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17.02.01 Die Geheimnisse des Alfred Sirven ziehen ihre Kreise auch nach Deutschland

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. Februar 2001


Elf-Aquitaine-Affäre:
Der Mann, der zuviel weiß
Die Geheimnisse des Alfred Sirven ziehen ihre Kreise auch nach Deutschland
von Hans B. v. Sothen

Sir Alfred nennt man ihn oder ganz einfach "der Mann, der zuviel weiß". Seine Geheimnisse lassen in diesen Tagen zwischen Sahara und märkischer Heide so manchen Angehörigen der classe politique erzittern. Dabei ist Alfred Sirven sein märchenhafter Aufstieg nicht an der Wiege gesungen worden. Als Jugendlicher bei der französischen Résistance, focht er später im Koreakrieg für Frankreich als Sergeant der Infanterie und wurde mit sieben Auszeichnungen für seinen Mut geehrt. Doch suchte er in Korea auch andere Abenteuer. Im April 1952 nutzte er seinen Ausgang, um eine japanische Bank zu überfallen, was ihm ein Jahr Gefängnis einbrachte. Geschadet hat ihm das später nicht. Im Gegenteil. Die Angelegenheit wurde Teil eines Mythos, den der allmächtige Alfred bald um sich selbst sponn. Er nutzte seine koreanischen Verbindungen und seine Sympathien für die Gaullisten, um beim Ölmulti "Mobil-Oil" 1956 seine Karriere zu beginnen.

Als nützlich erwies sich dabei schon damals seine Mitgliedschaft zur größten Freimaurerloge Frankreichs, dem "Grand Orient". Er stieg auf als Personalmanager in einer von Frankreichs bekanntesten Firmen. Dort erwarb er Fähigkeiten, die er später benutzte, indem beispielsweise seine gewerkschaftlichen Gegner einfach kaufte.

Seine Karriere erreichte im Juni 1989 ihren Höhepunkt, als Sirven in ein luxuriöses Büro im 41. Stockwerk des Pariser Elf-Glaspalastes einzog, quasi als inoffizieller Bankier der Regierung von Präsident François Mitterrand. Dort saß er, offiziell als Nummer zwei des Konzerns, hinter Loïk Le Floch-Prigent, in dessen Gefolge er an die Spitze des Unternehmens kam. Tatsächlich aber aber war er die Nummer eins. Bis 1993, also bis zum Ende der Tätigkeit Sirvens bei Elf, war die Erdölfirma "Botschafter Frankreichs in Afrika", wie Le Floch-Prigent es etwas schönfärberisch ausdrückte.

Der Lohn für seine Geheimtätigkeit während der folgenden vier Jahre bis zur Privatisierung des Elf-Aquitaine-Konzerns wurde auf umgerechnet etwa 130 Millionen Mark geschätzt. Der inzwischen ebenfalls in Ungnade gefallene Loïk Le Floch-Prigent erhob inzwischen schwere Vorwürfe gegen Sirven und sein gigantisches globales Bestechungssystem. Denn Elf habe nach Belieben afrikanische Präsidenten und Politiker ein- und abgesetzt. Der Konzern habe, so Le Floch-Prigent, beispielsweise Präsident Omar Bongo in Gabun eingesetzt, ebenso wie Präsident Paul Biya in Kamerun. Der französische Ölkonzern war es ebenfalls, der in Nigeria, Tschad und Angola im Sinne der französischen Interessen in die Politik eingriff. Elf arbeitete, so der Ex-Elf-Chef, eng mit den Geheimdiensten zusammen und wurde selbst eine Art Geheimdienst-Abteilung.

Sirven wußte, daß Präsident Mitterrand Le Floch-Prigent einen Blankoscheck für Griffe in die Elf-Kasse ausgestellt hatte, um damit bei Bedarf den Freunden des Präsidenten auszuhelfen. Und Sirven machte von dieser Möglichkeit großzügig Gebrauch. Er wurde der Herr der Schwarzen Kassen, die in Frankreich ein so gigantisches Ausmaß erreicht haben, daß die Summen, um die es im deutschen Teil der Affäre geht, geradezu klein erscheinen. Insgesamt um 900 Millionen Mark soll Elf durch die Praktiken Sirvens gebracht worden sein. Ein riesiges Netz von Scheinfirmen und Bankkonten auf der ganzen Welt hatte er aufgebaut. Nur er kennt die Empfänger der Bestechungsgelder – nur er war zeichnungsberechtigt für die Auszahlungen.

Sirven verleitete seine attraktive Assistentin und Ex-Geliebte, Christine Deviers-Joncour, den damaligen französischen Außenminister Roland Dumas zu verführen und dessen Geliebte zu werden. Sie soll als Mittelsfrau dem Minister die finanziellen Wohltaten Sirvens zukommen lassen haben. Sie wurde aber vor allem auf den Minister angesetzt, um ihn von seinem Veto gegen eine Lieferung von Kriegsschiffen von Frankreich an Taiwan abzubringen, für die sich der Elf-Konzern stark machte, was sie offenbar auch schaffte. Seitdem sorgt die Dame, die sich selbst in einer jüngst erschienenen Autobiographie auch "Die Hure der Republik" nennt, für immer neue Schlagzeilen und pikante Aperçus in der Affäre.

