durch den Englischen Kanal. Dieses gewagte Unternehmen wurde noch dadurch erschwert, daß die Benutzung der küstennahen Wege, die unter ständiger Minenkontrolle waren, nicht in Frage kam, da die großen Schiffe wegen des flachen Wassers dort nicht ihre volle Geschwindigkeit ausnutzen konnten. Für diese schwierige Aufgabe wurde dem Ersten Kommandanten der "Scharnhorst", Vizeadmiral Otto Ciliax, der Befehl übertragen.

Sämtliche verfügbaren Torpedoboote und Zerstörer wurden nach und nach in und um Brest als Begleitschutz zusammengezogen. Zur Freiräumung des gewählten Weges wurden die 1., 2., 4., 5. und 12. Minensuchboot-Flottille sowie die 2., 3. und 4. Räumboot-Flottille eingesetzt, die Nacht für Nacht den Seeweg durch den Kanal abkämmten. Zur Abwehr des britischen Radars bereitete man neuartige Täuschungs- und Störmittel vor. Es wurde auf strengste Geheimhaltung geachtet. Um britische Agenten und Zuträger vor Ort zu täuschen, wurden sogar umfangreiche Vorbereitungen für ein längeres Verweilen getroffen.

Anfang Februar 1942 war auf allen Schiffen die volle Gefechtsbereitschaft hergestellt und die Ausbildung mit einem Kaliberschießen aller Waffen abgeschlossen. Am 11. des Monats erhielt die "Scharnhorst" den offenen Befehl, für eine Nachtgefechtsübung seeklar zu machen. Ciliax kam mit seinem Stab an Bord, und in der Nacht zum 12. lief die Scharnhorst in Begleitung der "Gneisenau" und der "Prinz Eugen" aus. Als alle Verbindungen mit dem Lande abgebrochen waren, erhielt die bis dahin völlig ahnungslos belassene Besatzung durch den Bordlautsprecher Kenntnis von dem beabsichtigten Kanaldurchbruch.

Die Sicherung bildeten sechs Zerstörer, zu denen später die 2., 3. und 5. Torpedoboot-Flottille mit zusammen 14 Booten stießen. Außerdem wurden alle verfügbaren Boote der 2., 4. und 6. Schnellboot-Flottille sowie zahlreiche Einheiten des Befehlshabers der Sicherung West (BSW) und des Befehlshabers der Sicherung der Nordsee (BSN) eingesetzt. Mit 27 Knoten strebte der Verband, aus der Luft unterstützt von 176 Zerstörern und Jägern der Luftflotte 3, gen Osten.

Die Geheimhaltung und die Täuschung zahlten sich jetzt aus. Als mittags die engste Kanalstelle bei Kap Gris-Nez passiert wurde, hatten die Briten noch nichts bemerkt. Erst auf der Höhe von Le Touquet setzte das britische Feuer durch Küstenbatterien ein. Es folgten Motor Torpedo Boat (MTB)-, Torpedoflugzeug-, Bomber- und Zerstörerangriffe in rascher Folge. Der Einsatz von insgesamt 600 britischen Bombern, wobei 49 Maschinen nicht wieder zurückkamen, führte auf deutscher Seite nur zu einem Treffer auf einem Zerstörer, der jedoch nicht schwer genug war, um diesen zum Sinken zu bringen.

Mehr Erfolg hatte der Gegner mit seinen Minen. Um 15.32 Uhr lief "Scharnhorst" auf die erste Grundmine, die zu einem "geringen Wassereinbruch im Vorschiff" führte. Um 22.35 Uhr folgte ein zweiter Minentreffer. Die "Scharnhorst" konnte jedoch ebenso wie ihr Schwesterschiff, das nur einmal getroffen wurde, und die anderen Einheiten die Fahrt fortsetzen.

Während "Gneisenau" und "Prinz Eugen" in der Frühe des nächsten Morgens die Elbe ansteuerten, lief die "Scharnhorst" in den Jadebusen ein, um bald darauf – mit einiger Beschädigung, aber ohne einen Mann verloren zu haben – das Ziel, Wilhelmshaven, zu erreichen. Der Kanaldurchbruch war erfolgreich vollzogen, doch auch ein erfolgreicher Rückzug ist ein Rückzug. Mit der Aufgabe von Brest als Basis für schwere Überwasserstreitkräfte hatten die Deutschen auch deren ozeanische Kriegführung aufgegeben. Manuel Ruoff