Doch die zentrale Figur dieses ganzen Polit-Spektakels ist sie keineswegs. Das bleibt der geheimnisvolle Alfred Sirven. Und er war nicht allein. Inzwischen hat das Münchner Nachrichtenmagazin "Focus" bekanntgemacht, was etwa die liberale englische Wochenzeitung "The Observer" bislang nur andeutete: Sirven stützte sich bei seinem Aufstieg und bei seinen späteren Aktivitäten für die Elf-Aquitaine im wesentlichen auf ein old boys network, ein Altherren-Netzwerk, von Freimaurer-Brüdern aus dem französischen "Grand Orient". Ex-Außenminister Dumas ist dagegen führendes Mitglied einer Konkurrenz-Organisation, wie das französische Magazin "Le Point" berichtet. Einmal mehr beweist sich die Wahrheit des alten Spruches "Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat".

Zu den Elf-Begünstigten gehörten nicht nur Sirven selbst, seine philippinische Geliebte und die Verwandtschaft von Le Floch-Prigent, der sich jetzt ahnungslos gibt, sondern auch eine noch nicht vollständig ermittelte Anzahl erlauchter Politiker in Europa und Afrika. Die französische Ex-Europapolitikerin Édith Cresson soll zu den Begünstigten der Elf-Gelder angeblich ebenso gehören wie der frühere sozialistische Präsident Mitterrand und dessen Sohn Jean Christophe, der gaullistische Ex-Innenminister Charles Pasqua, Ex-Finanzminister Dominique Strauss-Kahn oder auch der vormalige deutsche Kanzler Kohl. Bislang sind erst 44 Namen aus dem beschlagnahmten Adreßbuch Sirvens identifiziert worden, ein "Who is who" der Politik Frankreichs und Europas. Eine Menge weitere werden wohl folgen. In der Tat dürften nicht wenige Begünstigte jetzt ein mulmiges Gefühl haben. Es dürfte kaum übertrieben sein, wenn Sirven kurz vor seiner Flucht in die Philippinen in vertrautem Kreis erklärt hatte: "Ich kann Frankreich zwanzigmal in die Luft jagen!"

Sollte es zu entsprechenden Detonationen kommen, werden sie vermutlich noch in Deutschland zu spüren sein. Ein Teil der 1992 erfolgten Zahlungen für ein Beraterhonorar (250 Millionen Francs, etwa 75 Millionen Mark) für das Leuna-Geschäft soll "an eine deutsche Partei", angeblich die CDU, geflossen sein, so schon 1998 der frühere Elf-Manager André Guelfi. Das Ganze, so will es die liberale Tageszeitung "Le Monde" wissen, war Teil der hohen Politik – und war wohl von Mitterrand eingefädelt: "Leuna-Minol symbolisierte die deutsch-französische Solidarität nach der Wiedervereinigung Deutschlands und brachte eine wertvolle Hilfe für Kanzler Kohl, der von einer Wahlniederlage bedroht war." Mitterand wollte Kohl um jeden Preis an der Macht halten. Daß bei der Privatisierung von Leuna-Minol im großen Umfang bestochen worden sein soll, hatte nicht erst André Guelfi vermutet. Bereits die Europäische Union hatte der Bundesregierung vorgeworfen, den Bau der Raffinerie in Leuna übermäßig subventioniert zu haben. Elf-Aquitaine bereichere sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers, hieß es damals in Brüssel. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ex-Staatssekretär Holger-Ludwig Pfahls und den saarländischen Geschäftsmann Dieter Holzer, der zusammen mit dem französischen Geheimdienstmann Pierre Léthier unter anderem für die Geldtransfers zuständig war.

Vehement hat sich Sirven allerdings bislang von der These distanziert, Helmut Kohl könne etwas mit der ganzen Chose zu tun haben. Beobachter vermuten allerdings, daß Sirven sich weiterhin einen gewissen Einfluß der alten Kohl-Umgebung auf Frankreich zu seiner eigenen Entlastung erhofft. Erst wenn diese nicht erfolgen sollte, behielte er sich eine Ausbreitung der einzelnen Details der Affäre vor. Zur Zeit schweigt er eisern. Bei seiner Festnahme auf den Philippinen hatte er sogar den Chip aus seinem Funktelefon genommen und verschluckt, wohl um die Nummer seines Telefons und seine letzten Gesprächspartner nicht preisgeben zu müssen.

Während seines kurzen Zwischenaufenthaltes in Frankfurt am Main zeigte Sirven nochmals seine beachtlichen schauspielerischen Talente. Auf einer Pressekonferenz fragte er, ob denn ein gleichaltriger Deutscher zugegen wäre: "Ich, der die Deutschen 1944 bekämpft habe, erhebe mich, um ihm die Hand zu schütteln. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!"

Wohl auf sanften Druck des deutschen Innenministers Otto Schily und auf Anweisung von Premierminister Jospin hat sich die französische Justiz jetzt dazu durchgerungen, einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß aus Berlin zu erlauben, in einigen Wochen nach Paris zu reisen, um Alfred Sirven zu befragen. Ein für französische Verhältnisse höchst ungewöhnlicher Schritt. Und nicht nur Sirven wird von dem Bundestagsausschuß befragt werden, sondern noch andere Zeugen. Es ist nicht auszuschließen, daß es trotz der in Deutschland vernichteten Leuna-Akten durch neues französisches Material oder durch Aussagen zu Überraschungen kommen kann. Wohl dem, der ein ruhiges Gewissen haben kann.